Geleakte Dokumente zeigen die Diskussionsstrategie des Dikasteriums

Was steht im Thesenpapier des Liturgiepräfekten zur "Alten Messe"?

Veröffentlicht am 15.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Beim Konsistorium wollten die Kardinäle über drängendere Themen als die Liturgie diskutieren. Dennoch wurden nun Dokumente für das Konsistorium bekannt, die eine Linie im Liturgiestreit vorzeichnen: die von Franziskus. Aber ist es auch die Leos?

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Alles, was die Liturgie und ihre Reform betrifft, ist kontrovers. Insofern verwundert es nicht, dass die Veröffentlichung einer Beratungsvorlage für das Konsistorium aus der Feder des Präfekten des Gottesdienstdikasteriums, Kardinal Arthur Roche, von interessierter Seite sofort als kontrovers eingeordnet wurde. Vor allem Anhänger und Sympathisanten der vorkonziliaren Liturgie haben das am Dienstag öffentlich gewordene Papier in Windeseile geteilt, analysiert – und skandalisiert.

Tatsächlich kam aus dem Haus von Roche früher viel Kontroverseres. Im Ton ist das zweiseitige Thesenpapier deutlich weniger forsch, als es die engen Zügel waren, die der Kardinal nach der Einschränkung der vorkonziliaren Liturgie durch Papst Franziskus mit dem Motu proprio Traditionis custodes im Sommer 2021 im Winter angelegt hatte. Der ohnehin schon eingeschränkte Spielraum wurde durch eine kurz vor Weihnachten desselben Jahres veröffentlichte Auslegung des Liturgiedikasteriums zu einigen Zweifelsfragen im Umgang mit der "Alten Messe" noch enger.

Papst Franziskus und Kardinal Arthur Roche halten sich die Hände
Bild: ©Vatican Media/Romano Siciliani/KNA (Archivbild)

Arthur Roche leitet seit Mai 2021 das Dikasterium für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Die Einschränkung der vorkonziliaren Liturgie durch Papst Franziskus hat er wesentlich begleitet und umgesetzt.

In den Monaten und Jahren nach der Veröffentlichung von Traditionis custodes äußerte sich Roche immer wieder als oberster Proponent der Grundidee der Reform von Franziskus: Der römische Ritus der Messe besteht nicht, wie es Papst Benedikt XVI. mit seinem Motu proprio Summorum Pontificum 2007 in einer auf Versöhnung der Lager abzielenden Formel festgelegt hatte, aus einer "ordentlichen" (der Form nach der Liturgiereform) und einer "außerordentlichen" Form (der Form nach den vorkonziliaren Messbüchern von 1962). Stattdessen gab Franziskus die gegenteilige Devise aus: "Die von den heiligen Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. in Übereinstimmung mit den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils promulgierten liturgischen Bücher sind die einzige Ausdrucksform der lex orandi des Römischen Ritus", lautete gleich Artikel 1 seiner neuen Regeln.

Keine Frage der Ästhetik

Das schiedlich-friedliche Nebeneinander von ordentlicher und außerordentlicher Form wurde ersetzt durch den unverhandelbaren Normalfall – und einer bestenfalls geduldeten Ausnahme. Es überrascht kaum, dass Franziskus damit die Anhänger der vorkonziliaren Liturgie nicht befrieden konnte, sondern im Gegenteil zusätzlich zu den ohnehin als zu liberal und zeitgeistig wahrgenommenen Elementen seines Pontifikats (der Familiensynode und ihrer pastoralen Herangehensweise an das Problem des Kommunionempfangs, der zumindest rhetorischen Abrüstung der Morallehre gegenüber Homosexuellen, des Einsatzes für Umwelt- und Klimaschutz wie für interreligiösen Dialog) die Gräben noch vertiefte.

