Neuer Ausbildungsweg in Österreich für Spätberufene

Regens zu berufsbegleitender Priesterausbildung: Interesse wird kommen

Veröffentlicht am 16.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Brüwer – Lesedauer: 

Graz ‐ Um dem Priestermangel zu begegnen, hat die Kirche in Österreich einen neuen Ausbildungsweg für Spätberufene eingeführt. Im katholisch.de-Interview spricht der Grazer Regens Thorsten Schreiber über die Ausbildung, Priester mit Zivilberuf und die Berufungskrise in der Kirche.

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Neuer Ausbildungsweg für 45- bis 60-Jährige – neben dem Beruf: Damit will die Kirche in Österreich neue Kandidaten für das Priesteramt gewinnen. Der Grazer Regens Thorsten Schreiber ist überzeugt, dass das Interesse an diesem Weg für Spätberufene stetig wachsen wird. Im katholisch.de-Interview erklärt er, warum der neue Weg auf Linie mit Papst Leo XIV. ist.

Frage: Herr Regens Schreiber, Sie haben nach Matura und Zivildienst ziemlich direkt das Theologiestudium begonnen und sind kurz darauf ins Priesterseminar eingetreten. Bei wie vielen Priestern sieht der Weg heute noch genauso aus?

Schreiber: Aktuell befinden sich im Grazer Priesterseminar 21 Seminaristen in Ausbildung – sieben für die Diözese Gurk und 14 für die Diözese Graz-Seckau. Unter diesen 21 sind derzeit fünf Kandidaten, die direkt nach der Matura beziehungsweise nach dem Präsenzdienst – der sechsmonatige Grundwehrdienst in Österreich – oder nach dem neunmonatigen Zivildienst in das Priesterseminar eingetreten sind. Das bedeutet: Bei etwa einem Viertel der Seminaristen ist der Weg heute noch ähnlich wie jener, den ich selbst gegangen bin. Gleichzeitig zeigt sich deutlich, dass viele Berufungen heute auf einem anderen Weg reifen: Zehn der 21 Seminaristen hatten bereits vor ihrem Eintritt oder im ersten Eintrittsjahr ein Studium, mehrere Studien oder eine Berufsausbildung abgeschlossen. Der Weg ins Priesterseminar ist damit insgesamt vielfältiger und biographisch breiter geworden.

Frage: Ist es ein Vorteil, wenn Männer mit mehr "Lebenserfahrung" ins Priesterseminar kommen und diesen Weg gehen?

Schreiber: Aus der entwicklungs- und berufspsychologischen Forschung wissen wir, dass die persönliche Lebensgeschichte, -reife und -erfahrung eines Menschen seine Identität, Werte und Selbstverständnis stark prägen und sich berufliche Entscheidungen über die Zeit hinweg weiterentwickeln. Ältere Kandidaten haben oft bereits mehrere Rollen in Beruf, Beziehungen und gegebenenfalls Ehrenamt erlebt. Das fördert Einsicht in eigene Stärken, Grenzen und Lebensziele – Aspekte, die in der geistlichen Berufung wichtig sind. Lebenserfahrung kann ein großer Vorteil sein, wenn sie reflektiert und reif in die Entscheidung für den priesterlichen Weg eingebracht wird. Sie kann zur inneren Klarheit, emotionalen Stabilität und pastoralen Kompetenz beitragen und bietet eine wertvolle Ressource für den Dienst am Menschen.

Der Grazer Regens Thorsten Schreiber schaut durch eine Glasscheibe
Bild: ©Kanizaj Marija-M.

"Bei etwa einem Viertel der Seminaristen ist der Weg heute noch ähnlich wie jener, den ich selbst gegangen bin", sagt Thorsten Schreiber. Er ist Regens der Priesterseminare der Diözesen Graz-Seckau und Gurk.

Frage: In Österreich soll es künftig die Möglichkeit einer berufsbegleitenden Priesterausbildung geben. Wie sieht das aus?

Schreiber: Dieses Modell richtet sich an Männer, die bereits mitten im Berufsleben stehen und ihre Berufung erst in einer späteren Lebensphase entdecken. Kern des Weges ist ein fundiertes theologisches Studium, das entweder als akademischer Bachelor oder als kirchlich anerkanntes Studium absolviert wird. Alle Kandidaten nehmen an den Modulen des Propädeutikums, also dem Vorbereitungsjahr für angehende Priester, teil. Die Priesterausbildung wird individuell an die Lebens- und Arbeitssituation der Kandidaten angepasst.

