Beziehungen zwischen USA und Vatikan auf die Probe gestellt

US-Botschafter instrumentalisiert Papst: Ein undiplomatischer Eklat

Veröffentlicht am 08.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Bernd Tenhage (KNA) – Lesedauer: 

Bernd Tenhage (KNA) ‐ Der US-Botschafter im Vatikan verbreitet den Eindruck, Papst Leo XIV. unterstütze den Militäreinsatz der Trump-Regierung in Venezuela. Brian Burchs Stellungnahme ist ein beispielloser Bruch diplomatischer Etikette.

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Ein solcher Vorfall ist in der Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und dem Vatikan beispiellos. Diese reichen bis 1984 zurück und waren immer wieder von Meinungsverschiedenheiten überschattet – vor allem während des Irak-Kriegs, den Papst Johannes Paul II. ablehnte. Der damalige Botschafter der USA, Jim Nicholson, räumte auf dem Höhepunkt der Spannungen 2003 offen ein: "Wir haben eindeutig eine Meinungsverschiedenheit zu Irak. Der Papst hat klar Nein zu Krieg gesagt."

Ebenso deutlich positionierte sich Papst Leo XIV. während des Angelus-Gebets am Sonntag zum zuvor erfolgten Militärschlag der USA in Venezuela. "Das Wohl des geliebten venezolanischen Volkes muss Priorität haben", sagte der Papst. Er forderte, "Wege der Gerechtigkeit und des Friedens einzuschlagen". Dafür müssten "die Souveränität des Landes garantiert, der in der Verfassung definierte Rechtsstaat gesichert, die Menschenrechte und die bürgerlichen Rechte aller gewahrt werden".

Papst-Aussagen verfälscht

US-Botschafter Brian Burch gab jedoch eine Stellungnahme ab, die diese massive Differenz ignorierte. Indem er selektiv zitierte und zentrale Aussagen sowie den Gesamtzusammenhang wegließ, verfälschte er die Aussagen Leos geradezu: Der Rechtskatholik tat so, als ob der Papst Trumps Vorgehen gutheiße.

"Papst Leo XIV. sagte am Sonntag, dass er die Nachrichten aus Venezuela verfolgt und für den Frieden betet", schrieb Burch. "Er betonte die Notwendigkeit, zusammenzuarbeiten, um eine Zukunft für das venezolanische Volk aufzubauen, die auf Kooperation, Stabilität und Harmonie basiert." Dank Trumps entschlossener Führung werde Diktator Nicolás Maduro nun vor Gericht gestellt. "Dies ist ein Moment, um Hoffnung für Millionen zu feiern."

Papst Leo XIV. spricht bei einer Generalaudienz
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Schon früh hatte Papst Leo die US-Regierung aufgefordert, keinen Militärputsch in Venezuela zu betreiben.

Burch verschwieg also Leos ausdrückliche Mahnung, die venezolanische Souveränität zu wahren. Der Papst hatte die Trump-Regierung bereits im Dezember öffentlich aufgefordert, "keinen Militärputsch oder keine Invasion" in Venezuela zu verfolgen.

US-Kirchenvertreter zeigen sich gespalten

Die Lage in Venezuela berührt den Vatikan auch aufgrund personeller Nähe auf besondere Weise: Der in Venezuela geborene Erzbischof Edgar Peña Parra gilt als einer der mächtigsten Beamten der Römischen Kurie; Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin kennt Venezuela aus eigener Anschauung. Von 2009 bis 2013 diente er als Apostolischer Nuntius in Caracas.

Am Montag traf wiederum der Papst seinen Nuntius in den USA, Kardinal Christophe Pierre. Ob der Bruch der diplomatischen Etikette zur Sprache kam, ist nicht bekannt. Gewiss aber dürfte die Lage in Venezuela eine Rolle gespielt haben.

Derweil schweigen die US-Bischöfe bisher. Auf ihrer Internetseite begrüßt ein Bild des Papstes mit der Zeile "Merry Christmas!" das Publikum. Weiter unten findet sich ein Bericht mit der Kritik Leos, aber keine eigene Stellungnahme. Im Unterschied dazu beziehen die Führer verschiedener protestantischer Kirchen klar Stellung zur Militäraktion in Venezuela: Der evangelikale Prediger Franklin Graham, Sohn von Billy Graham und Leiter der Hilfsorganisation Samaritan's Purse, lobte den Eingriff überschwänglich. Beispielhaft für viele Evangelikale in den USA dankte er Trump "für das, was Sie für das Volk Venezuelas getan haben".

Auf der anderen Seite des Spektrums fallen die Reaktionen deutlich kritischer aus. Jihyun Oh, leitende Geistliche der Presbyterianischen Kirche der USA, erklärte: "Gewalt und militärische Intervention von außen, besonders wenn sie ohne klare Zurückhaltung und Rechenschaftspflicht unternommen werden, vertiefen das Leid, statt Gerechtigkeit oder Frieden zu bringen."

Die Leiterinnen der Disciples of Christ und der United Church of Christ sehen den Angriff als Teil eines beunruhigenden Musters rechtswidriger Militäraktionen: Teresa Hord Owens und Karen Georgia A. Thompson verurteilen in einer gemeinsamen Stellungnahme "alle Formen staatlicher Aggression, ob sie sich gegen das eigene Volk richten oder einem anderen Land aufgezwungen werden".

Von Bernd Tenhage (KNA)