Was Pfarrer Wolf in Stříbro und Pater Martiš in Gera erlebt haben

Deutsch-tschechischer Pfarrertausch: Ein Experiment der besonderen Art

Veröffentlicht am 18.02.2025 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 6 MINUTEN

Gera/Stříbro ‐ Zehn Tage lang haben der Geraer Pfarrer Bertram Wolf und Pater Miroslav Martiš aus dem tschechischen Stříbro Ende Januar ihre Pfarrgemeinden getauscht. Ihr Ziel: Das kirchliche Leben im jeweiligen Nachbarland besser kennenzulernen. Im Interview berichten die beiden Geistlichen von ihren Erfahrungen.

  • Teilen:

Es war ein besonderer Blick über den eigenen Tellerrand und in diesem Fall sogar über die deutsch-tschechische Grenze: Ende Januar haben der Geraer Pfarrer Bertram Wolf und Pater Miroslav Martiš aus dem tschechischen Stříbro ihre Pfarrgemeinden getauscht. Wolf arbeitete zehn Tage in Tschechien und Martiš parallel zehn Tage in Gera. Warum sie das gemacht und welche Erfahrungen sie dabei gesammelt haben, erzählen beide im Doppelinterview von katholisch.de.

Frage: Pfarrer Wolf, wie ist es zu der Idee für den Pfarrertausch gekommen?

Wolf: Ursprünglich geht die Idee auf einen deutsch-deutschen Austausch zurück, den mein Heimatpfarrer kurz nach der friedlichen Revolution 1990 mit dem Pfarrer unserer westdeutschen Partnergemeinde unternommen hat. Die Rückmeldungen der beiden Pfarrer und der beteiligten Gemeinden sind mir sehr lebendig in Erinnerung geblieben. Länger schon hatte ich mich deshalb mit dem Gedanken getragen, eines Tages selbst einmal einen solchen Austausch zu machen. Als wir dann im vergangenen Jahr den Pilsener Bischof Tomáš Holub für einen Vortrag in Gera zu Gast hatten, habe ich ihm von der Idee erzählt. Er versprach, unter seinen Priestern nach einem "Tauschpartner" zu fragen – und Pater Miroslav hat dann Interesse bekundet. Daraufhin haben wir uns gegenseitig besucht und gemerkt, dass ein Austausch gut funktionieren könnte.

Frage: Und warum sollte es gerade ein Austausch mit Tschechien sein? War das nur wegen des Kontakts zu Bischof Holub?

Wolf: Ich hatte immer schon Interesse an der kirchlichen Situation in unserem Nachbarland und seit einem Freisemester in Prag im Jahr 1993 zumindest Grundkenntnisse in der Landessprache. Das wollte ich weiter vertiefen.

Frage: Pater Martiš, was hat Sie an der Idee des Pfarrertausches gereizt?

Martiš: Ich kenne Bayern und die Kirche dort ganz gut, weil meine Pfarrei seit 1989 eine enge Partnerschaft mit der nur gut 50 Kilometer entfernten Pfarrei in Vohenstrauß im Bistum Regensburg pflegt. Ich war deshalb neugierig, wie sich das kirchliche Leben in Gera von dem in Bayern unterscheiden würde. Schließlich war Gera bis 1989 Teil der DDR, in der die Kirche ebenso wie in meinem Heimatland stark unterdrückt wurde und die Katholiken nur eine kleine Minderheit waren und bis heute sind. Diese Diasporasituation in Ostdeutschland, die mir aus meiner Heimat natürlich grundsätzlich vertraut ist, wollte ich mir vor Ort anschauen. Und nebenbei wollte ich auch mein Deutsch etwas verbessern.

„Es ging uns vor allem darum, den Alltag in der jeweiligen Pfarrei und das kirchliche Leben vor Ort kennenzulernen.“

—  Zitat: Pater Miroslav Martiš

Frage: Sie haben für zehn Tage Ihre Pfarrhäuser getauscht und sind in dieser Zeit in die Gemeinde des jeweils anderen eingetaucht. Was stand inhaltlich in diesen Tagen im Mittelpunkt?

Martiš: Es ging uns vor allem darum, den Alltag in der jeweiligen Pfarrei und das kirchliche Leben vor Ort kennenzulernen. Ich habe während der Tage in Gera mehrere Gottesdienste gefeiert und mit vielen Menschen gesprochen – mit Mitarbeitern der Gemeinde und mit Gläubigen. Für mich war es sehr interessant zu erleben, wie die Menschen ihren Glauben leben, wie die Pfarrei organisiert ist und welche Aktivitäten es gibt.

Frage: Gab es etwas, was Sie besonders überrascht hat, weil es ganz anders war als in ihrer eigenen Pfarrei?

