Warum der Glaube nicht am Tannenbaum hängt

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Januar – die Zeit der Festtage und Ferien ist vorbei. Die Kerzen sind heruntergebrannt, die letzten Plätzchenkrümel aus den Sofaritzen gesaugt, die Familienfeste gefeiert und in meiner Familie sogar der Christbaum entsorgt. Was bleibt, ist der Montagmorgen. In Nordrhein-Westfalen ist es mit Blick auf das Ende der Weihnachtsferien ehrlicherweise der Mittwochmorgen, an dem der Alltag wieder alle abholt. Die Schul- und Kitaferien sind vorbei, der Wecker klingelt wieder zu früh, die Brotdosen wollen gefüllt, Schuhe gesucht und Termine koordiniert werden. Klassischer Familienalltag eben. Und der lastet nach den Feiertagen oft tonnenschwer auf uns.
Die Weihnachtsferien gleichen einer Achterbahnfahrt. Viele Feste, viele Highlights, viel Religion dicht aufeinander. Der Alltag dagegen verlangt Regelmäßigkeit, Wiederholung, Planbarkeit. Aber nach Weihnachten, Silvester und dem Sternsingerprogramm erlebe ich den Einstieg in den Alltag als eine Art inneren Jetlag. Als müssten sich mein Körper und meine Familie erst wieder auf Normalbetrieb umstellen. Und das braucht Zeit. "Ich bin noch müde", mosert mein Sohn. "Beeil dich", hetze ich zum wiederholten Mal, während ich selbst unsere sieben Sachen zusammensuche, die noch nicht alle wieder an ihrem alltagstauglichen Ort verstaut sind. Die Umstellung ist fordernd – für alle.
Die Jahresuhr steht niemals still
Der kirchliche Kalender schaltet nach Hochfesten schnell in den nächsten Modus. Die nächste Einladung, der nächste Impuls wartet schon. Aber gerade jetzt, wo Routinen erst wieder mühsam entstehen, empfinde ich religiöse Zusatzprogramme oft nicht als Hilfe, sondern als weitere Baustelle.
So geht es mir mit der ersten Familienmesse im neuen Jahr genau wie mit der Weihnachtsdeko. So viel Freude das Schmücken im Advent bereitet, so froh bin ich im Januar, wenn alles wieder verstaut wird. Und dieses Abschmücken und Reorganisieren braucht ja auch Zeit. Zeit, die mir die Ferien schenken, der Alltag oft nicht.
Sichtbar neu anfangen
Daher mein Appell, umzudenken. Uns nicht vom Erwartungsdruck übermannen zu lassen, sondern zu akzeptieren, dass jeder seinen eigenen Takt finden muss. Familien – und besonders die Kinder – haben in den Wochen rund um Weihnachten viel geleistet: beim Krippenspiel und als Sternsinger. Vielleicht dürfen sie sich nun einfach Zeit nehmen, wieder in den Alltag zu finden, ganz ohne Zusatzaufgaben. Gott hat am siebten Tag auch Pause gemacht – warum müssen wir uns dann ihm zuliebe stressen?
Vielleicht ist es also in Ordnung, die Familienmesse zu schwänzen oder den Tannenbaum und Co. dann abzubauen, wenn die Luft dafür noch da ist, und ihn nicht zwanghaft bis zum Ende der Weihnachtszeit stehen zu lassen, nur weil man das eben so macht. Ja, liturgisch endet die Weihnachtszeit erst mit dem Fest der Taufe des Herrn am 11. Januar. Das ist gut zu wissen – und trotzdem kein Maßstab, an dem sich alle Familien messen lassen müssen. Den Baum früher abzuräumen, ist kein Mangel an Frömmigkeit, sondern manchmal ein Akt der Selbstfürsorge. Ein sichtbares Zeichen dafür, sich wieder neu aufzustellen und aufgeräumt in den Alltag zu starten. Rituale helfen, wenn sie tragen. Sie überfordern, wenn sie sich gegen den eigenen Lebensrhythmus richten.