Standpunkt

Die Zeit wäre reif für Versöhner!

Veröffentlicht am 08.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Thomas Arnold – Lesedauer: 

Dresden ‐ Vor 60 Jahren haben sich polnische und deutsche Bischöfe die Hand gereicht: "Wir vergeben und bitten um Vergebung". Heute bräuchte es wieder Versöhnung – innerhalb der Gesellschaft. Für Thomas Arnold ist klar: eine Aufgabe für die Kirche.

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"Wir vergeben und bitten um Vergebung". Ein Satz, der eine Haltung ausdrückt. Erst recht, weil er erstmals in einem Brief stand, der von einem verwundeten Volk an ein Volk der Täter geschickt wurde. Was vor 60 Jahren im Alleingang der Bischöfe in Polen geschah, wurde vor wenigen Wochen grenzübergreifend im Gedenken gewürdigt.

Viel unbemerkter ist das nun ausgerufene "Jahr der Versöhnung" durch den Bischof von Leitmeritz, dessen Diözese nicht nur von der Grenze zu Deutschland, sondern auch von Flucht und Vertreibung Sudetendeutscher geprägt ist.

Zunächst geht es in beiden Ländern um Formen der Erinnerung und eines angemessenen Umgangs mit dem teils eigenen Handeln. Doch dahinter steckt die Dimension der Reflexion von Verantwortung, Schuld und dem Hoffen auf einen Lernprozess, der zum veränderten Umgang in der Zukunft führt - nicht nur für den Einzelnen, sondern durch die öffentlichen Akte immer auch für eine ganze gesellschaftliche Gruppe. Die Kirche hat dafür nicht nur eine biblisch grundgelegte Erzählung, sondern auch eine erfahrungsgesättigte eigene Tradition über zwei Jahrtausende. Da ihr als Religionsgemeinschaft ein Sinnüberschuss innewohnt, ist sie vor allem in der Lage, eigenes Handeln in ein Verhältnis mit einer übergeordneten, moralischen Instanz zu setzen. Damit kommt ihr eine zentrale gesellschaftliche Bedeutung zu: Wer, wenn nicht die Kirche, kann in Zeiten von Polarisierungen, nach gesellschaftlichen Fehlentscheidungen und vielfachen Verletzungen für Räume der Versöhnung sorgen?

Auch wenn es auf den Einzelnen und seine Bereitschaft ankommt. Es ist die Kirche, die Worte und Zeichen der Reflexion eigenen Handelns, des Schuldbekenntnisses und der Reue sowie der Versöhnung entwickelt hat. Was für geübte Katholiken wie die Beschreibung des Messablaufs wirkt, ist eine Beschreibung existentieller menschlicher Sehnsucht, die kein Staat oder politisches System in dieser Form ersetzen kann.

Deswegen braucht es ein verstärktes Engagement der Kirchen für die Versöhnung der Kirchen. Nicht nur im Umgang mit den Schrecken während der Nazi-Herrschaft, sondern mit den aktuellen Polarisierungen in unserem Land als auch kirchlich: Ost-West, Pegida und AfD, Corona und Querdenker, Synodaler Weg und römische Kurie … die Liste lässt sich sowohl gesellschaftlich als auch kirchlich weiter fortsetzen. Die Zeit wäre reif für Versöhner!

Von Thomas Arnold

Der Autor

Dr. Thomas Arnold baut im Leitungsstab des Sächsischen Staatsministeriums des Innern den Bereich strategische Planung, Organisationsentwicklung und Controlling auf. Zuvor leitete er von 2016 bis 2024 die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.