CMT in Stuttgart

Was macht die Kirche auf einer Reisemesse?

Veröffentlicht am 24.01.2026 um 11:00 Uhr – Von Jasmin Lobert – Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Aktuell findet in Stuttgart die weltweit größte Reisemesse statt – mit dabei: die Kirche. Warum sie sich dort präsentiert, erklären zwei Mitarbeiter aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Interview.

  • Teilen:

Noch bis zum 25. Januar findet in Stuttgart die CMT (Caravan – Motor – Touristik) statt, die weltweit größte Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit. Seit 1975 präsentieren sich die württembergische Landeskirche und die Diözese Rottenburg-Stuttgart mit einem gemeinsamen Stand auf der Messe. 2018 schlossen sich die Evangelische Landeskirche in Baden und die Erzdiözese Freiburg an. Im katholisch.de-Interview erläutern Verena Ernst (46) und Achim Wicker (55) aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart, warum sich die Kirche auf einer Reisemesse präsentiert und welche Erfahrungen sie mit den Messebesuchern machen. Beide verantworten in ihrer Diözese den Bereich "Kirche und Tourismus".

Frage: Frau Ernst, Herr Wicker, warum präsentiert sich die Kirche auf einer Reisemesse?

Wicker: Der Grundgedanke war von Beginn an: Kirche muss an säkularen Orten präsent sein. Die CMT besuchen jedes Jahr circa 260.000 Menschen. Wir können dort über unsere Angebote informieren und schaffen auf der Messe einen Ort, zum Innehalten – das ist auch das Motto unseres Standes.

Ernst: Außerdem präsentieren wir uns nicht nur den Besuchern, sondern auch den anderen Ausstellern, schließlich ist die CMT auch eine Fachmesse. Sie sollen wahrnehmen, dass die Kirche im Bereich Tourismus etwas zu bieten hat. Wir können uns vor Ort vernetzen, was im besten Fall zu Kooperationen führt. Wir haben schon oft die Erfahrung gemacht, dass unsere Angebote mit Kooperationspartnern eine andere Zielgruppe erreichen – nicht zuletzt, weil Touristiker mehr Erfahrung im Marketing haben.

Frage: Ihr Stand wird seit 2018 von der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Erzdiözese Freiburg und zwei evangelischen Landeskirchen verantwortet. Teilen Sie sich den Stand, weil Sie die Standgebühren sparen wollen?

Wicker: Natürlich teilen wir uns auch die Standgebühr, aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Sowohl Besucher als auch andere Aussteller wollen einfach wissen: Was bietet die Kirche an? Die unterscheiden nicht zwischen den Diözesen oder Landeskirchen. Deshalb macht es Sinn, dass wir zusammenarbeiten. Bei uns in Baden-Württemberg gibt es die sogenannte "4K-Ebene". Dazu gehört die Evangelische Landeskirche in Baden, die Evangelische Landeskirche in Württemberg, die Erzdiözese Freiburg und die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Auf dieser Ebene gibt es auch eine Landesarbeitsgemeinschaft "Kirche und Tourismus", die verschiedene Projekte gemeinsam betreut – unter anderem auch den gemeinsamen Stand auf der CMT.

Ernst: Viele Angebote, die wir hier vorstellen, sind in dieser kirchenübergreifenden Arbeitsgemeinschaft entstanden. Zum Beispiel das Heft "Innehalten – Urlaub für die Seele in Baden-Württemberg", in dem wir Klöster und christliche Gästehäuser vorstellen oder eine Übersichtskarte mit allen Pilgerwegen in Baden-Württemberg

Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

Urlaub machen bedeutet für viele Menschen, aufzutanken.

Frage: "Innehalten" – so heißt auch ihr Stand. Warum haben Sie sich für diesen Slogan entschieden? 

Wicker: Früher hatten wir immer Themen wie "Pilgern in Baden-Württemberg" oder "Kirche unterwegs auf zwei Rädern". Damit war unser Stand thematisch gebunden. Irgendwann sind wir auf die Idee gekommen, einfach den Hefttitel "Innehalten" auf den Messestand zu übertragen. Damit verbunden war die Idee, einen Kontrastpunkt zu den anderen Informationsständen zu bieten; einen Ruheplatz, der das Versprechen des Slogans auch einlöst. Das Konzept ist so gut angekommen, dass wir nun zum zweiten Mal in Folge dieses Motto ausgewählt haben.

Ernst: Ganz konkret bedeutet das: Wir bieten ganz viele Sitzmöglichkeiten an, ohne dass man etwas kaufen oder konsumieren muss und wir schenken kostenlos Wasser aus. Die Menschen können bei uns in dem ganzen Messetrubel einfach kurz durchatmen. Und das kommt gut an. Eine Frau kam letztens zu mir an den Stand und sagte: Bei euch mache ich Urlaub von der CMT.

Frage: Welche Angebote und Projekte stellen Sie an dem Stand vor?

Ernst: Unser Angebot ist sehr breit. Wir haben konkrete Jahresprogramme von einzelnen Klöstern, aber auch Übersichten zu allen Pilgerwegen oder Motorradgottesdiensten, die wir in Baden-Württemberg haben. Wir haben Flyer zum Thema "Samstags pilgern" oder "Biblisch reisen", dann natürlich spezielle Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien. Ansonsten stellen wir auch Projekte wie die "Bibeltiere im Wildparadies Tripsdrill" oder "Kirche im Nationalpark Schwarzwald" vor.