Frage: Was bedeutet das?

Schreiber: Der Zugang zu diesem Ausbildungsweg ist altersmäßig klar geregelt: Er steht Männern offen, die mindestens 45 Jahre alt sind; der Ausbildungsbeginn muss vor dem 60. Lebensjahr liegen. Insgesamt eröffnet dieser Weg die Möglichkeit, berufliche Erfahrung und priesterliche Berufung miteinander zu verbinden und trägt damit der gewachsenen Vielfalt heutiger Berufungsbiografien Rechnung.

Frage: Was erhoffen Sie sich davon?

Schreiber: Ich erhoffe mir davon vor allem, dass Berufungen in Vielfalt ernst genommen und gefördert werden. Viele entdecken ihre priesterliche Berufung nicht am Beginn ihres Erwachsenenlebens, sondern erst nach Jahren im Beruf, in Verantwortung, in Beziehungen und Lebenserfahrungen. Der berufsbegleitende Weg gibt ihnen die Möglichkeit, dieser Berufung realistisch und verantwortungsvoll nachzugehen. Es geht in der berufsbegleitenden Priesterausbildung um einen anspruchsvollen Weg, der eine klare Berufung, hohe persönliche Reife und die Bereitschaft verlangt, Beruf, Studium und spirituelle Formation miteinander zu verbinden.

Papst Leo XIV. unterzeichnet ein Apostolisches Schreiben
Bild: ©KNA/Lola Gomez/CNS photo (Archivbild)

Mit dem Apostolischen Schreiben "Eine Treue, die Zukunft schafft" äußerte sich zuletzt auch Papst Leo XIV. zum Priesteramt. Ein Anknüpfungspunkt für den neuen Weg in Österreich, findet Regens Schreiber.

Frage: Gibt es bereits viele Interessenten für diesen Weg?

Schreiber: Wichtig ist zu wissen: Ganz neu ist dieser Weg nicht. Auch bisher hat es vereinzelt Männer gegeben, die aus einer späteren Lebensphase heraus und teilweise berufsbegleitend auf das Priesteramt zugegangen sind. Diese Wege waren jedoch oft individuelle Lösungen, stark von Einzelfallentscheidungen geprägt und strukturell wenig abgesichert. Genau hier setzt das neue Modell an: Für diese bislang eher seltenen, aber wertvollen Berufungswege wird nun eine klare, verlässliche und transparente Struktur geschaffen. Gleichzeitig wird diese Möglichkeit erstmals gezielt und breiter kommuniziert, sodass Männer, die sich bisher vielleicht nicht angesprochen fühlten, nun wissen: Es gibt einen realistischen, gut begleiteten Weg, der ihre Lebenssituation ernst nimmt. Ich gehe daher davon aus, dass das Interesse mit der Zeit wachsen wird, nicht sprunghaft, aber nachhaltig, weil Berufungen sichtbar werden, die bisher oft im Verborgenen geblieben sind.

Frage: In Ausnahmefällen soll es auch möglich sein, priesterlichen Dienst neben dem Zivilberuf auszuüben. Wie kann das aussehen?

Schreiber: Zunächst möchte ich erwähnen, dass es sogenannte "Arbeiterpriester" schon gab. Die Bewegung der Arbeiterpriester entstand in den 1940er-Jahren, vor allem in Frankreich. Als eigentlicher Beginn gilt das Jahr 1944, als die ersten katholischen Priester bewusst beschlossen, als normale Arbeiter in Fabriken und Betrieben zu arbeiten, um mitten im Alltag der Arbeiterschaft zu leben. Der Hintergrund war eine tiefe pastorale Sorge: Viele Arbeiter waren der Kirche entfremdet und man wollte ihnen nicht von außen, sondern von innen heraus begegnen. Auch in Österreich und in Deutschland gab es Arbeiterpriester, allerdings in deutlich kleinerer Zahl als in Frankreich. Vor allem ab den 1950er- und 1960er-Jahren und besonders in industriell geprägten Regionen.

Frage: Und heute?

