Wissenschaftlerin: Influencer können Glauben vertiefen, aber…
Religion findet mehr und mehr auch im Internet statt: Influencer gibt es nicht mehr nur für Lifestyle, Essen und Mode – sondern auch für den Glauben. Maike Ritzer ist Sozialwissenschaftliche Referentin und stellvertretende Direktorin beim Institut zur Erforschung von Mission und Kirche im österreichischen Attersee. Gemeinsam mit dem Direktor Patrick Todjeras hat sie die Hintergründe der Zuschauer von religiösen Influencern erforscht. Im katholisch.de-Interview spricht sie über neue Perspektiven – und Ratschlägen für die Praxis vor Ort.
Frage: Frau Ritzer, im Rahmen Ihres Forschungsprojektes haben Sie Influencer daraufhin untersucht, inwiefern sie einen Einfluss auf den Glauben ihrer Follower und Followerinnen haben. Haben sie einen?
Ritzer: Wir haben nach konversiven Prozessen gefragt, also nach einer positiven Veränderung im Glauben. Das konnte bedeuten, dass ein völlig nichtgläubiger Mensch etwas über den Glauben erfährt und sich entscheidet, Christ zu werden. Für Gläubige kann das aber auch eine bedeutsame Vertiefung im Glauben bedeuten. Das Ergebnis: Sehr viele Follower und Followerinnen berichten, dass sie durch diese Inhalte eine Vertiefung des persönlichen Glaubens erlebt haben. Das betrifft kaum Leute, die vorher nie mit dem Glauben zu tun hatten, sondern eher Leute, die eh schon religiös sind oder im Umfeld des Religiösen unterwegs waren. Unsere Untersuchung beruht dabei auf einem Begriff der Konversion, der sehr breit ist – und auf den Aussagen der Nutzenden selbst beruht.
Frage: Sie haben als konversives Erlebnis die Vertiefung des eigenen Glaubens genannt. Was bedeutet das denn konkret?
Ritzer: Die Personen haben berichtet, dass sie die Bibel neu entdeckt haben. Sie haben Positionen gehört, die sie in ihrer Kirchengemeinde sonst nie hören, weil die einfach nicht vermittelt werden – und darin Vergewisserung gefunden. Sie haben sich wieder inspiriert gefühlt, über den Glauben nachzudenken. Das heißt, das ist eine ganz große Bandbreite an Erfahrungen, die vielleicht erst mal klein klingen. Aber die machen am Ende schon einen großen Unterschied im einzelnen Leben.
Frage: Wie sind Sie an die Nutzenden überhaupt herangekommen?
Ritzer: Das war gar nicht so einfach. Der empirische Goldstandard wäre, dass man eine Zufallsauswahl trifft und dann Menschen befragt. Das konnten wir nicht. Stattdessen haben wir verschiedene Influencerinnen und Influencer angefragt, ob sie über ihr Profil ihre Followerinnen und Follower einladen würden, für uns eine Umfrage auszufüllen. Zudem haben wir bezahlte Instagram-Werbung geschaltet und auf unserer Institutsseite zum Mitmachen eingeladen.
Glaube im digitalen und analogen Raum geht oft Hand in Hand.
Frage: Was bedeutet das für die Ergebnisse der Studie?
Ritzer: Das heißt also, dass wir verschiedene Verzerrungen in der Studie haben. Wir haben nur die Daten derjenigen, die Lust hatten mitzumachen – und von den Influencern, die mit uns zusammenarbeiten wollten. Das könnte ein Grund sein, weshalb nur wenige von einer Konversion vom Nicht-Christsein zum Christsein berichtet haben. Wir haben in erster Linie mit Influencern gearbeitet, die nah an den verfassten Kirchen sind (evangelisch und katholisch) und zwischen 1.000 und 40.000 Followern haben.
Frage: Was schätzen denn die Nutzenden an den Influencern und was daran vertieft ihren Glauben?
Ritzer: Ein wichtiges Schlagwort ist Authentizität – wobei dabei auch oft unklar ist, was das genau sein soll. Wir haben deshalb Authentizität anhand einer validierten Skala gemessen. Wir haben Aspekte von Authentizität abgefragt und festgestellt: Konsistenz und Kompetenz sind für konversive Erfahrungen wichtig. Konsistenz bedeutet, die Person lebt auch nach den Grundsätzen, die sie digital vertritt, sie zeigt viel von sich und hat eine Art über den christlichen Glauben zu sprechen, die überzeugend ist und echt wirkt. Oder sie ist kompetent zu Themen des christlichen Glaubens. Etwas über den Glauben wissen und gleichzeitig ehrlich und nahbar sein – das hat die Leute angezogen.
Frage: Das heißt aber auch: Neben der persönlichen Ausstrahlung ging es auch um Inhalte.
Ritzer: Genau. Was man normalerweise aus den sozialen Medien kennt, sind Trends, Mode und Lifestyle. Diese Themen waren für die Follower der Glaubensinfluencer nicht so wichtig, sondern christliche Themen und Glaubensthemen.
