Er rechnet mit bedeutenden Veränderungen

Theologe Loffeld: Kirchenkrise lässt sich kaum aufhalten

Veröffentlicht am 31.03.2025 um 11:40 Uhr – Lesedauer: 5 MINUTEN

Köln ‐ Einen unaufhaltsamen Säkularisierungsprozess sieht der Theologe Jan Loffeld. Nicht-religiöse Welterklärungen gewännen seit Jahrhunderten an Bedeutung. Der Glaube werde zunehmend zur freien Entscheidung.

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Eine kaum aufzuhaltende Entkirchlichung und eine zunehmende gesellschaftliche Säkularisierung sieht der Theologe Jan Loffeld. Der Glaube an Gott sei noch stärker eingebrochen als die Kirchenmitgliedschaft, sagte der an der Universität Utrecht lehrende Geistliche am Montag im Deutschlandfunk.

Loffeld, der Priester des Bistums Münster ist, sieht einen schon seit Jahrhunderten andauernden Trend zu konkurrierenden Welterklärungen. Schon seit dem Hochmittelalter suchten Menschen zunehmend Glück und Lebenssinn abseits religiöser Systeme. Zwar steige etwa die Zahl der getauften Katholiken in Afrika an. Auch dort gebe es aber unter den jungen, im Internet vernetzten Menschen eine Abkehr von religiösen Weltdeutungen.

20 Prozent Christen?

Der Theologe rechnet damit, dass sich der Anteil der Christen in Deutschland in naher Zukunft bei rund 20 Prozent einpendelt. Das zeige sich etwa in den Niederlanden, Skandinavien oder in Ostdeutschland. Diesen Trend könnten die Kirchen kaum verändern, sagte er. Deshalb sei die Frage zentral, was es für die Kirche in Deutschland bedeute, eine immer kleiner werdende Minderheit zu sein.

Loffeld rechnet mit bedeutenden Veränderungen: Der weitere Rückgang der Mitgliederzahl werde schmerzhafte Anpassungsprozesse bei den Angeboten der Kirchen – etwa bei Schulen, Kindergärten, Personal und Gebäuden – auslösen. Die bisher stark von hauptamtlichen Mitarbeitern geprägte Arbeit der Kirchen und ihrer Organisationen werde nicht aufrecht erhalten werden können. Es werde zunehmend auf jeden einzelnen Christen ankommen, wie das Evangelium in der Gesellschaft präsent sei.

Freiheitsgewinn

Zugleich sieht der Theologe auch einen Freiheitsgewinn: Es sei eine geschichtliche Ausnahmesituation, dass Menschen selbst entscheiden könnten, ob sie glaubten oder ob sie sich einer Kirche anschließen wollten. "Erstmals lässt sich die Beziehung zwischen Gott und Mensch völlig frei gestalten." Die Kirchen hätte kein Monopol mehr auf das Heil – das sei auch für sie selber entlastend.

Loffeld ist seit 2019 Professor für Praktische Theologie und Leiter des "Department of Practical Theology and Religious Studies" an der Tilburg University School of Catholic Theology in Utrecht. Er äußerte sich mit Blick auf die vergangene Woche veröffentlichten Mitglieder-Statistiken: Danach haben die beiden großen Kirchen in Deutschland 2024 zusammen mehr als eine Million Mitglieder durch Tod und Austritt verloren. Die Zahl der Mitglieder in der katholischen Kirche sank auf 19,77 Millionen; in der evangelischen Kirche ging sie auf 17,98 Millionen zurück. Damit gehörten 2024 noch rund 23,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung zur katholischen Kirche. Der Anteil der Protestanten sank erstmals unter 20 Prozent. (KNA)