Mehr Theologie wagen
HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Wenn ich in meiner Heimatstadt Essen bin, gehört ein Besuch bei der goldenen Madonna dazu. Danach geht es in eine nahe Buchhandlung, die vor noch nicht allzu langer Zeit ein ebenso reichhaltiges wie gediegenes theologisches Sortiment vorrätig hielt. Bei meiner letzten Visite fand sich echte Theologie so gut wie gar nicht mehr. Stattdessen gab es einige Schriften über "Kirchenträume" und andere pastorale Befindlichkeiten. Die Buchhändlerin bekam meine Enttäuschung mit. Sie könne daran nichts ändern. Die Verlage würden kaum mehr etwas herausgeben und es würde wohl auch zu wenig geschrieben. Ist Theologie nicht mehr gefragt?
Vor kurzem habe ich bei einem Einkehrtag ein Experiment gemacht. Ich hatte die Teilnehmenden gefragt, was sie antworten würden, wenn sie nach dem christlichen Bekenntnis zum Heiligen Geist gefragt würden. Es gab einige gut gemeinte persönliche Befindlichkeitsäußerungen, die von Kraft und Energie sprachen, aber nichts Konkretes. Ist das die viel beschworene Auskunftsfähigkeit?
Als junger Theologiestudent besuchte ich mit meinem Semester eine Moschee in Duisburg. Bevor die Koranschüler mit uns sprechen durften, ließ der Imam sie die Schahada, das muslimische Glaubensbekenntnis ablegen. Arabisch konnte ich damals noch nicht. Aber die Haltung war beeindruckend. Ob die Koranschüler verstanden, was sie bekannten? Wahrscheinlich noch nicht ganz. Wer kann schon in Anspruch nehmen, den Glauben ganz verstanden zu haben. Aber sie hatten eine Antwort.
Das Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel, dessen – zumindest was Nicäa betrifft – 1.700 jähriges Jubiläum wir diesjährig begehen, beantwortet die Frage nach dem Heiligen Geist übrigens recht eindeutig: "Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater (und dem Sohn) hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche."
Es wäre sicher beeindruckend, wenn diese Antwort spontan gegeben würde. Und es wäre noch beeindruckender, wenn auf Nachfrage erklärt werden könnte, was wir da bekennen. Theologische Katechese ist schon ab der Firmvorbereitung notwendig, wenn Christen auskunftsfähig sein sollen. Vielleicht ein Teil der gegenwärtigen Krise auch darin begründet, dass zu lange auf eine derart fundierte Katechese verzichtet wurde.
Der Autor
Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.