Stadtzentrum hat bislang kein Gotteshaus

Mit KI und 3D-Druck: Hier entsteht eine futuristische Kirche

Veröffentlicht am 10.01.2026 um 10:05 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Neratovice ‐ In Tschechien gibt es nicht besonders viele Katholiken – und doch wird dort eine Kirche gebaut, die wie wenige sonst am Puls der Zeit ist. Der Grund ist moderne Technik, die ganz handfeste Vorteile liefert.

  • Teilen:

Tschechien gilt als eines der atheistischsten Länder der Welt: 30 Prozent der Bevölkerung sind überzeugte Atheisten – nur in China (47 Prozent) und Japan (31) ist der Anteil höher. Gerade einmal 13 Prozent der Menschen sind Mitglied einer Religionsgemeinschaft, die Katholiken sind mit etwa neun Prozent Bevölkerungsanteil die größte Gruppe. Trotz oder gerade wegen dieser Zahlen wird in Tschechien gerade eine Kirche gebaut, die in ihrer Bauart futuristisch ist und bei deren Bau sowohl mit Künstlicher Intelligenz wie auch mit 3D-Drucken gearbeitet wird.

Geplant wird die Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit seit Herbst 2024 in der Mittelstadt Neratovice, knapp 20 Kilometer nördlich von Prag. Die Stadt ist vor allem für ihre Chemieindustrie bekannt, die hier Anfang des 20. Jahrhunderts Fuß fasste. Gefördert wurde die industrielle Entwicklung dann vor allem in kommunistischer Zeit: 1957 wurde Neratovice zur Stadt erhoben, eine sozialistische Musterstadt sollte es werden. Das hieß nicht zuletzt: keine Kirche. Da ging es ihr so ähnlich wie der DDR-Stadtneugründung Stalinstadt, dem heutigen Eisenhüttenstadt. Auch dort gab es anfangs keine Kirche. Anfang der 1980er Jahre wurde dort aber ein Gemeindezentrum gebaut. Nicht so in Neratovice: Nach einigen Eingemeindungen gibt es zwar auf dem Gebiet der Kommune mittlerweile Kirchengebäude, in der Kernstadt allerdings nicht. Den Gläubigen vor Ort fehlt also etwas – denn bis heute arbeitet die Gemeinde mit Provisorien.

Die nun im Bau befindliche Kirche ist in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. Denn geplant hat sie der vielfach ausgezeichnete Architekt Zdeněk Fránek – und der arbeitet mit modernster Technik. Schon früh im Planungsprozess ist klar: Zumindest der Turm der Kirche soll mit Betonteilen aus dem 3D-Drucker gebaut werden. Je länger das Team plant, desto mehr zeigt sich: Die 3D-Technik lässt sich auch im Innenausbau perfekt einsetzen. Dort wird sie sogar mit Künstlicher Intelligenz (KI) verbunden.

Hohlraum mit Sonderfunktion

Das Prinzip: Der Innenraum der länglichen, an ihren Enden halbrund geformten Kirche ist von Wellenmustern bestimmt, die die Wände entlangrauschen. Sie bestehen aus dünnen Betonplatten aus dem 3D-Drucker. Das sieht nicht nur gut aus, sondern hat auch einen ganz praktischen Vorteil: "Im Inneren dieser Elemente befindet sich ein Hohlraum ohne strukturelle Funktion", sagt Architekt Michal Mačuda, der die 3D-Umsetzung leitet, bei der Vorstellung des Projekts. "Als wir den Prototyp gedruckt haben, haben wir kleine Stahlrohre eingesetzt. Der Schall wandert durch diese Rohre in diesen Hohlraum, der mit einer Art Wolle gefüllt wird. So reduzieren wir den Echo-Effekt und verbessern den Klang im Raum."

Zwei hochmoderne Technikansätze treffen hier aufeinander: Einerseits kommen die vorgefertigten Einzelteile aus dem 3D-Drucker, andererseits werden sie mithilfe von KI vorgeplant. So entstehen 520 vorgefertigte Einzelteile, die vor Ort nur noch ineinandergesteckt werden müssen. Laut Mačuda entsteht so die größte 3D-gedruckte Kirche der Welt.

Damit ist die Kirche architektonisch ganz vorne mit dabei. Denn auch in der Architektur gewinnt das Thema 3D-Druck an Bedeutung. So eröffnet dieses Jahr im ebenfalls in Tschechien liegenden Altvatergebirge eine Seilbahnstation, bei der zentrale Teile aus dem Drucker kommen. Das Ergebnis: Organische Formen, großer Detailreichtum. Dies ist einer der Gründe, weswegen Architekten die neue Technik schätzen: "Keine andere Technologie außer 3D-Druck kann das", sagt der dortige Manager Jan Ležatka.

Bild: ©picture alliance/CTK/Vit Cerny

Neratovice wird durch die Chemieindustrie geprägt – schon seit kommunistischen Zeiten.

Nicht zuletzt hat die Technik-Innovation auch ganz handfeste Vorteile: So können laut den Verantwortlichen in Neratovice auf diese Weise 70 Prozent des benötigten Betons eingespart werden. Wahrscheinlich macht auch dies das Projekt in Neratovice zum geliebten Kind des Erzbistums Prag. Kosten soll das Bauwerk umgerechnet etwa achteinhalb Millionen Euro. Ein Drittel davon hat die Gemeinde bereits durch Spenden zusammenbekommen. "Jeder Vorschlag für einen neuen Kirchenbau muss von der Liturgischen Kommission und vom Priesterrat genehmigt werden", sagt Bistumssprecher Jiří Prinz. "Diese Gemeinde will schon seit 1990 eine Kirche bauen."

Es sei völlig klar, dass dort eine Kirche gebraucht werde, so Prinz weiter. "Deshalb hatte dieses Projekt von Anfang an unsere Unterstützung und die ganze Pfarrei freut sich darüber." Denn das Bauwerk soll nicht nur Kirche sein, sondern auch soziales Zentrum der Stadt – ein Mittelpunkt zwischen den am Fließband entworfenen Wohnblöcken aus dem Kommunismus. "Die ganze Gemeinschaft arbeitet mit Provisorien, das kostet die Leute viel Aufwand", heißt es auf der Webseite der Pfarrei zum Projekt. "Das geplante Kirchengebäude soll als ein Gemeinschaftszentrum fungieren, in dem nicht nur religiöse Kreise und Aktionen willkommen sind, sondern alle Menschen in Neratovice, die sich am sozialen und kulturellen Leben der Gemeinschaft beteiligen möchten."

Trotz Kirchenferne: Auch die kleine Kirche Tschechiens kann Landmarken setzen – spirituell und architektonisch. Bei beidem hilft modernste Technik, mit den richtigen Ideen.

Von Christoph Paul Hartmann