Standpunkt

Gott ist Fleisch geworden – auch an Weihnachten eine Provokation

Veröffentlicht am 15.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Eine Performance im ARD-Weihnachtsgottesdiest sorgt für Empörung – bis weit nach Weihnachten: Hat der "Schleim-Jesus" etwas in der heiligen Nacht zu suchen? Das zeigt, wie provokant es heute noch ist, dass Gott Mensch geworden ist, so Felix Neumann.

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Die größte Provokation des Christentums ist bis heute, dass Gott Mensch geworden ist. "Das Wort ist Fleisch geworden", heißt es im Prolog des Johannesevangeliums, der am Weihnachtstag in der Messe gelesen wird. Der Evangelist bringt damit das in eine philosophische Sprache, was in der Geburtsgeschichte des Lukasevangeliums in einfacheren Worten beschrieben und in der Christmette gelesen wird. Bei Lukas heißt es zur Geburt ganz knapp: "Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen."

Wer schon einmal eine Geburt erlebt hat, dürfte wissen, was alles hinter diesem knappen Satz steckt. Und wer mit den Gottesbildern der antiken Philosophie vertraut ist, dürfte erfassen, welche Provokation im Bericht der Evangelisten steckt, dass Gott nicht nur eine menschliche Hülle annimmt, sondern tatsächlich Mensch, Fleisch wird.

Diese Radikalität der Menschwerdung Gottes verstört, damals wie heute. Das zeigt sich immer dann, wenn Kunst sich dieser Radikalität widmet und auf Protest stößt – gerne unter demonstrativ angeführter Verletzung religiöser Gefühle. Als vor zwei Jahren die Statue einer gebärenden Maria im Linzer Dom ausgestellt wurde, die naturalistisch zeigt, wie Geburten nun einmal sein können, war die Empörung groß. Am Ende wurde die Statue der Gottesmutter von sich als christlich verstehenden Fundamentalisten geköpft.

Die aktuelle Runde der Empörung wird unter dem Rubrum "Schleim-Jesus" verhandelt. Es geht um eine Performance bei einer im Fernsehen übertragenen Christmette aus Stuttgart, bei der sich ein in nasses Reispapier gehüllter Mensch auf einer Unterlage aus Stroh wandte. Ob das gute Kunst ist, ist eine ästhetische Frage. Die entscheidende Frage für eine Bewertung der Performance als Element eines Gottesdienstes ist: Ist sie theologisch gelungen?

Beide Beispiele künstlerischer Auseinandersetzung mit der realen Geburt Jesu, die Linzer Marienstatue wie die Stuttgarter Performance, zeigen nicht die ganze Breite der theologiegeschichtlichen Reflexionen und dogmatischen Festlegungen über die Menschwerdung auf – das wäre auch kaum möglich. Sie machen aber deutlich und verkündigen den Kern der weihnachtlichen Heilsbotschaft: Das Wort ist Fleisch geworden. Das wird durch diese Kunst offenbar, so plastisch und provokant, wie es für die antiken Zeitgenossen der ersten Christen geklungen haben muss, dass Gott Mensch geworden ist.

Von Felix Neumann

Der Autor

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de und stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizistinnen und Publizisten (GKP).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.