Wie der Vatikan vorübergehend ohne den Papst funktioniert
Wie geht es dem kranken Papst? Wird er die schwere Atemwegsinfektion überleben? Und wenn ja, wie sprech- und handlungsfähig wird er danach sein? Neben diesen bangen Sorgen treibt viele Menschen derzeit noch eine andere Frage um: Wie geht es weiter im Vatikan?
Als älteste Wahlmonarchie der Welt hat der Vatikan Erfahrung mit solchen delikaten Phasen: Das Oberhaupt der katholischen Christenheit ist nur begrenzt handlungsfähig. Tod oder Rücktritt sind jederzeit denkbar – aber auch ein langes Verharren auf gesundheitlich schwer angeschlagenem Niveau. Was jetzt möglich ist und was als nächstes folgen kann, ist relativ klar, aber nicht restlos geregelt.
Dazu zählt der Grundsatz, dass es für den Kern des Papstamtes keine Stellvertretung gibt. Deshalb wurden zuletzt Bischofsernennungen oder die Bestätigung der ersten Regierungschefin im Vatikanstaat trotz ärztlicher Ruheverordnung für den Papst als aktuelle Entscheide publiziert. Es genügt eine einfache Paraphe – derzeit ein "F" -, um solche Akte in Kraft zu setzen.
Erleichterung bei der Weltsynode
Unter Teilnehmern der Weltsynode, die Ende Oktober Reformideen für die katholische Kirche beschlossen haben, ist jetzt Erleichterung darüber zu hören, dass der Papst ihre Voten damals sofort abgesegnet hat. Hätte er, wie sonst üblich, erst ein "nachsynodales Schreiben" angekündigt, wäre dies vielleicht in der aktuellen Krankheitsphase des Pontifikates versandet – denn niemand außer dem Papst dürfte es verfassen.
Anders ist es mit dem Heiligen Jahr: Seit die Eröffnungsbulle publiziert ist, läuft die Maschinerie. Pilgern, der Jubiläums-Ablass, die Gottesdienste – all das geht auch ohne Franziskus. Aber es fehlt doch etwas Wesentliches: die persönliche Begegnung mit dem Nachfolger des Apostels Petrus, dem Bischof von Rom. Hier wäre selbst ein nur schweigend oder per Livestream anwesender Papst für die Teilnehmer ein Grund zum Jubeln.

Papst Franziskus liegt in der römischen Gemelli-Klinik.
Geisterhaft muteten zuletzt die Versuche des Vatikans an, jüngste Ansprachen des Papstes als Texte zu verbreiten. Denn gerade für Franziskus gilt, dass der Mann mit seiner persönlichen Ausstrahlung die "Message" ist. Der Charismatiker auf dem Papstthron hat von Anfang an alle Augen und Ohren auf sich gezogen. Und es gibt kaum beliebte Kardinäle neben ihm, die zum Publikumsmagneten taugen.
Letzteres gilt auch für die Nummer Zwei im Vatikan, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin (70). Außenpolitisch kann der gewiefte Chefdiplomat den Papst vertreten, Grußworte schreiben und politische Reden halten; so auch zuletzt in Burkina Faso. Während der ersten vier Tage des päpstlichen Klinikaufenthalts war Parolin in Nordwestafrika und traf dort weltliche und religiöse Führer. Und in laufenden Rechts- und Vermögensgeschäften ist der "Substitut des Staatssekretariates" unterschriftsberechtigt, derzeit Erzbischof Edgar Pena Parra (64) – auch er ein unauffälliger Stellvertreter.
Ein Fall, der noch nie vorkam
Kardinal Parolin wäre im Fall einer dauerhaften Verhinderung des Papstes eine Schlüsselfigur. Als Kardinalstaatssekretär ist er Hüter der "bedingten Rücktrittserklärung", die Franziskus 2013 unterzeichnet hat. Wäre der Papst krankheitsbedingt dauerhaft handlungsunfähig, könnte Parolin diese Karte ziehen und den Stuhl Petri für unbesetzt erklären. Im Vatikan wird erzählt, der Papst habe sich für diesen Fall unlängst eine Krankenwohnung neben der Basilika Santa Maria Maggiore ausbauen lassen.
Eine solche Verhinderungserklärung gab es noch nie. Deshalb ist unter Kirchenrechtlern umstritten, wer ihr zustimmen müsste. Mindestens, das ist Konsens, der Dekan des Kardinalskollegiums, derzeit Kardinal Giovanni Battista Re (91). Der Ranghöchste im Kardinalskollegium hätte in jedem Fall – also auch bei Tod oder aktivem Rücktritt des Papstes – die Aufgabe, die Kardinäle aus aller Welt nach Rom zusammenzurufen, um einen neuen Papst zu wählen.
Anders als im jüngsten Kinofilm "Konklave" würde dann aber nicht der Kardinaldekan die Wahl in der Sixtinischen Kapelle leiten. Denn die dafür vorgeschriebene Altersgrenze von 80 Jahren hat Re längst überschritten. Diese Aufgabe käme derzeit – weil auch der amtierende Vizedekan Leonardo Sandri schon über 80 Jahre alt ist –, auf den "rangältesten" Kardinalbischof zu. Und das wiederum wäre: Kardinal Parolin.