Hildesheimer Bischof für weniger Hysterie und mehr besonnenes Handeln

Wilmer über Einsatz gegen Armut: Wir könnten alle deutlich mehr tun

Aktualisiert am 22.12.2022  –  Lesedauer: 

Hildesheim ‐ Die gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Monate stimmen Bischof Heiner Wilmer nachdenklich. Im Interview spricht er darüber, was Politik und Kirche gegen Armut tun sollten, und erklärt, wie sich sein eigener Alltag verändert hat.

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Kalt, hungrig, einsam: Solche Gefühle sind Realität für immer mehr Menschen in Deutschland, an den Feiertagen genauso wie im Alltag. Diese Situation besorgt den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. In der Deutschen Bischofskonferenz ist er für soziale Fragen zuständig. Im Interview nimmt er jede und jeden in die Pflicht und erklärt, warum die Kirche in dunklen Zeiten mehr zu bieten hat als Hollywoodfilme.

Frage: Bischof Wilmer, wie blicken Sie persönlich auf die Entwicklungen der vergangenen Monate?

Wilmer: Diese Entwicklungen stimmen mich sehr nachdenklich. Ich sorge mich vor allem, weil sich die Schere zwischen arm und reich noch weiter öffnet. Mich besorgt, dass wir denen zu wenig Aufmerksamkeit schenken, die unterhalb des Existenzminimums leben, die die steigenden Heizkosten nicht mehr zahlen und die Folgen der Preissteigerungen nicht tragen können.

Außerdem geht mir durch den Kopf und auch durchs Herz, dass wir diesen Menschen als Kirche beistehen: mit direkter Unterstützung ebenso wie als Anwalt dieser Menschen, der den Staat in die Pflicht nimmt.

Frage: Was genau sind hierbei Aufgaben der Kirche?

Wilmer: Ganz konkret sind wir Seelsorgerinnen und Seelsorger. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen beizustehen. Dabei gilt: wirklich bei den Menschen zu sein; also Hausbesuche, Zuhören, in die Augen schauen, am Küchentisch sitzen, gemeinsam eine Tasse Tee trinken.

Außerdem ist es Aufgabe der Kirche, dass wir Licht in dunklere Zeiten bringen mit der Hoffnung, die in unserer Botschaft steckt. Diese Botschaft lautet: Gott steht hinter dir, er hält dich, mit Gott stürzen wir nicht in den Abgrund. So steht Kirche dafür, dass wir eine Hoffnung haben in Gott. Wir haben sozusagen die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal, wie es ausgeht. Das ist etwas anderes als Hollywoodfilme, bei denen am Ende immer alles gut ausgeht.

Und dann steht Kirche natürlich für konkrete Hilfsmaßnahmen. Wir leisten finanzielle Unterstützung für Menschen, die am Rand der Gesellschaft sind: in den Pfarreien und Bistümern, mit der Caritas und vielen Projekten.

Frage: Macht Kirche davon gerade genug? Ist sie präsent mit ihrem Tun?

Wilmer: Grundsätzlich denke ich, wir können immer mehr tun, noch mehr. Und für mich ist wichtig, dass es dabei nicht um Image geht. Dass wir aus Sicht der betroffenen Menschen tatsächlich helfen – das zählt.

Frage: Haben Sie selbst Ihr Handeln im Alltag verändert?

Wilmer: Wenn ich aus einem Zimmer raus gehe, dann drehe ich jetzt immer komplett die Heizung runter. Das habe ich vorher nicht getan. Außerdem spreche ich mehr mit Menschen wie beispielsweise einem Herrn, der hier am Dom in Hildesheim bettelt. Er steht in der Kälte. Ich nehme mir mehr Zeit, ihn anzusprechen, zu fragen, wie es geht, wo er die Nacht ist. Und drittens versuche ich in meiner Rolle als Leitung eines Bistums mehr zu bewirken für Menschen in Not.

„Es hätte ja keine schweren Folgen für uns hier, wenn wir den Gürtel etwas enger schnallen, wenn wir unseren Lebensstil umstellen würden.“

—  Zitat: Bischof Heiner Wilmer

Frage: Sie haben die Politik angesprochen: Wie schätzen Sie die politischen Reaktionen auf die angespannte finanzielle Lage vieler Menschen und wachsende Armut ein?

Wilmer: Die Wahrnehmung dafür ist da, dass etwas ins Rutschen gekommen ist. Und es gibt Ansätze, um Ungerechtigkeiten und auch Not entgegenzusteuern. Ich glaube aber, dass wir noch deutlich mehr tun müssen als Gesellschaft, als Kirche, auch als Staat, um jenen Menschen zu helfen, die jetzt von der Not neu oder deutlich stärker betroffen sind als in den Jahren zuvor.

