Von Litauen nach Magdeburg: Rasa Hinz hat ein Herz für Osteuropa

Rasa Hinz, damals noch Raudeliunaite, studierte 1990 Bibliothekswesen an der Universität Vilnius, als sie am Schwarzen Brett einen Aushang der "International Pen Friends" entdeckte. "Ich war schon immer neugierig und wollte neue Länder kennenlernen", sagt die 56-Jährige. Sie schrieb einen Brief und erhielt wenig später einen Fragebogen zurück: Welche Hobbys sie habe, welche Länder sie interessierten, welche Sprachen sie spreche – unter anderem Litauisch, Russisch, Deutsch, Englisch und Spanisch. Kurz darauf bekam sie eine Liste mit 16 möglichen Brieffreunden aus aller Welt.
"Ich habe allen geschrieben", erzählt Hinz, "aber mindestens die Hälfte der Briefe kam zurück." Mit den übrigen entwickelte sich ein reger Austausch, aus dem echte Freundschaften entstanden – und mehr. Denn unter den 16 Namen war auch Manfred Hinz aus Magdeburg, ihr heutiger Ehemann.
Er erlebte die deutsche Wiedervereinigung, sie die litauische Unabhängigkeit
Deutschland hatte sie im Fragebogen angegeben, weil sie in der Schule Deutsch gelernt hatte und ihre Sprachkenntnisse auffrischen wollte. Doch bald verband die beiden Brieffreunde mehr als nur die Sprache: Beide waren unter dem Einfluss der Sowjetunion aufgewachsen – Manfred in der DDR, Rasa in Litauen, das bis 1990 besetzt war. Er erlebte die deutsche Wiedervereinigung, sie die litauische Unabhängigkeit. "Diese Erfahrung verbindet Menschen", sagt sie.
Nach einigen Briefen lud Manfred sie nach Deutschland ein. "Das war gar nicht so einfach", erinnert sich Hinz. "Litauen war gerade unabhängig geworden, es gab noch keine eigene Botschaft, alles lief über die Sowjetunion." Eine Reiseagentur kümmerte sich darum, das Visum aus Moskau zu besorgen. Der erste Reiseversuch im August 1991 scheiterte: Es gab keine Flüge nach Berlin, die Züge waren ausverkauft. Erst zwei Monate später ergatterte sie ein Flugticket.
Rasa Hinz (r.) freut sich über Sachspenden für die Partnerschaftsaktion Ost.
"Als ich in Berlin gelandet bin, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus – ich, als junger Mensch in einer freien Welt", erzählt sie. Nach einigen Tagen in der Hauptstadt fuhren sie gemeinsam nach Magdeburg. "Dort war alles grau in grau, viele unsanierte Gebäude", erinnert sich Hinz. Doch die Geschichte der Stadt, die Herzlichkeit der Menschen – und besonders ihr Brieffreund – faszinierten sie. Dieser eine Besuch reichte ihr, um eine Entscheidung zu treffen: "Für mich war es Liebe auf den ersten Blick", sagt sie. Sie kündigte ihren Job, brach das Studium ab und zog Anfang 1992 nach Deutschland. Wenige Monate später heirateten sie. "Meine Familie hat mich dabei immer unterstützt, dafür bin ich sehr dankbar", sagt Hinz.
In Deutschland besuchte sie zunächst einen Sprachkurs. Zwar konnte sie schon Lesen und Schreiben, aber das Sprechen war noch eine Herausforderung. Da ihr Abitur und das halbe Studium aus Litauen nicht anerkannt wurden, begann sie eine Ausbildung, absolvierte später berufsbegleitend ein Managementstudium und arbeitete viele Jahre als Exportmanagerin für Osteuropa in einem pharmazeutischen Unternehmen. In dieser Zeit bekam sie zwei Kinder.
"Ich wusste, wie sie sich fühlen – ich habe das Gleiche erlebt"
Parallel engagierte sie sich für Zugewanderte. Nach dem EU-Beitritt mehrerer osteuropäischer Staaten 2004 kamen viele Litauer nach Deutschland. "Ich wusste, wie sie sich fühlen – ich habe 1992 das Gleiche erlebt", sagt sie. Also gründete sie die Litauische Gemeinde Magdeburg, einen freien Zusammenschluss litauischsprachiger Menschen.
"Anfangs wollten wir einfach nur den Neuankömmlingen helfen. Heute haben wir unser eigenes Kulturprogramm", sagt Hinz. Die Gemeinde feiert gemeinsam Feste wie den litauischen Unabhängigkeitstag oder das Johannisfest – eines der größten Volksfeste Litauens. In der kürzesten Nacht des Jahres werden Johannisfeuer entzündet, Blumenkränze geflochten, Musik gespielt und getanzt – eine Verbindung aus heidnischen Ritualen und christlicher Tradition.
