Es braucht theologischen Tiefblick in kirchlichen Debatten

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Seit geraumer Zeit diagnostiziert der Vatikanist Marco Politi einen Bürgerkrieg innerhalb der katholischen Kirche. Oberflächlich betrachtet geht es um ein Gegeneinander zwischen Reformern und Bewahrern, zwischen progressiv-liberal und konservativ-traditionalistisch. Seltenst findet ein konstruktiver Dialog oder respektvoller Disput statt, stattdessen steht einfachhin Meinung gegen Meinung. Eine Meinung ist indes noch kein Argument, Entschiedenheit braucht valide Gründe!
Hinzu kommt, dass sich die Kontroversen recht kleinteilig an der theologischen Oberfläche abspielen – für oder gegen dieses Reförmchen, für oder wider ein bisschen Partizipation, Gleichstellung oder Strukturelles. Das hat alles seine Berechtigung und das Gros der Reformforderungen ist auf der Höhe der Zeit, was deren Verweigerer als Zeitgeist ablehnen. Die eigentliche Begründungsfrage wird entweder nicht gestellt oder bewusst instrumentalisiert: Gott – und was entspricht seinem Willen?
Religiöse Geltungsansprüche sind dann theologisch valide, so Gott plausibel ist. Meine These lautet: Theologische Begründungen beginnen nicht mit einem irgendwie vorausgesetzten Gott, sie beginnen mit dem selbstbestimmten Subjekt, sie können sich nicht auf eine unhinterfragbare Offenbarungswahrheit berufen, sie nehmen ihren Anfang in der Frage des Menschen nach sich selbst: Was soll und darf gelten, welcher Gott soll und darf geglaubt und erhofft werden?
Weder eine platte Wohlfühlspiritualität noch eine harte Eindeutigkeitsnormativität hat begründungslogisch gute Karten. Ins theologische Spiel kommt man, wenn man sich eingesteht, dass Gott ein vernunftgemäßes Postulat ist – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dieses Postulat gibt dann zu denken, wenn als Begründung Deiner Entschiedenheit für Gott ausschließlich Deine Freiheit in ihrer Eigengesetzlichkeit gilt – was weder Willkür noch Relativismus ist.
Diese theologische Eintiefung böte den Liberalen probate Argumente. Den mit der Autonomiefreiheit fremdelnden Reaktionären (auch wenn sie hip daher kommen) wäre der Grund unter dem Boden entzogen, denn göttliche Wahrheiten sind lediglich menschengewollt und müssen sich vor dem Forum der bloßen Vernunft rechtfertigen. Wer unaufgeklärten Gehorsam als "tiefere Freiheit" glauben machen will, spielt mit gezinkten Karten.
Der Autor
Oliver Wintzek ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule in Mainz. Zugleich ist er als Kooperator an der Jesuitenkirche in Mannheim tätig.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.