Schreiber: Heute würde der zivile Beruf nicht parallel in voller Intensität, sondern eher in angemessenem, begrenztem Ausmaß weitergeführt werden. Konkret kann das heißen, dass der Priester parallel zum Beruf in einem klar umrissenen pastoralen Bereich eingesetzt ist, etwa in der Sakramentenspendung, in der Seelsorge oder in kategorialen Aufgaben wie der Krankenhausseelsorge. Wichtig ist dabei, dass es keine Rollenkonflikte gibt und die priesterliche Identität klar erkennbar bleibt. Ziel ist kein Nebeneinander ohne Profil, sondern eine verantwortungsvolle Verbindung von priesterlichem Dienst und beruflicher Kompetenz.

„Berufungen wachsen dort, wo Christinnen und Christen das Evangelium mit Freude leben, wo Glaube nicht Pflicht, sondern Quelle von Sinn, Hoffnung und Begeisterung ist.“

—  Zitat: Regens Thorsten Schreiber

Frage: Zuletzt hat sich Papst Leo XIV. mit dem Apostolischen Schreiben "Eine Treue, die Zukunft schafft" zum Priesteramt geäußert. Sehen Sie die Anpassungen in Österreich auch als Schritt in die Richtung, die Papst Leo sich vorstellt?

Schreiber: Ich würde vorsichtig Ja sagen: Das Apostolische Schreiben kann durchaus als ein fruchtbares Dokument verstanden werden, auf dessen geistlichem Fundament der Weg einer berufsbegleitenden Ausbildung weitergedacht und aufgebaut werden kann. Es eröffnet einen Horizont, in dem Treue zur Berufung und das Suchen nach zeitgemäßen Wegen nicht als Gegensatz, sondern als gegenseitige Ergänzung erscheinen.

Frage: Können Sie Beispiele nennen?

Schreiber: Die Worte "Möge in uns allen der Wille neu erwachen, alles für die Förderung der Berufungen zu tun und unablässig zum Herrn der Ernte zu beten" (Nr. 27) und "Denken wir daran: Es gibt keine Zukunft ohne die Pflege aller Berufungen!" (Nr. 28) aus diesem Schreiben sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Sie machen deutlich, dass Berufungen nicht gemacht, sondern im Gebet, in Aufmerksamkeit und in konkreter Verantwortung begleitet werden. In diesem Licht sehe ich die derzeitige aufrichtige Auseinandersetzung mit einem Weg einer berufsbegleitenden Ausbildung zum Priester als einen weiteren Zugang, der helfen kann, Berufungen wahrzunehmen, zu fördern und ihnen treu nachzugehen.

Frage: Was muss aus Ihrer Sicht in Zukunft noch passieren, um der Berufungskrise zu begegnen?

Schreiber: Um der Berufungskrise zu begegnen, braucht es aus meiner Sicht mehr als neue Strukturen oder Programme. Entscheidend ist, dass Berufung wieder als etwas Schönes, Lebendiges und Mögliches erfahrbar wird. Berufungen entstehen dort, wo Menschen anderen aufmerksam helfen, auf das zu hören, was Gott ihnen ins Herz legt. Viele berichten, dass ein sehr großer Teil jener, die den Weg der Priesterausbildung begonnen haben, von Priestern konkret auf ihre mögliche geistliche Berufung angesprochen wurde. Das zeigt, wie wichtig persönliche Ermutigung ist. Darum ist das ein klarer Appell an uns Priester: über Berufung zu sprechen, darüber zu predigen, Fragen zu stellen und jungen Menschen etwas zuzutrauen. Manchmal braucht es nur einen schlichten Impuls: "Hast du schon einmal daran gedacht, dass Gott dich ruft?" Gleichzeitig richtet sich dieser Auftrag an alle Getauften. Berufungen wachsen dort, wo Christinnen und Christen das Evangelium mit Freude leben, wo Glaube nicht Pflicht, sondern Quelle von Sinn, Hoffnung und Begeisterung ist. Wer selbst begeistert glaubt, weckt Fragen und öffnet Räume, in denen Berufung entstehen kann. So gesehen beginnt die Antwort auf die Berufungskrise ganz schlicht bei der glaubwürdig gelebten Freude am Evangelium und beim Mut, andere achtsam und ermutigend auf ihre mögliche Berufung aufmerksam zu machen.

Von Christoph Brüwer