Österreichische Kommissions-Vorsitzende über Aufarbeitung

Expertin zu Schutz vor Missbrauch in Kirche: Zölibat überdenken

Veröffentlicht am 06.01.2026 um 15:17 Uhr – Lesedauer: 

Graz ‐ Die Kirche sollte mit Blick auf Missbrauchsprävention ein Ende der verpflichtenden Ehelosigkeit für Priester zumindest prüfen, fordert die Opferschutzkommission in Österreich. Deren Vorsitzende äußerte sich jetzt in einem Fernseh-Interview.

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Nach Ansicht der österreichischen Richterin Caroline List sollte die katholische Kirche ein Ende des Zölibats zumindest in Erwägung ziehen. Viele der des Missbrauchs Beschuldigten seien Ordensleute oder Priester, sagte die Vorsitzende der Unabhängigen Opferschutzkommission für minderjährige Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch durch Angehörige der katholischen Kirche am Dienstag dem ORF. Ein zu sexueller Enthaltsamkeit verpflichtetes Leben könne mitunter zu einem "einsamen Leben" führen, so List. Neben Ordensleuten sind in der katholischen Kirche auch Priester zur Ehelosigkeit, dem Zölibat, verpflichtet.

Die 61-Jährige Richterin ist seit Jahresbeginn Vorsitzende des österreichischen Gremiums, dem sie seit dessen Gründung angehört. Sie ist zudem Präsidentin des Grazer Straflandesgerichts. Bislang wurden den Angaben zufolge rund 3.500 Missbrauchsfälle geprüft und fast 38 Millionen Euro an Entschädigungen an Betroffene ausbezahlt. Die Kommission tritt viermal jährlich zusammen.

Kirche hat Verantwortung übernommen

Auch wenn der Großteil der Missbrauchstaten in den 1960er- und 1970er-Jahren stattgefunden habe, würden bis heute Fälle aufgearbeitet, betonte List. Dies auch, "weil Menschen sich oft sehr spät entscheiden, darüber überhaupt mit jemandem zu sprechen". Eine zentrale, zugleich aber schwierige Frage sei dabei die Wahrheitsfindung. "Wir haben es mit Sachverhalten zu tun, die teilweise weit in der Vergangenheit liegen. Wir haben es mit Beschuldigten zu tun, die teilweise verstorben sind", erläuterte die Kommissions-Vorsitzende.

Da es bestimmte Hotspots gegeben habe, seien in den meisten Fällen sowohl die Täter als auch die Orte – etwa Heime und Internate – bekannt, in denen es häufig zu Missbrauch gekommen sei. Solche Fälle, wie sie damals passiert seien, könnten nach Lists Einschätzung heute nicht mehr passieren.

In Österreich werde derzeit die Stärkung der Stabsstellen für Prävention vorangetrieben, begrüßte List weiter: "Wir können uns mit unserem Wissen und den Erfahrungen, die wir aus den Akten gemacht haben, in die Diskussion, denke ich, gut einbringen." Insgesamt habe die Kirche in Österreich schon Einiges an Verantwortung übernommen: "Wenn wir nach Italien schauen, dort gibt es praktisch diese Diskussion gar nicht. Und in vielen anderen Ländern ist die Diskussion erst am Beginn." (KNA)