Wicker: Von dem Projekt "Allgäusegen" haben wir sogar eine Klanginstallation auf der Messe. Da können sich Menschen Kopfhörer aufsetzen und einfach mal eine kleine Auszeit nehmen. Sehr gefragt sind auch Angebote rund um das Thema Radpilgern.

Frage: Können Sie zum Projekt "Allgäusegen" noch ein paar mehr Worte sagen?

Wicker: Im Grunde ist "Allgäusegen" eine Plattform, die verschiedene Angebote im Allgäu bündelt. Das können Veranstaltungen zum Thema Pilgern sein, Konzerte, Ausstellungen, Vorträge oder andere spirituelle Aktionen. Auf der Plattform weisen wir zum Bespiel auf die Angebote der Wohnzimmerkirche hin, die sich in einer Autobahnkapelle bei Leutkirch im Allgäu befindet. Wohnzimmer deshalb, weil die Kirche auch mit Sofas ausgestaltet ist. Man fühlt sich wie zuhause, was eine ganz besondere Gottesdienstatmosphäre schafft. In dieser Kapelle steht sonst auch die Segensbox mit der Klanginstallation, die wir jetzt auf der Messe dabeihaben.

Frage: An ihrem Stand können sich Messbesucher auch ein Segenswort zusprechen lassen. Wird dieses Angebot viel genutzt?

Ernst: Die Mehrheit nimmt sich einfach gerne eines der verschiedenfarbigen Segensbändchen mit. Manche kommen ganz gezielt, um es sich abzuholen. Zum mir kam beispielsweise eine Frau vom Stand gegenüber, die jedes Jahr bei der Messe arbeitet und sich immer schon auf unsere Bändchen freut. Dass wir auch ein Segenswort sprechen, kommt ab und zu vor, wenn wir davor intensiver mit den Besuchern im Gespräch waren und diese von sich, ihren Plänen, Sorgen oder zurückliegenden Erlebnissen erzählt haben. Dann können diese Segensmomente sehr intensiv sein.

„Die Menschen können bei uns in dem ganzen Messetrubel einfach kurz durchatmen. Und das kommt gut an. Eine Frau kam letztens zu mir an den Stand und sagte: Bei euch mache ich Urlaub von der CMT.“

—  Zitat: Verena Ernst

Frage: Wie sind denn grundsätzlich die Reaktionen der Besucher auf Ihren Stand?

Wicker: Ich bekomme durchweg positive Rückmeldungen. Die Besucher freuen sich, dass sie sich hier ausruhen können, sich einfach mal hinsetzen und etwas trinken können. Keinem wird ein Gespräch aufgedrängt und wir versuchen nicht, den Menschen etwas zu verkaufen. Viele sagen, dass unser Stand etwas ganz Besonderes ist und einfach guttut.

Ernst: Eine Standmitarbeiterin hat mir erzählt, dass sie vergangenes Jahr ein Gespräch mit einer Frau hatte, die nicht wusste, ob sie sich das Pilgern allein zutraut. Daraufhin sind die beiden ins Gespräch gekommen und meine Kollegin sagte zu ihr: "Probieren Sie es doch einfach mal aus, nehmen Sie zu Beginn einfach eine kurze Strecke in Baden-Württemberg. Warum sollten Sie es nicht können?" Die gleiche Frau kam in diesem Jahr wieder vorbei und hat meiner Kollegin einen Blumenstrauß überreicht, weil sie sich für diese Ermutigung bedanken wollte. Das sind dann richtige Highlights, bei denen uns das Herz aufgeht.

Frage: Wie viele Besucher kommen täglich bei Ihnen am Stand vorbei?

Wicker: Das ist schwer zu sagen. Ich selbst führe zwischen 30 und 40 Gespräche am Tag. Und wir haben den Tag über in zwei Schichten rund zwölf Mitarbeiter am Stand. Da kommt man schon auf einige hundert Kontakte. Viele Besucher setzen sich aber auch nur kurz hin oder trinken etwas.

Frage: Warum kommen die Tourismusangebote der Kirche so gut an?

Wicker: Im Bereich Tourismus erlebe ich eine Kirche, die wächst. Die Menschen sehnen sich nach Orten der Ruhe, Einfachheit und Orientierung – alles Dinge, die wir zu bieten haben. Wir hatten hier am Sonntag ein ökumenisches Vernetzungstreffen von Pilgerwegbegleitern, zu dem 90 Teilnehmer gekommen sind. Vor wenigen Jahren waren das nur eine Handvoll Leute. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass Kirche etwas zu bieten hat, was Menschen heutzutage in dieser sehr komplexen und schnelllebigen Welt gut gebrauchen können und gerne annehmen. Darin liegt eine große Chance.

Ernst: Wir versuchen als Kirche, Angebote zu schaffen, die die Bedürfnisse der Menschen ernst nehmen und aufgreifen. Dabei ist uns auch eine diakonische Perspektive wichtig: Wir schaffen zum Beispiel bewusst Angebote für Trauernde oder Alleinerziehende. Wir erhalten auch Anfragen zu barrierefreiem Reisen oder von Menschen, die Angehörige pflegen. Da sehen wir auch bei uns noch Entwicklungspotenzial. Entscheidend ist, dass bei uns alle Menschen willkommen sind und die Möglichkeit bekommen, im Urlaub wieder Kraft für den Alltag zu tanken.

Von Jasmin Lobert