Martiš: Ein großer Unterschied betrifft sicher die Zahl der Mitarbeiter. Während ich in Stříbro weitgehend alleine bin und lediglich von einigen Ehrenamtlichen unterstützt werde, hat die Pfarrei in Gera, soweit ich weiß, acht hauptamtliche Mitarbeiter: Neben drei Priestern gibt es unter anderem zwei Gemeindereferenten, einen Kirchenmusiker und eine Krankenhausseelsorgerin. Dadurch hat die Gemeinde ganz andere Möglichkeiten, um für die Gläubigen da zu sein. Das hat mir gut gefallen, zumal ich die Mitarbeiter als gut funktionierende Gemeinschaft erlebt habe.

Frage: Was waren Ihre Eindrücke, Pfarrer Wolf?

Wolf: Mein Aufenthalt in Stříbro umfasste unter anderem neun Gottesdienste an fünf Orten, eine Verabredung im örtlichen Rathaus und einen Besuch im Bischöflichen Ordinariat Pilsen. Darüber hinaus habe auch ich viele Gespräche mit den Menschen vor Ort geführt und dabei durchaus neue Perspektiven gewonnen – etwa mit Blick auf die deutsche Vergangenheit Westböhmens, die Entwicklungen seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und aktuelle Herausforderungen wie den Fachkräftemangel in der Region, den wir in Ostdeutschland ja auch in vielen Bereichen kennen. Ich habe das Gefühl, nun besser über die kirchliche und gesellschaftliche Situation in unserem Nachbarland informiert zu sein.

Frage: Wie haben Sie speziell über die kirchliche Situation vor Ort gelernt?

Wolf: Sehr spannend war für mich vor allem der Einblick in die laufende Diözesansynode des Bistums Pilsen. Ich habe die Tage in Stříbro genutzt, um das Abschlussdokument der ersten Etappe der Synode zu lesen. Dabei haben mich vor allem die klare Sprache und die mutigen Fragestellungen begeistert. Unter der Überschrift "Gemeinsam mit Hoffnung – Leben in Christus inmitten heutiger Realität" widmet sich das Dokument zentralen Herausforderungen in den Bereichen Mission und Pastoral sowie der wirtschaftlichen Situation der Ortskirche. Dabei habe ich viele Parallelen zu unserer Situation in Ostdeutschland festgestellt. Mein Eindruck nach der Lektüre des Dokumentes war, dass hier eine Ortskirche den Aufruf von Papst Franziskus zu Synodalität wirklich ernst genommen hat.

Bild: ©katholisch.de/stz (Archivbild)

Die Pfarrkirche St. Elisabeth in Gera.

Frage: Wie sind Ihnen die Gläubigen vor Ort begegnet?

Wolf: Mit großem Interesse und viel Essen (lacht). Ständig brachte jemand Kuchen oder andere Leckereien vorbei. Es war ein gewisser Stolz bei den Menschen zu spüren, dass sich jemand aus Deutschland für ihre Situation interessiert.

Martiš: Ich habe ebenfalls sehr viele herzliche Begegnungen erlebt. Ob bei der Seniorengruppe, den Ministranten oder anderswo: Die Menschen in Gera waren alle sehr nett zu mir und ich habe eine gute und lebendige Gemeinschaft erlebt.

Frage: Was folgt nun aus Ihrem Austausch: Werden Sie Ihren Kontakt durch weitere gemeinsame Projekte möglicherweise vertiefen?

Wolf: Ich kann mir diesbezüglich sehr viel vorstellen. Persönlich werde ich den Kontakt mit Pater Miroslav sicher weiter pflegen. Ob es darüber hinaus Begegnungen zwischen unseren Gemeinden geben wird, wird sich zeigen. Erste Ideen gibt es aber bereits.

Martiš: Genau. Wir feiern am 14. Juni ein Jubiläum unserer Pfarrkirche – dazu möchte ich die Gläubigen aus Gera gerne einladen. Mit dem Auto braucht man von dort nur gut zweieinhalb Stunden, das ist nicht so weit. Durch unseren Pfarrertausch ist jetzt eine Brücke entstanden, an der ich gerne weiterbauen würde. Zumal die Gläubigen meiner Pfarrei allesamt sehr angetan von Pfarrer Wolf waren. Mein Plan ist es, schon im März oder nach Ostern wieder nach Gera zu fahren und über unsere gesammelten Erfahrungen und mögliche künftige Ideen zu sprechen.

Frage: Pfarrer Wolf, Sie haben am Anfang gesagt, dass Sie die Idee des Pfarrertausches lange mit sich rumgetragen hätten. Im Rückblick: Hat sich der Austausch mit Pater Martiš gelohnt?

Wolf: Auf jeden Fall. Neben den vielen Begegnungen und Gesprächen sowie den spannenden Einblicken in den kirchlichen Alltag unserer tschechischen Nachbarn habe ich die zehn Tage vor allem auch als wohltuende Unterbrechung meines normalen Alltags in Gera erlebt. Ich hatte dadurch Zeit, jenseits der sonst jeden Tag anstehenden Verpflichtungen einmal in Ruhe Gedanken zu Ende zu denken und nicht gleich wieder zum nächsten Termin hetzen zu müssen.

Von Steffen Zimmermann