Franziskus stellte in Traditionis custodes zutreffend schon vor dieser Intervention fest, dass mit der Präferenz für die "Alte Messe" allzu oft auch eine Ablehnung der Lehre der Kirche im Ausgang des Zweiten Vatikanischen Konzils einhergeht. Seine Strategie war daher nicht wie bei Benedikt XVI., durch Integration weitere Spaltungen zu vermeiden, sondern durch einen klaren Schnitt mit der Autorität des obersten Hirten klarzumachen, wo das Lehramt und wo die Kirche steht. Die Bilanz dieser Strategie ist durchwachsen. Ob man es nun als großen Verlust bewertet oder nicht: dass Gemeinschaften wie die schottischen "transalpinen Redemptoristen" im Zuge des späten Pontifikats von Franziskus zurück ins Schisma gegangen sind, ist kein Zeichen für Befriedung dessen, was man im Englischen martialisch "liturgy wars" nennt.

Papst Leo XIV. hat sein Pontifikat mit dem Friedensgruß begonnen. Das bezog sich nicht nur auf eine immer unfriedlichere Weltlage. So wie Franziskus sein Pontifikat mit dem Mandat gestartet hat, als einer von außen die Kurie zu reformieren, ist ein Auftrag von Leo, die Kirche wieder in ruhigere Fahrwasser zu bringen. Zeichen dafür sind symbolische Elemente wie die Rückkehr zu hergebrachten modischen Elementen wie der rote Mozzetta, aber auch eine Rückabwicklung einiger – aber bei weitem nicht aller – struktureller Reformen von Franziskus: Sein eigenes Bistum Rom etwa ist nun nicht mehr vom Zentrum ausgehend fächerförmig, stattdessen hat Leo die alte Ordnung mit einem zentralen Distrikt wieder hergestellt, die weniger symbolträchtig, dafür aber praktischer zur Struktur der Stadt passt. Anstelle des Kardinalsrats mit neun ausgewählten Kardinälen als zentralem Beratungsorgan hat Leo mit dem außerordentlichen Konsistorium, der Versammlung aller Kardinäle, seinen eigentlichen Senat wieder einberufen.

Gegen die ahistorische Idee der "Messe aller Zeiten"

Dass zu den vier vorgeschlagenen Themen für das kurze Konsistorium die Liturgie gehörte, musste daher elektrisieren. Wo genau Leo in der Frage der vorkonziliaren Liturgie steht, ist im ersten Jahr seiner Amtszeit noch nicht klar geworden.  Es gab Gerüchte, dass er früher bisweilen nach den Messbüchern von 1962 zelebriert habe. Dass Ende 2025 erstmals seit langem wieder am Kathedra-Altar des Petersdoms eine vorkonziliare Liturgie gefeiert werden durfte – und dann auch noch unter dem Vorsitz des Franziskus-Kritikers Kardinal Raymond Burke –, wurde als Zeichen gelesen. Zugleich ist aber Kardinal Roche weiterhin an der Spitze des Liturgiedikasteriums. Roche ist seit 2021 Liturgiepräfekt, im vergangenen März feierte er seinen 75. Geburtstag und erreichte damit das Alter, in dem er gehalten ist, dem Papst seinen Rücktritt anzubieten – schon zu Beginn seines Pontifikats hätte Leo damit Roche ohne übermäßigen Gesichtsverlust entpflichten können. Er scheint aber zumindest die reguläre Amtszeit von fünf Jahren vollenden zu können: Im Mai endet sein "Quinquennium" an der Spitze des Dikasteriums.

Raymond Leo Burke zelebriert Alte Messe
Bild: ©KNA/Cristian Gennari/Romano Siciliani

Im Oktober 2025 durfte erstmals seit langem wieder eine Messe nach den Messbüchern von 1962 am Kathedra-Altar des Petersdoms gefeiert werden. Zelebrant war Kardinal Raymond Burke, ein prominenter Kritiker von Papst Franziskus.

Für das Konsistorium hat Roche nun ein Dokument vorgelegt, das in seiner grundsätzlichen Linie bleibt, allerdings ohne neue Härten zu verkünden. Dem Gang der Argumentation des Thesenpapiers ist ein gewisser Wille zur Befriedung anzumerken, ohne dass Abstriche von der alternativlosen Präferenz für die nachkonziliare Liturgie gemacht werden. Die Geschichte der Liturgie wird gleich im ersten Absatz als Entwicklungsgeschichte dargestellt, vom Anfang der frühchristlichen Didache über verschiedene Schritte zum Konzil von Trient zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Ohne dies explizit zu machen, wendet sich Roche damit gegen ahistorische Sichtweisen der Liturgie, die in der vorkonziliaren Form eine ihrer Geschichtlichkeit entrückte "Messe aller Zeiten" sehen wollen.

