Standpunkt

Herbst des Franziskuspontifikats – was gibt es zu ernten?

Veröffentlicht am 19.03.2025 um 00:01 Uhr – Von Oliver Wintzek – Lesedauer: 4 MINUTEN

Bonn ‐ Vor zwölf Jahren wurde Papst Franziskus ins Amt eingeführt und brachte frischen Wind in die Kirche. Was wird von diesem Pontifikat bleiben? Oliver Wintzek zeichnet ein durchwachsenes Bild.

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Am heutigen Josephstag jährt sich die Amtseinführung von Papst Franziskus – vor zwölf Jahren bestieg er den Stuhl Petri und seit mehreren Wochen befindet er sich nun im Gemelli-Exil, mit der Hoffnung, dass er wieder in den Vatikan zurückkehren kann. Gleichwohl spricht der Vatikanexperte Marco Politi davon, dass wir uns im "Herbst des Pontifikats" befinden.

Welche Ernte hat diese Zeit erbracht? Für ein abschließendes Urteil ist es noch zu früh, aber es ist mit Händen zu greifen, dass dieses allemal ambivalent ausfallen wird. Eine Reform von oben – und nur so hätte es in einem hierarchischen System funktioniert, dem Franziskus eine reichlich vage Synodalitätstherapie verordnen wollte und dann doch isolierte Gipfelentscheidungen trifft, – ist nicht erfolgt und wahrscheinlich auch nicht intendiert gewesen. Franziskus scheint auf einen sich durchsetzenden Konsens zu bauen, weswegen er eine neue und offenere Diskurskultur fördert – dieser Mentalitätswandel ist befreiend und bleibt allemal sein Vermächtnis.

Ich gebe es allerdings offen zu: In den Chor der euphorischen Stimmen, Franziskus sei ein wirklicher Reformpapst, vermochte ich nie einzustimmen. Er taugt nicht als liberale Projektionsfläche; zerbeulte Latschen, der private Gang zum Optiker oder die Verwendung eines bescheidenen Autos wiegen den Mangel an theologischem Weit- und Tiefblick nicht auf, zumal Franziskus gerade mit der akademischen Theologie in deutschen Landen fremdelt.

Spätestens seit der Lektüre seiner Autobiographie "Hoffe" ist klar, dass wir es mit einem offenherzigen Weltpfarrer zu tun haben, der "die Güte des Samariters über die Härte der Seelenzöllner" gestellt hat, wie es Politi auf den Punkt bringt. Doch eine freundliche Fassade bleibt Fassade, solange strukturelle und inhaltliche Korrekturen auf sich warten lassen. Sein unermüdlicher Einsatz für die sprichwörtliche Peripherie, gegen die Gleichgültigkeit gegenüber sozialem Elend und der Schändung des Ökosystems, dem Appell an eine universale Geschwisterlichkeit oder die angemahnte Verwandlung der Kirche in ein Feldlazarett sind wichtiger denn je, aber gegen den offenen Bürgerkrieg in der Kirche fehlt dem Pontifex der Zupack, wo nicht nur die vielgepriesenen Ränder rebellieren.

Es bleibt abzuwarten, welche Signale er noch setzen wird und welche Folgen sein "Ankündigungspontifikat" hat, ob seine diversen Anstöße Frucht tragen. Franziskus hofft, dass nach ihm ein Johannes XXIV. kommt – mir ist das zu nostalgisch. Wann auch immer das nächste Konklave stattfinden wird, es wird entscheidend sein: Erleben wir einen neuen Frühling eines von Franziskus modifizierten Papsttums oder seinen definitiven Herbst?

Von Oliver Wintzek

Der Autor

Oliver Wintzek ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule in Mainz. Zugleich ist er als Kooperator an der Jesuitenkirche in Mannheim tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.