Herrgottskinder – Die Elternkolumne

Die vergessene Kindheit Jesu

Veröffentlicht am 26.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Stefanie Heinrichs – Lesedauer: 

Bonn ‐ Ein Krippenspiel an Heiligabend, eine unbedachte Bemerkung und eine hartnäckige Nachfrage: Warum erzählen wir so viel von Jesu Geburt – aber kaum etwas von seiner Kindheit, fragt sich Stefanie Heinrichs in ihrer Kolumne.

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Kinder geben sich nicht mit schnellen Antworten zufrieden. Schon gar nicht, wenn es um Geschichten geht, die angeblich gut ausgehen. Krippenspiel in der Kirche. Etwas, das wir mit den Freundinnen und Freunden unserer Tochter und deren Familien seit ihrer Geburt machen. Die Kinder saßen – sofern sie nicht selbst als Engel, Hirten oder Schafe auf der Bühne standen – erstaunlich andächtig in den Bänken. Sie schauten. Sie hörten zu. Maria und Josef fanden einen Platz, das Kind lag in der Krippe, die Engel sangen, die Hirten staunten. Alles wie immer.

Nach dem Spiel standen wir noch an der Krippe. Wir redeten darüber, wie schön es gewesen war, wie dankbar wir unserer Küsterin für ihre Arbeit waren – und wie die Kinder das Ganze erlebt hatten. Eine Mutter erzählte, dass sich ein Mädchen während des Spiels immer wieder umgedreht habe. "Ich hoffe, das geht gut aus", habe sie gesagt. Immer wieder. "Geht die Geschichte gut aus?" 

Wer an Weihnachten von Ostern spricht, riskiert was

Die Erwachsenen schmunzelten. Die Mutter habe beruhigt: Ja, das gehe gut aus. Natürlich. Ich habe leider die Eigenschaft, dass mein Mund manchmal schneller ist als mein Kopf. Und einen gewissen Hang zum Sarkasmus. Also sagte ich: "Also, ich will ja nicht spoilern, aber gebt der Story noch drei Monate. Ich sag' nur: Ostern".

Empörte Blicke. Nicht wegen des Spoilers. Sondern weil Heiligabend war. Weil wir auf Weihnachten eingestellt waren. Auf Krippe, Engel und ein gutes Ende. Niemand wollte an diesem Abend mit Kindern über den Tod sprechen. Oder über das, was danach kommt. Über Kreuz, Grab – und eine Auferstehung, die sich nicht so leicht erklären lässt. Die Früchte meiner unbedachten Äußerung trage ich bis heute. Im Nachgang ging es bei uns um Ostern. Und ziemlich bald um eine andere Frage: Warum gibt es eigentlich so wenig Geschichten über Jesu Kindheit?

Jesus in Menschenmenge
Bild: ©Canva/@rick734s-images (Symbolbild)

Jesus in einer Menschenmenge

Seitdem stecke ich in der Recherche. Und da gibt es mehr Theorien von Theologen und Wissenschaftlern als Seiten in einer Kinderbibel. Meine Tochter möchte seither mehr über Jesu Kindheit wissen. Sie ist schließlich selbst ein Kind. Und an Weihnachten reden die Erwachsenen ständig über ihre eigene Kindheit. "Das tun sie immer", sagt sie. "Wenn die Kindheit so wichtig ist – warum wird dann Jesu Kindheit ausgelassen?" 

Wir holen die Kinderbibeln hervor. Und wir haben einige. Viel finden wir nicht. Die Flucht nach Ägypten. Die Rückkehr nach Nazareth. Die Tempelgeschichte. Das war es im Wesentlichen. Auch in der Bibel selbst steht kaum mehr. Eine ziemlich kurze Kindheit. Also suchen wir weiter. "Man wusste ja damals noch nicht, wie wichtig Jesus mal wird", sage ich eines Abends verzweifelt. Nicht, weil ich davon überzeugt bin. Sondern weil ich keine Lust mehr habe. Weil es spät ist. Und weil ich decke: Jetzt reicht es vielleicht.

Die Frage, die im Raum steht

Meine Tochter hakte nach. "Ach so", sagte sie. "Und warum wird dann schon von seiner Geburt erzählt?" Kurze Pause. "Und warum gibt es dann die Flucht nach Ägypten?" Noch eine. "Und die Geschichte im Tempel?" Sie hatte recht. Und ich merkte, wie dünn meine Antwort war. 

Wir Erwachsenen wollen unseren Glauben weitergeben. Wir erzählen, wir erklären, wir spielen Krippenspiele. Aber manchmal, wenn es mühsam wird, greifen wir zu Sätzen, die ein Gespräch beenden sollen. Dieses Mal funktionierte das nicht. Meine Tochter hakte nach. Also suchen wir weiter. Nicht, weil wir schon Antworten hätten. Sondern weil die Frage im Raum steht.  

Von Stefanie Heinrichs