Die Liturgie als Zeichen und Werkzeug der Einheit in der Kirche wird nicht anhand der Argumentation von Papst Franziskus erläutert, sondern mit Papst Pius. V. (1566-1572), der die Liturgiereform nach dem Konzil von Trient (1545-1563) orchestrierte, indem er 1570 mit der Bulle Quo primum das damals neue Römische Messbuch promulgierte. Diese Bulle wird von Traditionalisten gerne herangezogen, weil sie festhält, dass sie und damit die tridentinische Messreform "niemals je widerrufen oder verändert" werden kann und stattdessen "für immer in vollem Umfang rechtskräftig bestehen" bleibt, dem Messbuch sollte "niemals etwas hinzugefügt, weggenommen oder an ihm verändert" werden. Roche zitiert eine andere Passage der Bulle, nach der es "in höchstem Maße angemessen ist, dass es in der Kirche Gottes eine Art des Psalmengesangs und einen Ritus der Messfeier gibt" – eine Argumentationsfigur, die auch Franziskus in Traditionis custodes ohne ausdrücklichen Bezug auf die Bulle seines Vorgängers verwendet.

Organischer Traditionsbegriff als Schlüssel zur Liturgiereform

Roche entfaltet daraufhin eine Theologie der Liturgie, die ihren Reformbedarf in der jeweils kulturell angemessenen Form findet, die österlichen Geheimnisse nachzuvollziehen. Unter Bezug auf Benedikt XVI. vertritt Roche einen dynamischen Traditionsbegriff, der nicht auf die bloße "Weitergabe von Dingen oder Worten" setzt, sondern darunter eine "organische Kontinuität" versteht: "Die Tradition ist der lebendige Fluss, der uns mit den Ursprüngen verbindet, der lebendige Fluss, in dem die Ursprünge stets gegenwärtig sind, der große Fluss, der uns zum Hafen der Ewigkeit führt."

Ein Kupferstich von Claudy aus dem Jahr 1565 zeigt eine Sitzung der Kirchenversammlung in der Kathedrale von Trient.
Bild: ©picture-alliance/akg-images

Auf das Konzil von Trient berufen sich liturgische Traditionalisten gern – auch Roche führt das Konzil an, auf das die große Liturgiereform folgte, die nach dem Willen von Papst Pius V. auf ewig gelten sollte.

Dieses Prinzip sieht Roche auch als Impuls der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums, die "gesunde Überlieferung" ebenso wahren will wie "berechtigtem Fortschritt die Tür" auftun will. In den Worten des Diskussionspapiers: "Ohne einen 'legitimen Fortschritt' würde die Tradition zu einer 'Sammlung toter Dinge' verkommen, die nicht immer gesund sind; ohne die 'gesunde Tradition' läuft der Fortschritt Gefahr, zu einer pathologischen Suche nach Neuem zu werden, die kein Leben hervorbringen kann, wie ein Fluss, dessen Weg versperrt ist und ihn von seinen Quellen trennt."

Kritik an der faktischen Entwicklung der Liturgie, wie sie nach der Liturgiereform gefeiert wird, macht Roche nicht an einem grundsätzlichen Defizit der gegenwärtigen Form fest, sondern an einem Mangel an liturgischer Kompetenz. Anstatt der traditionalistischen Diagnose des Verfalls durch die Reform zu folgen, wird die Argumentation von Franziskus in Desiderio desideravi aufgegriffen. Ohne es ansprechen zu müssen, wird damit die Position Roches deutlich: Wo es Probleme und Defizite in der Liturgie der Kirche gibt, liegt es nicht an ihrer reformierten Gestalt, sondern an der Umsetzung – und folglich ginge eine Reform der Reform zurück zu vorkonziliaren Formen am eigentlichen Problem vorbei.

