Was macht katholische Schulen so attraktiv, Bischof Timmerevers?
Katholische Schulen stehen in Deutschland weiterhin hoch im Kurs – trotz sinkender Kirchenbindung in der Gesellschaft. Laut Heinrich Timmerevers, Bischof von Dresden-Meißen und Vorsitzender der Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), liegt das Erfolgsgeheimnis der Schulen in einem gelebten Miteinander, das Bildung und Werte vereint. Im Interview spricht er über die gesellschaftliche Bedeutung kirchlicher Schulen, ihre integrative Kraft – und erklärt, warum sie für ihn zu den wichtigsten Orten kirchlichen Wirkens zählen.
Frage: Herr Bischof, katholische beziehungsweise kirchlich getragene Schulen scheinen sich in Deutschland großer Beliebtheit zu erfreuen. Inwiefern deckt sich das mit Ihrem Eindruck?
Timmerevers: Das lässt sich an den Zahlen gut ablesen. Wir haben in Deutschland mehr als 850 katholische Schulen, an denen aktuell über 360.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Ich höre immer wieder von Schulen, mit denen ich in Kontakt stehe, dass die Anmeldezahlen enorm sind. Sehr häufig müssen sie Interessierten absagen, weil sie nicht mehr aufgenommen werden können. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass unsere Schulen sehr geschätzt sind.
Frage: Die Anmeldezahlen an katholischen Schulen sind konstant, die Kirche an sich verliert dagegen Mitglieder. Wie erklären Sie sich dieses Paradoxon? Oder anders gefragt: Was gelingt der Kirche in der Schule, was ihr in der Gesellschaft offenbar nicht mehr so gut gelingt?
Timmerevers: Schülerinnen und Schüler werden in den Schulen in all ihren Gaben und Fähigkeiten angesprochen und gefördert, sie können sich einbringen. Die ganzheitliche Entwicklung eines Menschen kommt da zum Zuge. Vielleicht kann man es so sagen: Ich weiß nicht, inwieweit wir als Kirche auch in der Gesellschaft als eine konstruktive, frohe, lernbereite Gemeinschaft wahrgenommen werden.
Frage: Was macht katholische Schulen Ihrer Ansicht nach besonders aus?
Timmerevers: Es geht da sicher nicht primär um die Inhalte, sondern um das Miteinander. Unsere Schulen verpflichten sich alle auf das christliche Menschenbild. Das kann man nicht nur lehren – die christlichen Werte müssen auch im Umgang praktiziert werden.
Frage: Liegt darin der Mehrwert im Vergleich zu staatlichen Schulen?
Timmerevers: Von Mehrwert würde ich nicht sprechen. Auch alle anderen Schulen bemühen sich, gute Schulen zu sein. Ich glaube, die Lehrerinnen und Lehrer spielen eine große Rolle. Wenn ich in den ostdeutschen Bereich schaue, gibt es in den Kollegien Lehrerinnen und Lehrer, die katholisch sind, die evangelisch sind, die zum Teil auch ohne Konfession sind. Die lassen sich aber durch das Konzept oder das Profil einer Schule ansprechen. Da haben unsere Einrichtungen als freie, private Schulen eine größere Gestaltungsmöglichkeit. Das macht atmosphärisch viel aus. Das ist ein Punkt, warum unsere Schulen so attraktiv sind.
Eines der Erfolgsgeheimnisse? "Unsere Schulen verpflichten sich alle auf das christliche Menschenbild. Das kann man nicht nur lehren – die christlichen Werte müssen auch im Umgang praktiziert werden", sagt Bischof Timmerevers.
Frage: Auch attraktiv für nicht-katholische Schülerinnen und Schüler?
Timmerevers: In Ostdeutschland ist das ein erklärtes Ziel: Wir haben in unseren Schulen 50 Prozent konfessionell gebundene und 50 Prozent nicht konfessionell gebundene Schülerinnen und Schüler. Wir sehen natürlich, dass es Orte der Kirche sind, wo Menschen mit dem christlichen Glauben in Berührung kommen. Von daher merken wir auch, dass es Einrichtungen mit Prägekraft sind. Aber nicht nur kirchlich gesprochen: Schülerinnen und Schüler werden zu engagierten Bürgerinnen und Bürgern in einer Gesellschaft, in der die christlichen Werte doch noch eine große Rolle spielen.
Frage: Manchmal hört man hinter vorgehaltener Hand, dass manche Eltern ihre Kinder in eine katholische Schule schicken wollen, weil sie davon ausgehen, dass es dort nicht so große Probleme mit der Integration von Schülern aus Migrantenfamilien gibt. Wie sehen Sie das?
Timmerevers: Das mag eine Rolle spielen. Das ist aber regional unterschiedlich und sicher nicht das Ziel katholischer Schulen. Im Bistum Dresden-Meißen haben wir beispielsweise einen hohen Anteil an Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine, die mit ihren Familien vor dem Krieg geflohen sind. Dort gelingt die Integration sehr gut. Immer wieder höre ich auch davon, dass gerade muslimische Familien ihre Kinder gerne auf katholische Schulen schicken, da hier die Gottesfrage wachgehalten wird.
