Ein etwas anderer Heiligabend

Polnische Weihnachten: Wie ich die Tradition lieben lernte

Veröffentlicht am 11.12.2023 um 00:01 Uhr – Von Melanie Düßel – Lesedauer: 
Spiritea

Bonn ‐ 12 Speisen, Hektik in der Küche, kein Fleisch: Unsere Redakteurin Melanie feiert Heiligabend jedes Jahr nach polnischer Tradition. Das gefiel ihr als Jugendliche gar nicht – heute aber weiß sie es zu schätzen.

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Weihnachtstraditionen gibt es in jedem Land, jeder Region und jeder Familie. Meine Familie kommt aus Polen beziehungsweise Schlesien. Und da haben es die Traditionen ganz schön in sich! Auf den Tisch kommen zur Wigilia, dem Heiligabend, zum Beispiel ganze 12 Speisen – in Anlehnung an die 12 Apostel und die Monate im Jahr. Wir stehen also alle den ganzen Tag in der Küche und bereiten dieses Festmahl vor. Wer nicht gerade kocht, schmückt die choinka, den Christbaum, oder deckt den Tisch mit der traditionellen weißen Tischdecke. Ganz schön was zu tun also. 

Als Kind und Jugendliche fand ich das doof! Ich beneidete meine Mitschülerinnen und Mitschüler, die davon berichteten, wie sie an Heiligabend mit der Familie einen entspannten Spaziergang machen und es abends Kartoffelsalat mit Würstchen gibt. Das wäre im polnischen Weihnachten absolut undenkbar: Für Spaziergänge ist keine Zeit und Fleisch ist an Heiligabend für uns tabu. Stattdessen zählen zu den 12 Speisen etwa Fisch in verschiedenen Variationen, kapusta – Sauerkraut (das mochte ich gar nicht), Bohnensuppe und Pflaumenkompott. Zudem fasten wir den ganzen Tag auch bis zum Abend.

Zurück zu den Wurzeln

Heute, als Erwachsene, blicke ich anders auf MEINEN Heiligabend. Ich weiß die Traditionen zu schätzen und könnte mir kein anderes Weihnachten mehr vorstellen. Ist es nicht super, Heiligabend so zu verbringen wie schon Generationen vor mir? Wenn ich so Weihnachten feiere, dann fühle ich mich mit meinen Vorfahren verbunden. Außerdem ist es so umso schöner, wenn wir uns nach getaner Arbeit abends "Frohe Weihnachten" bzw. "Wesołych Świąt" wünschen und dieselben Speisen essen, die es schon seit Jahrzehnten in unserer Familie gibt – aber eben ausschließlich an Heiligabend.

Die Darstellung der Heiligen Familie in einer Weihnachtskrippe.
Bild: ©Fotolia.com/Alexander Hoffmann

Dass in Polen an Heiligabend immer ein Teller mehr gedeckt wird, knüpft auch an die Herbergssuche der Heiligen Familie an.

Neben dem Essen gibt es selbstverständlich auch andere Bräuche, die wir pflegen: Besonders berührend finde ich, dass Heiligabend immer ein zusätzliches Gedeck am Tisch Platz findet. Damit erinnern die Polen zum einen an verstorbene Familienmitglieder, aber auch an die Herbergssuche von Maria und Josef. So sind wir darauf vorbereitet, falls ein unerwarteter Gast plötzlich an der Tür klingelt. Jedes Jahr für Lacher sorgt die Tradition, auf den ohnehin schon vollgestellten Tisch auch noch seine Geldbörsen zu platzieren. Das soll vor Armut im neuen Jahr schützen. 

Ich habe erkannt, dass ich mich viel zu sehr mit anderen verglichen habe und mir selbst ein Konstrukt aufgebaut habe, wie das ideale und perfekte Weihnachten aussehen soll. Kleiner Spoiler nebenbei: Kein Weihnachten ist perfekt. Mal fällt der Tannenbaum um (wirklich so schon erlebt) oder es liegt eine unausgesprochene Traurigkeit in der Luft, weil ein sonst belegter Platz zum ersten Mal frei bleibt. Vielleicht hatte man sich vor wenigen Stunden auch noch in den Haaren. Wichtig ist, dass all diese Gefühle akzeptiert werden. Was ich auch gelernt habe: Jede Weihnachtstradition ist gut so, wie sie ist – auch Spaziergänge an Heiligabend und Kartoffelsalat mit Würstchen. 

Und übrigens: Selbst Sauerkraut finde ich mittlerweile großartig!

Von Melanie Düßel

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