Zum 150. Geburtstag des Aperitif-Erfinders Félix Kir

Landpfarrer, Widerständler, Original: Ein burgundischer Don Camillo

Veröffentlicht am 22.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Alexander Brüggemann (KNA) – Lesedauer: 

Dijon/Mainz ‐ Einst war "Kir Royal" das Modegetränk von Münchens Schickeria. Erfunden wurde die Nobelbrause aber von einem knorzigen Pfarrer aus Burgund. Als Bürgermeister von Dijon half er damit der lokalen Wirtschaft auf die Beine.

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Félix-Adrien Kir war ein kantiges Original: freigiebiger Landpfarrer, ein burgundischer Don Camillo und populärer Bürgermeister von Dijon; Nationalist und Widerständler gegen die Nazis, zugleich Pétain-Anhänger und leidenschaftlicher Gegner von General de Gaulle. Und dazu bis heute Frankreichs letzter Parlamentarier in Soutane.

Was macht diesen sehr originellen Lokalpolitiker, der vor 150 Jahren, am 22. Januar 1876, geboren wurde, bis heute erinnernswert? Nun: Als Bürgermeister von Dijon machte er den "Kir" zum quasi offiziellen Getränk der Stadt. Das Gemisch aus Burgunder-Weißwein und dem einheimischen Johannisbeerlikör ("Crème de Cassis") startete von hier aus eine Weltkarriere.

Geboren in Alesia

Als Sohn eines Friseurs im burgundischen Dorf Alise-Sainte-Reine geboren, dem Ort der antiken Entscheidungsschlacht von Alesia zwischen Julius Caesar und den Galliern, blieb Kir sein ganzes langes Leben einem sehr traditionellen Frankreich verpflichtet: katholisch, ständisch, antikapitalistisch, autoritär. Die Trennung von Kirche und Staat 1905 verurteilte Kir scharf. Beharrlich wetterte er gegen Liberalismus, Großfinanz, Sozialismus, Modernismus und Freimaurertum. Sein Idol war Marschall Philippe Pétain (1856-1951), der "Held von Verdun" und NS-Kollaborateur, der für ihn ein "starkes Frankreich" verkörperte.

Doch einen Schritt zurück: Nach vielen Jahren als Landpfarrer wurde Félix-Adrien Kir 1931 zum Domherrn in Dijon ernannt. Auch als Chefredakteur der katholischen Zeitschrift "Le Bien du Peuple" (Das Wohl des Volkes) blieb er unbequem. Der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg leistete der Nationalist (erwartungsgemäß) Widerstand; er half sogar bei der Befreiung von 5.000 französischen Kriegsgefangenen. Dafür wurde er 1940 inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Nach seiner Begnadigung – auf Intervention des päpstlichen Nuntius – setzte Kir seine subversiven Aktionen fort, entging im Januar 1944 schwerverletzt einem Attentat. Und auch der Zufall half, seinen Ruf in der Bevölkerung weiter zu etablieren: Die Gestapo hatte den Aufsässigen inzwischen weiter nach Norden verbracht, an eine Schule nahe Langres. Als die deutsche Front zusammenbrach, lief er die rund 100 Kilometer zurück nach Hause.

Vorn auf dem Panzer

Auf dem letzten Stück wurde Kir am Morgen des 11. September 1944 von Heimkehrern des 3. Afrika-Regiments mitgenommen. Aufnahmen zeigen ihn, wie er oben auf dem Panzer sitzt und winkend die Rue de la Liberté hinunterfährt. So wirkte er – ein Eindruck, dem er selbst nie entgegentrat – als "Befreier von Dijon" – was seiner anschließenden Bürgermeisterkandidatur natürlich sehr förderlich war.

Szene aus dem Film Don Camillo und Peppone
Bild: ©picture alliance / Everett Collection

Zum Begräbnis von Kir kam noch einmal ganz Dijon zusammen: Rechte, Linke, Schäfchen wie Atheisten – ein bisschen wie bei Don Camillo und Peppone.

Dabei vergaßen die Dijoner großzügig, dass Kir ein glühender Anhänger des reaktionären Vichy-Kollaborateurs Pétain war und die Exilregierung de Gaulles stets mit Spott überzogen hatte. Im Mai 1945 wurde der 69-jährige Priester per Akklamation zum Stadtoberen gewählt - und er blieb es 23 Jahre lang, bis zu seinem Tod.

Seine Bezüge als Bürgermeister und als Abgeordneter der Nationalversammlung verteilte Kir großzügig. Geld war nicht sein Ding; eher der Ruhm und seine Kantigkeit. Nach Kräften versorgte er Bedürftige mit Jobs. Er war beliebt, regelte wenn nötig selbst den Verkehr. Dafür mussten die Bürger seine ständigen Polemiken überhören. Eine Öffnung für die Industrie lehnte Kir ab. Er blieb ein Bürgermeister der Kleinhändler und der kleinen Leute, machte sich um die Altstadtsanierung von Dijon verdient.

Vom kleinen Mann zur Schickeria

In genau diesen Rahmen passt auch sein wohl größter Coup: Um den angeschlagenen lokalen Likörherstellern und Winzern zu helfen, machte er den zunächst "Blanc-Cassis" und später "Kir" genannten Aperitif zum vorgeschriebenen Getränk bei Empfängen und regionalen Ereignissen. Von hier aus verbreitete es sich – auch in der Champagner- und Sekt-Variante "Kir Royal" – landesweit und darüber hinaus. In Deutschland hat ihm die TV-Serie "Kir Royal" von Helmut Dietl über die Münchner Schickeria der 80er Jahre ein Denkmal gesetzt.

Eine weitere überraschende Facette seiner schillernden Persönlichkeit sind die über 20 Städtepartnerschaften, die Kir initiierte. Schon Jahre vor der deutsch-französischen Aussöhnung unter Adenauer und de Gaulle begründete Kir 1958 eine Partnerschaft von Dijon und Mainz sowie von Burgund und Rheinland-Pfalz. Dafür erhielt er neben der Ritterschaft der Ehrenlegion das Große Bundesverdienstkreuz und die Ehrenbürgerwürde von Mainz.

"Keiner hat je meinen Hintern gesehen..."

In der rebellischen Gesellschaft der 60er Jahre fand sich Kir – von 1953 bis 1967 Alterspräsident der Französischen Nationalversammlung und bis heute letzter Abgeordneter in Soutane - dann immer weniger zurecht. Sein Typus "Original von gestern" war aus der Zeit gefallen. Allerdings blieb er wüst entschlossen und schlagfertig. Jungen Atheisten, die Gottes Existenz infrage stellten, hielt er entgegen: "Keiner von euch hat je meinen Hintern gesehen – aber er existiert trotzdem!"

Den Sturz seines Intimfeindes Charles de Gaulle im revolutionären Pariser Mai 1968 verpasste Kir um wenige Tage; er starb am 26. April mit 92 Jahren. Zu seinem Begräbnis kam noch einmal ganz Dijon zusammen: Rechte, Linke, Schäfchen wie Atheisten – ein bisschen wie bei Don Camillo und Peppone. Kirs Aperitif hatte da seine Weltkarriere noch vor sich.

Von Alexander Brüggemann (KNA)