Frage: In was für einer Situation waren die Leute, dass sie sich diesen Influencern zugewandt haben? Denn einerseits verlieren die verfassten Kirchen Mitglieder, andererseits sind vor allem junge Leute auf der Suche nach Orientierung.
Ritzer: In unserer Studie waren es in der Tat vor allem jüngere Menschen, die von konversiven Prozessen berichtet haben – und darunter vor allem Frauen. Die sind auf der Suche nach geistlicher und spiritueller Tiefe. Das trifft auch die Kultur, die in dieser Altersgruppe und in der Generation gerade vorherrscht. Ebenso deutlich wurde, dass jene Menschen konversive Erfahrungen machen, die auch mit analogen christlichen Gemeinschaften sehr verbunden sind. Bei unseren Studienteilnehmern gibt es gar nicht so sehr eine Trennung von der digitalen Welt und der analogen Welt, sondern da spiegelt sich viel, was digital passiert, auch analog. Christliche Influencer haben eine Assistenzfunktion für den eigenen Glauben, aber sie ersetzen keinesfalls die analoge Gemeinschaft.
„Wir sehen oft, dass es für Senioren unfassbar viele Angebote in Kirchengemeinden gibt und viel weniger für jüngere Leute.“
Frage: Was für Themen sind es denn, die die Leute bei Influencern suchen?
Ritzer: Es geht schlicht um die Lebenswelt von jüngeren Menschen: Ein normaler Tagesablauf, das Leben mit kleinen Kindern – die täglichen Kämpfe mit Arbeit und Privatleben. Den normalen Alltag also. Das kommt in vielen Gemeinden nicht vor. Wir sehen oft, dass es für Senioren unfassbar viele Angebote in Kirchengemeinden gibt und viel weniger für jüngere Leute. Das gilt auch für Glaubenszugänge: Da gibt es digital natürlich eine viel größere Bandbreite als in der Ortsgemeinde. Das ist aber natürlich auch gleichzeitig ein Problem, weil im Internet jeder posten kann. Da macht das Siegel einer offiziellen Beauftragung zum Teil schon einen Unterschied.
Frage: Es gibt viele Orte in unserer Gesellschaft, an denen Religion kein Thema mehr ist – gleichzeitig nehmen durch die muslimische Minderheit Diskussionen um deren Sichtbarkeit zu. Erfüllen Influencer also auch eine Funktion in der eigenen Identitätskonstruktion?
Ritzer: Davon würde ich auf jeden Fall ausgehen. Für viele, gerade jüngere Leute, ist das eine ganz wichtige Form der Identifikation: Der eigene Glaube und die eigene Kultur wird auch in diesem digitalen Medium abgebildet. Das ist gerade dann wichtig, wenn sich jüngere Leute in ihren Kirchengemeinden vor Ort oder gerade auch in der pluralen Gesellschaft nicht mehr so vertreten fühlen. Wenn ich an meiner Schule niemanden mehr habe, der selbst aus diesem christlichen Kontext kommt, dann finde ich diese Menschen aber wenigstens digital. Das gab es früher nicht.
Frage: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus als Ratschläge für die großen Kirchen?
Ritzer: Es sollte sich nicht jeder unterschiedslos vor die Kamera setzen müssen – denn influencen können nur die wenigsten. Nicht jede Pfarrperson muss einen Instagram-Account bespielen. Für die Kirchen ist vielmehr wichtig, offen für die digitale Repräsentation des Glaubens zu sein und sich davor nicht zu verschließen. Sie sollte als Raum wahrgenommen werden, der gezielt bespielt werden soll und großes Potenzial hat. Gerade für diese, etwas "verlorene Generation", die in den Kirchen oft nach Konfirmation beziehungsweise Firmung fehlt. Es heißt also: Influencer wahrnehmen, ihre Themen aufnehmen, besprechen – auch gern kritisch. Denn in Sozialen Netzwerken unterwirft sich jeder einem undurchsichtigen Algorithmus und lässt seine Daten abfließen. Eine unserer zentralen Ergebnisse ist die Verbindung von online und offline. Es geht also um die sinnvolle Verknüpfung von beidem. Das bedeutet auch, Gelder für digitale Pastoral nicht mit der Gießkanne zu verteilen, sondern sinnvoll dort einzusetzen, wo vielversprechende Talente sind, die nicht nur gut rüberkommen, sondern auch Ahnung haben.
Frage: Was bringt das der Kirche?
Ritzer: Eine Gemeinde vor Ort kann aufblühen, wenn junge Leute das Gefühl haben, dass sie ein Zuhause finden – und das eben auch im digitalen Raum. Deshalb ist die Offenheit so wichtig. Das gilt auch nicht nur für Jüngere: Auch Menschen, die älter sind als 20 Jahre, finden im Internet Inspiration. Das muss also auch Teil des kirchlichen Alltags werden.