Außerdem sollten wir Solidarität in unserer Gesellschaft noch stärker verankern, auch gesetzlich. Ein Beispiel: In manchen Städten wird ein Drittel der Kinder unterhalb der Armutsgrenze groß. Da müssen Staat, Kommunen und auch die Kirchen durch Kinderkrippen, Kitas und Horte alles tun, damit diese Kinder die gleichen Chancen haben wie die anderen Kinder. Jungen Menschen muss unsere ganze Aufmerksamkeit gehören.

Frage: Inwiefern fürchten Sie gesellschaftliche Spannungen?

Wilmer: Vor allem befürchte ich, dass die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft zunehmen werden – durch ganz unterschiedliche Faktoren, da alles miteinander zusammenhängt. Einer davon ist die Klimakrise. Aber auch das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten ist eine Katastrophe, deren Auswirkungen genauso schlimm und fürchterlich sind wie die Klimakrise. Beides macht den Lebensraum von Menschen unbewohnbar und führt dazu, dass noch mehr Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen.

Wir können zukünftig nur dann gut leben, wenn wir einen Blick für die gesamte Menschheitsfamilie haben. Es ist eine Illusion zu meinen, dass Deutschland oder Europa sich alleine retten kann. Und es ist zynisch. Wir müssen stattdessen einen Blick für die gesamte Welt haben, und zwar so, dass es für die Menschen außerhalb der europäischen Mauern spürbar ist, dass wir sie auch als Schwestern und Brüder betrachten. Es hätte ja keine schweren Folgen für uns hier, wenn wir den Gürtel etwas enger schnallen, wenn wir unseren Lebensstil umstellen würden.

Frage: Wie kann man in diesen unzähligen Herausforderungen, die viele Menschen überfordern, auch Chancen sehen?

Wilmer: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mehr können, als wir meinen; dass wir mit weniger auskommen können, als wir jetzt vermuten; dass wir stärker helfen können, als wir uns hier und da einreden. Gleichzeitig sollten wir uns nicht verrückt machen lassen. Und es täte uns allen gut, wenn wir verbal abrüsten würden. Die Aggression in der Sprache nimmt zu. Das hilft nicht. Die Fragen müssen doch sein: Wie schauen wir uns gegenseitig in die Augen? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Wir sind Geschöpfe Gottes, die Erde gehört uns nicht, sie ist uns allen gemeinsam anvertraut. Ich rate zu weniger Hysterie, mehr besonnenem Handeln: Überlegen, dann anpacken.

Frage: Sie stehen viel im Austausch mit Hilfsorganisationen, der Caritas und Pfarreien vor Ort. Was ist Ihr Eindruck von der Solidarität der Menschen?

Wilmer: Ein konkretes Beispiel aus einer Stadt im Bistum Hildesheim: Hier gibt es in einer Gemeinde eine Tafel. Die Zahl der Menschen, die dorthin kommen und Lebensmittel benötigen, steigt. Aber auch die Spenden nehmen zu. Es werden viel mehr Lebensmittel gespendet, auch in guter Qualität und mit langer Haltbarkeit. Auch aus anderen Bereichen meines Bistums weiß ich, dass die Solidarität und der Blick für die Schwächeren steigen. Das finde ich gut.

Es ist dennoch erschreckend, wie massiv die Armut zunimmt, beispielsweise, wie viele Menschen auf der Straße leben. Die Bahnhofsmissionen in Hannover und Hildesheim berichten mir, sie werden stärker angelaufen als je zuvor. Das heißt, dass auch die Ärmsten unter den Armen mehr werden. Denen muss unsere Aufmerksamkeit gelten, unser Herz und unser beherztes Handeln. Wir sind auf einem guten Weg, aber wir könnten auch alle noch deutlich mehr tun.

Ich möchte aber auch sagen, dass ich sehr dankbar dafür bin, wie Menschen einen zunehmenden Blick für solidarisches Handeln entwickeln, wie sie auf andere zugehen und sich engagieren, auch ehrenamtlich. Das finde ich großartig.

Frage: Wenn Sie drei Wünsche freihätten, was sind Ihre persönlichen Wünsche in Bezug auf die sozialen Herausforderungen?

Wilmer: Drei? Da muss ich überlegen. Erstens wünsche ich mir weniger Hysterie und mehr verbale Abrüstung. Zweitens beherztes, unorthodoxes Handeln. Und drittens ein noch stärkeres Vertrauen auf Gott: Er ist da.

Von Nicola Trenz (KNA)