Linktipp: Johannisfest
Genau sechs Monate bevor Christen die Geburt Jesu feiern, tritt mit Johannes dem Täufer ein wichtiger Wegbereiter für dessen Mission in Erscheinung. Rund um den Johannistag gibt es daher zahlreiche Bräuche. Und auch heute noch kann Johannes die Menschen inspirieren.
Auch bei der Flüchtlingswelle 2015 engagierte sich Hinz. Sie unterstützte das Netzwerk Flüchtlingshilfe in ihrem Wohnort Biederitz bei Magdeburg, gab Sprachkurse, organisierte Spieleabende und Kinderfreizeiten. Nachdem die Geflüchteten ihre Aufenthaltserlaubnis bekamen, unterstützte Hinz fünf von ihnen beim Umzug nach Magdeburg. "Ich begleitete sie bei der Wohnungssuche, war bei allen Behördengängen dabei und half bei der Ausbildungssuche", erzählt sie. Über die Zeit wurde die Beziehung so eng, dass Hinz die jungen Leute heute liebevoll als ihre "angenommenen Kinder" bezeichnet. Noch heute hat sie zu allen Kontakt.
Was sie zu diesem Engagement motiviert? "Meine eigene Vergangenheit", sagt Hinz. Sie wisse, wie sich Zugewanderte fühlen. "Ob und wie sie ihren Platz finden, hängt auch von uns ab. Wir müssen Verantwortung dafür übernehmen, dass das Zusammenleben funktioniert." Schon in der Schule habe sie sozial benachteiligten Mitschülern Nachhilfe gegeben. "Ich fühle mich gut, wenn ich helfen kann. Und ich glaube fest daran, dass einem das, was man für andere tut, irgendwann zurückgegeben wird."
Wenn wir anfangen zu teilen, sorgt Gott dafür, dass alle satt werden"
Seit 2020 ist ihr Engagement auch ihr Beruf – oder, wie sie sagt, Berufung. Sie leitet die Partnerschaftsaktion Ost des Bistums Magdeburg, die 1992 vom damaligen Bischof Leo Nowak gegründet wurde. Ziel war es, die Menschen in Ost- und Südosteuropa nach der politischen Wende zu unterstützen und ihre kulturellen und geistlichen Werte zu bewahren. Ein Jahr später rief die Deutsche Bischofskonferenz das Hilfswerk Renovabis ins Leben, doch das Bistum Magdeburg führte seine eigene Initiative fort – bis heute.
Hinz erinnert sich noch an den Gottesdienst zum dreißigjährigen Jubiläum der Partnerschaftsaktion Ost, bei dem der 95-jährige Bischof Nowak in seiner Predigt das Gleichnis der Brotvermehrung aufgriff: "Er sagte, erst wenn wir wirklich an die Vermehrung von Brot und Fisch glauben, können wir etwas bewegen. Wenn wir anfangen zu teilen, sorgt Gott dafür, dass alle satt werden." Diese Worte sind Hinz im Kopf geblieben und motivieren sie noch heute.
Die Partnerschaftsaktion Ost hat mit dem Projekt "Eine Woche Frieden" 50 Kinder einer ukrainischen Tanzgruppe in Charkiw für eine Woche nach Magdeburg eingeladen, um sich von dem Krieg zu erholen.
Bei den Projekten der Partnerschaftsaktion Ost geht es ihr darum, Menschen miteinander zu verbinden. Sie versteht sich als Brückenbauerin zwischen den Kulturen, zwischen Deutschen und Zugewanderten, zwischen der Kirche und Konfessionslosen. Im August organisierte das Hilfswerk zum Beispiel das Projekt "Eine Woche Frieden". "Wir haben 50 Kinder aus einer ukrainischen Tanzgruppe in Charkiw für eine Woche nach Magdeburg eingeladen, um sich von dem Krieg zu erholen", sagt Hinz. Zum Programm gehörten ein Ausflug zu einem Badesee, der Besuch des Magdeburger Doms, verschiedene Spieleabende, aber auch Austausch mit anderen Jugendlichen aus der europäischen Jugendbildungsstätte, in der sie für die Woche untergebracht waren.
"Diese Zeit war für die Jugendlichen ein Geschenk", sagt Hinz. Ohne Angst schlafen zu können und beim Aufwachen Vögel zwitschern zu hören, das sei für sie ganz besonders gewesen. "Beim Abschied von den anderen Gästen des Hauses sind viele Tränen geflossen", berichtet Hinz. Die Ukrainer haben sich dort mit Jugendlichen aus ganz Europa angefreundet und Handynummern ausgetauscht.
Wenn Hinz von ihren Projekten erzählt, klingt darin leise Dankbarkeit mit. Dankbarkeit dafür, dass sie in einem Beruf arbeiten darf, der sich oft gar nicht wie Arbeit anfühlt, wie sie sagt. Hinz findet Erfüllung im Miteinander, im Helfen, im Brückenbauen. "Ich habe das Glück, zu tun, was ich liebe", sagt sie. Vielleicht ist es genau diese Haltung, die ihre Arbeit so wirksam macht – und sie selbst so glaubwürdig.