"Gibt es Leben in unserer Kirche?"

Papst Leo XIV. wirft zum Ende des Heiligen Jahres Zukunftsfragen auf

Veröffentlicht am 06.01.2026 um 15:00 Uhr – Von Sabine Kleyboldt (KNA) – Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Das Heilige Jahr hat Rom mit Pilgern und Touristen geflutet. Nun ist es vorbei, symbolisch hat der Papst die Heilige Pforte am Petersdom geschlossen. Doch für Leo XIV. steht fest: Die Kirche muss einladend bleiben.

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Ein letztes Mal innerhalb des Heiligen Jahres 2025 erklang am Dreikönigstag die Hymne "Fiamma viva della mia speranza" – "Lebendige Flamme meiner Hoffnung". Das große katholische Festjahr, in dem die Kirche die Botschaft der Hoffnung in eine krisengeschüttelte Welt tragen wollte, ist zu Ende.

Am Dienstag schloss Leo XIV. beidhändig die Heilige Pforte ganz rechts am Petersdom, die nur während der sogenannten Jubeljahre, also regulär alle 25 Jahre, nicht zugemauert ist. Aber die Hoffnung geht weiter, muss weitergehen. So lautete, kurzgefasst, der Appell des Papstes an die Menschen in der voll besetzten Basilika und die 1,4 Milliarden Katholiken, denen er seit 8. Mai vorsteht.

Leo drückte der feierlichen Messe seinen Stempel auf. Wie anders die Zeremonie der Schließung der Heiligen Pforte als deren Öffnung vor 54 Wochen! Damals, an Heiligabend 2024, hatte sein schon von Krankheit und Schwäche gezeichneter Vorgänger Franziskus mühevoll das große Bronzeportal aufgestoßen – vom Rollstuhl aus. Leo XIV., 70 Jahre jung, kniete nach den Worten "Diese Heilige Pforte schließt sich, aber die Pforte deiner Gnade schließt sich nicht" auf der Türschwelle nieder, verharrte kurz in Stille, erhob sich und zog, nachdem die Gesänge der Schola verstummt waren, die Flügel des Portals zu, das während des Heiligen Jahres 33,5 Millionen Menschen durchschritten hatten.

Viele Kardinäle aus aller Welt vor Ort

An sie erinnerte der Papst auch in seiner Predigt. "Wer waren sie und was hat sie bewegt? Die Frage nach der geistlichen Suche unserer Zeitgenossen, die viel reichhaltiger ist, als wir es vielleicht begreifen können, stellt sich uns zum Ende des Heiligen Jahres mit besonderem Ernst", so Leo XIV. unter den Augen und Ohren ungewöhnlich vieler seiner 245 Kardinäle. "Millionen von ihnen haben die Schwelle der Kirche überschritten. Was haben sie gefunden? Welche Herzen, welche Aufmerksamkeit, welche Resonanz?"

Ein Messgewand mit dem Logo des Heiligen Jahres 2025
Bild: ©KNA/CNS photo/Justin Mclellan (Symbolbild)

Leo XIV. wurde zum Abschluss des Heiligen Jahrs grundsätzlich: Millionen Menschen hätten die Schwelle der Kirche überschritten. "Was haben sie gefunden? Welche Herzen, welche Aufmerksamkeit, welche Resonanz?"

Um dann mit Fragen fortzufahren, denen sich die katholische Kirche im gerade begonnenen zweiten Quartal des 21. Jahrhunderts stellen sollte: "Gibt es Leben in unserer Kirche? Gibt es Raum für das, was entsteht? Lieben und verkünden wir einen Gott, der Menschen wieder auf den Weg zurückbringt?" Die Kirche solle eine Gemeinschaft der Hoffnung sein, in der sich eine "Geschichte des Lebens ereignet", forderte der Papst. "Heilige Stätten wie die Kathedralen, Basiliken und Wallfahrtsorte, die zu Zielen von Heilig-Jahr-Wallfahrten geworden sind, müssen den Duft des Lebens verbreiten, den unauslöschlichen Eindruck, dass eine neue Welt begonnen hat.

Christen sollten sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, wiederholte Leo zentrale Forderungen seines bislang achtmonatigen Pontifikats. "Um uns herum versucht eine entstellte Wirtschaft, aus allem Profit zu schlagen", so der erste in den USA geborene Papst "Der Markt macht sogar aus dem menschlichen Verlangen zu suchen, zu reisen, neu anzufangen, ein Geschäft."

Mitmenschlichkeit und Offenheit

Es frage sich, ob das Heilige Jahr die Menschen gelehrt habe, jener Art von Effizienz zu entfliehen, die alles auf ein Produkt und den Menschen auf einen Konsumenten reduziere. "Werden wir nach diesem Jahr besser in der Lage sein, im Besucher einen Pilger, im Unbekannten einen Suchenden, im Fernen einen Nächsten, im Anderen einen Weggefährten zu erkennen?", warb der Papst für Mitmenschlichkeit und Offenheit auch Fremden gegenüber.

In diesem Sinne sollten die Christen "Pilger der Hoffnung" bleiben, zitierte er noch einmal das Motto des Heiligen Jahren. "Wenn wir unsere Kirchen nicht zu Denkmälern degradieren, wenn unsere Gemeinschaften Heimat sind, wenn wir gemeinsam den Verlockungen der Mächtigen widerstehen, dann werden wir die Generation der Morgenröte sein", schloss er in jenem poetischen Ton, den er schon bei den Gottesdiensten in den Weihnachtstagen angeschlagen hatte.

Das Heilige Jahr mit seinen vielen zusätzlichen Terminen für den Papst ist vorbei. Doch schon ab Mittwoch hat Leo die Kardinäle der Weltkirche zu einer zweitägigen Versammlung eingeladen. Welche Themen genau er beim außerordentlichen Konsistorium mit seinem Senat besprechen will, ist noch nicht entschieden. Doch bot Leos Predigt genug Denkanstöße – auch für seine engsten Berater.

Von Sabine Kleyboldt (KNA)