Der Großteil der Diskussionsvorlage für das Kardinalskollegium besteht damit aus einer Entfaltung einer in der Tradition gegründeten dynamischen Liturgietheologie. Die Ablehnung des von Benedikt XVI. entwickelten Modells des einen Ritus in zwei Formen lässt sich weitgehend nur ex negativo ableiten. Erst am Ende geht Roche auf die Messbücher vor der Reform ein. Dass sie nach Promulgation des Missale Romanums von 1970 noch teilweise weiterverwendet werden durften, wird lediglich als "Zugeständnis" verstanden, "das in keiner Weise als Förderung" verstanden werden dürfe.

Kontrovers, weil in der Linie von Franziskus

Am Ende heißt es programmatisch: ""Die Einheit der Kirche wird nicht erreicht, indem man die Spaltung einfriert." Roche schließt mit diesen Worten sein Thesenpapier mit einem Zitat aus Desiderio desideravi, in dem Papst Franziskus die liturgische Frage als ekklesiologisches Problem gefasst hatte: "Ich verstehe nicht, wie man sagen kann, dass man die Gültigkeit des Konzils anerkennt – obwohl ich mich ein wenig wundere, dass ein Katholik sich anmaßen kann, dies nicht zu tun – und nicht die Liturgiereform akzeptieren kann, die aus Sacrosanctum Concilium hervorgegangen ist und die die Realität der Liturgie in enger Verbindung mit der Vision der Kirche zum Ausdruck bringt, die in Lumen Gentium auf bewundernswerte Weise beschrieben wurde."

Kardinäle sitzen während eines Konsistoriums im August 2022 im Petersdom.
Bild: ©picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Andrew Medichini (Symbolbild)

Beim ersten außerordentlichen Konsistorium seit langem war die Liturgiefrage eines der Themen, für das sich die Kardinäle entscheiden können. Doch drängender war anderes.

Was der Liturgiepräfekt dem Konsistorium vorlegen wollte, ist alles in allem nur insofern kontrovers, als dass es die Linien des Pontifikats von Franziskus hinsichtlich der Liturgie, ihrer Theologie und ihrer Regulierung fortschreibt. Im Ton jedenfalls ist sie konzilianter als andere Äußerungen von Roche in der Vergangenheit, und angesichts der theologischen Zielrichtung des Papiers kommen auch keine neuen Regulierungen konkret zur Sprache, die tatsächlich für Verschärfungen sorgen könnten – zugleich werden die bisherigen Schritte der Umsetzung von Traditionis custodes aber noch weiter theologisch unterfüttert.

Wie die Kardinäle diese Punkte sehen und ob sie die sehr klare Franziskus-Linie von Roche teilen, bleibt zumindest in dieser Runde der Kardinalsberatungen unbekannt. Aus den vier vom Papst zur Diskussion gestellten Themen haben sie die Debatte über die Liturgie nicht ausgewählt. Das deutet darauf hin, dass die Liturgie-Frage tatsächlich nicht so relevant ist, wie es die erhitzte Debatte scheinen lässt – trotz der medialen Präsenz ist es eine Minderheit der Katholiken, die regelmäßig die Alte Messe feiert. Die meisten Bischöfe dürften drängendere Probleme haben, als sich ausführlich damit zu beschäftigen – in Deutschland jedenfalls hat man von der in ersten diözesanen Rechtstexten zur Umsetzung von Traditionis custodes in Aussicht gestellten Rahmenregelung der Feier der vorkonziliaren Liturgie durch die Bischofskonferenz nichts mehr gehört.

Dennoch bleibt das Thema auf der Tagesordnung: Dass Papst Leo XIV. es als Diskussionsoption erwogen hat, zeigt, dass ihm das Thema nicht egal ist. Im Juni soll es beim nächsten außerordentlichen Konsistorium diskutiert werden. Unklar bleibt vorerst, wie hoch er selbst den Stellenwert einordnet und wie er sich positionieren wird. Eine erste Richtungsentscheidung dürfte schon bald zu erwarten sein, wenn Kardinal Roche seine fünf Jahre im Amt hinter sich gebracht hat: Eine Verlängerung der Amtszeit wäre eine klare Parteinahme, und jeder neue Liturgiepräfekt wird vor allem hinsichtlich seiner bisherigen Perspektive auf die Frage der "Alten Messe" hin bewertet werden.

Von Felix Neumann