Frage: Diverse Untersuchungen werfen die Frage auf, inwiefern eine kleiner werdende Kirche in der säkularen Gesellschaft noch präsent sein kann. Sind katholische Schule also auch künftig ein wichtiges Mittel, wie Kirche in die Gesellschaft hineinwirken kann?
Timmerevers: Das sehe ich in jedem Fall so. Ich habe in unserem Bistum – wir im Osten sind ja eine kleine Kirche – mal eine Hochrechnung gemacht: Wir beschulen jeden Tag 2.500 Schülerinnen und Schüler. Durch sie haben wir Kontakt in die Familien hinein, in die Gesellschaft hinein – in welcher Konstellation auch immer. Und das Tag für Tag. Hier stehen wir in Beziehung mit Menschen, die wir mit unseren "normalen" kirchlichen Angeboten, die beispielsweise unsere Pfarreien machen, eben nicht erreichen.
Frage: In vielen Bistümern gibt es Sparzwänge – oft geht es dann auch um die Finanzierung von Schulen. Manche Diözesen möchten sich von Schulen trennen, was meistens zu Protesten führt. Wie sehen Sie das?
Timmerevers: Was andere Bistümer machen, kann ich nicht beurteilen. Die Hintergründe solcher Entscheidungen sind immer unterschiedlich. Gerade wenn Ordensgemeinschaften Schulen aufgeben müssen, hängt es damit zusammen, dass sie den Aufwand schlicht personell und finanziell nicht mehr leisten können. Für das Bistum Dresden-Meißen kann ich aber sagen: Wir haben eine Werbetour durch unsere sechs Schulen gemacht und die Eltern gebeten, einen höheren Elternbetrag zu leisten. Das ermöglicht uns, dass wir all unsere Schulen halten können. Wir haben auch eine solide Gegenfinanzierung unserer Schulen durch den Freistaat Sachsen – das ist auch von Land zu Land unterschiedlich.
Manche Bistümer machen sich Gedanken, wie sie katholische Schulen halten können.
Frage: Wie zukunftssicher ist das?
Timmerevers: Wir wissen natürlich nicht, wie sich das genau entwickeln wird. Wir werden uns auch darauf einstellen müssen, dass nicht alle künftigen Länderregierungen die freien Schulen gleichermaßen unterstützen werden. Zudem sehen wir, dass die Kinderzahlen in der Gesellschaft sinken werden. Aber bisher haben wir den Eindruck gehabt, dass Eltern sehr wohl bereit sind, für eine gute Schule auch einen entsprechenden Beitrag zu leisten. Und natürlich erhalten Kinder aus einkommensschwächeren Familien Unterstützung, indem zum Beispiel die Beiträge gesenkt oder auch erlassen werden.
Frage: Also würden Sie alles daransetzen, die Schulen in Ihrem Bistum zu halten – und notfalls auch mehr investieren?
Timmerevers: Eindeutig ja! Durch sie erreichen wir viele junge Menschen und leisten einen Beitrag für die Gesellschaft.
Frage: Ein Beitrag für die Gesellschaft soll auch das Papier der DBK-Schulkommission zur Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule sein. Unter den Bischöfen gab es dazu Unstimmigkeiten. Wie sind die Reaktionen an den Schulen selbst?
Timmerevers: Der Text zur Vielfalt sexueller Identitäten hat bei den katholischen Schulen große Akzeptanz gefunden. Den Verantwortlichen vor Ort tut es gut, dass es jetzt Leitlinien gibt, an denen sie sich orientieren können. Immer dann, wenn es um die einzelne Person geht, muss man sehr individuell sehen, was der bestmögliche und gemeinsame Weg ist, zu begleiten und negative Erfahrungen zu vermeiden – dass das Kommissionspapier hier als wichtige Unterstützung wahrgenommen wird, freut mich.
Frage: Wie sehen Sie die katholischen Schulen für künftige gesellschaftliche Herausforderungen aufgestellt?
Timmerevers: In unseren Schulen wird ein gutes Miteinander eingeübt, davon bin ich überzeugt. Sie fördern Demokratie, Toleranz und Respekt. So entwickelt sich eine gute Sozialkultur: Wie man miteinander umgeht oder auch streitet. Es wird sehr viel dafür getan, dass die Schülerinnen und Schüler zu jungen, profilierten Menschen ausgebildet werden, die sich in die Gesellschaft einbringen. Und letztlich halten wir damit auch die so wichtige Frage nach Gott in unserer säkularen Gesellschaft wach – und das hoffentlich sehr annehmbar und in aller Freiheit. Das ist ein enormer Beitrag, den wir geben können.
Frage: Wünschen Sie sich eine Profilschärfung der katholischen Schulen für die Zukunft?
Timmerevers: Da vertraue ich ganz auf die Schulen und die Menschen, die dort gemeinsam lernen und arbeiten. Es ist ein erklärtes Ziel, dass jede Schule ihr eigenes Profil entwickeln muss. Das ist eine Aufgabe für die gesamte Schulgemeinschaft. Und das hängt natürlich auch mit ihrem jeweiligen Standort zusammen. Wenn ich an unsere Schulen im Bistum Dresden-Meißen denke: Die sind alle in ihrem Profil nahe beisammen – und doch unterschiedlich.
