Standpunkt

Nikolaus vs. Weihnachtsmann – ein befremdlicher Streit

Aktualisiert am 08.12.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Jedes Jahr gibt es eine apologetische Debatte, die den Weihnachtsmann zugunsten des Nikolaus zurückdrängen will. Nicht nur, dass beide denselben Auftrag hätten: Ihr Jobsharing sei auch ein gutes Bild für die Kirche, kommentiert Werner Kleine.

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Es ist wieder so weit. Sankt Nikolaus hat für dieses Jahr eingepackt, der Weihnachtsmann packt aus. Beide, den frühadventlichen Episkopen wie den weihnachtlichen Laien, verbindet ein gemeinsamer Auftrag: Sie sind Botschafter der Nächstenliebe, bringen Geschenke und wollen vor allem Kinder glücklich machen. Der eine am 6 Dezember, der andere am 25. Dezember, dem Hochfest der Geburt des Herrn.

Mich befremdet deshalb der immer wieder aufkeimende Aktivismus um die Schaffung weihnachtsmannfreier Zonen. Der apologetisch aufgeladene Streit gipfelt dann Jahr für Jahr in der religiös wichtigen Textilfrage, dass ein Bischof eben nur mit Mitra "echt" ist. Und überhaupt: Ist der Weihnachtsmann nicht das Geschöpf findiger Marketingstrategen einer koffeinhaltigen braunen Brause?

Genau betrachtet stimmt weder das eine noch das andere. Der historische Bischof Nikolaus war nicht nur Teilnehmer des Konzils von Nicäa im Jahr 325, sondern auch Lycier. Als solcher trug er wahrscheinlich eine phrygische Mütze, die eher an eine Baskenmütze erinnert. Sie erinnert damit mehr an das kopfbedenkende Attribut des Weihnachtsmannes, als es manchem Verteidiger abendländischer Traditionen lieb ist. Zu der aber gehört eben auch der Weihnachtsmann, den Hofmann von Fallersleben bereits 1835 in dem Lied "Morgen kommt der Weihnachtsmann" besingt, lange bevor er schließlich im Jahr 1920 zur Werbeikone eines Kultgetränks aufsteigt. Ob man ihn da überhaupt um sein Einverständnis gebeten hat, ist nicht bezeugt …

Eigentlich könnte man sich also entspannt zurücklehnen und die Adventszeit genießen. Wer nicht nur auf die Äußerlichkeiten schaut, erkennt, dass der eine wie der andere mit der Botschaft der Geburt Jesu, dem wahren Gott und wahren Menschen, verbunden ist. Die jährlich geführte Diskussion um die Zurückdrängung des Weihnachtsmannes zugunsten des Nikolaus ist nicht nur kulturpessimistisch, sondern letztlich auch als erfolglos geblieben. Sie erinnert an Schokoladenfiguren, die, egal ob mit Mitra oder Mütze, hohl sind. Sie übersieht, dass der Bischof nur das erste Viertel der adventlichen Wegstrecke geht, während der Weihnachtsmann als Laie drei Viertel des Wegs bis zum Ziel bestreitet. Das ist in jedem Sinn wegweisend: Die Verkündigung der Gegenwart Gottes in dieser Welt obliegt den bischöflichen Kollegen des Heiligen Nikolaus ebenso wie denen, die wie der Weihnachtsmann einfach nur Menschen aus dem Volk, also Laien, sind. Vor allem an Letzteren scheint es zu hängen, will man nicht schon am Beginn des Wegs stehen bleiben …

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.