Jesuit: Großmächte diktieren wieder – Demokratie wird brüchig
Vor 150 Jahren, am 23. Januar 1876, kam in Stuttgart Rupert Mayer (1876–1945) zur Welt. Der Sohn einer Kaufmannsfamilie wurde Jesuit, der sich unerschrocken der Ideologie der Nationalsozialisten entgegenstellte. Papst Johannes Paul II. sprach den Ordensmann 1987 in München selig. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) hat den Präses der Marianischen Männerkongregation, Jesuitenpater Karl Kern (76), gefragt: Was hat Mayer den Menschen heute noch zu sagen?
Frage: Pater Kern, seit 1948 befindet sich das Grab von Pater Rupert Mayer in der Unterkirche des Münchner Bürgersaals. Wie viele Leute kommen täglich dorthin?
Kern: Genaue Zahlen kann ich nicht nennen. Aber es sind immer Beter da, auch viele Touristen. Manchmal habe ich den Eindruck, Pater Rupert Mayer ist weltweit bekannter als in Deutschland. Das gilt nicht für die Münchner. Öfter höre ich den Satz: "Schon meine Mutter hat ihn gekannt und sehr verehrt." Verschiedene Gebetskreise und Gruppen kommen regelmäßig. Täglich haben wir eine Messe. Auch der Kreuzweg ums Grab, das Museum über das Leben Mayers und die Ganzjahreskrippe ziehen die Menschen an. Sie schätzen es, inmitten der hektischen Fußgängerzone Ruhe zu finden.
Frage: Liegt ein Anliegen-Buch auf?
Kern: Ein solches Buch gibt es. Die Gebetserhörungen sind ziemlich zurückgegangen. Bestellt werden aber viele Messen. Jede Woche bringe ich in die Verwaltung der Jesuiten einen Packen Kuverts zum Bearbeiten. Tausende von Messen werden dann in der Mission gefeiert, weil wir das gar nicht schaffen könnten. Bestellt werden die Messen für Verstorbene, auch als Dank oder Bitte bei Krankheiten. Mit dem Geld unterstützen wir die Kirche im Süden. Im Bürgersaal werden auch viele Kerzen entzündet. In der Opferkerze versteckt sich die Restspiritualität des modernen Menschen.
Frage: Seit März 2025 sind Sie als Präses der Münchner Marianischen Männerkongregation einer der Nachfolger von Mayer. Wie viele Mitglieder hat diese?
Kern: Wir zählen zwischen 250 und 300 Mitglieder, auch ein paar jüngere sind dabei. Mir geht es um moderne Männerspiritualität. Die Gemeinschaft hat zwei Lungen. Wir feiern jeden Tag während der Woche eine heilige Messe um 12 Uhr mit vorausgehendem Rosenkranz. Das geht über die Kongregation hinaus und funktioniert als Angebot einer geistlichen Oase. Immer gestaltet mit Orgel und einer kleinen Predigt. Wir beginnen mit dem Engel des Herrn und enden mit dem Pater-Rupert-Mayer-Gebet.
Frage: Die andere Lunge?
Kern: Das ist unser soziales Engagement, das auch Pater Mayer immer wichtig war. Von Montag bis Freitag gibt ein Team täglich bis zu 70 Essen an Bedürftige aus. Wir sind eine von mehreren Essensausgaben in München. An jedem Mittag werden in der Stadt allein von katholischer Seite bis zu 3.000 Menschen in Not verköstigt. Wir haben unseren eigenen Stil und starten immer mit einem Tischgebet. Das machen die Leute gerne mit.
Der selige Pater Rupert Mayer wurde im Dezember 1960 erstmals in einem Kirchenfenster dargestellt. Die Kirche von Friedensdorf steht zwischen Augsburg und Ulm.
Frage: Von Mayer stammt der Satz: "Ein Katholik kann niemals Nationalsozialist sein." Was können wir von ihm lernen?
Kern: Die Auseinandersetzungen heute sind anders, aber in gewisser Weise auch wieder vergleichbar. Nach dem Ersten Weltkrieg war eine Welt zusammengebrochen - politisch, geistig, ökonomisch. Es herrschte große Not, und die Gesellschaft formatierte sich neu. Die führenden Kräfte waren Kommunismus und Sozialismus sowie der Nationalsozialismus. Als Priester klar erkennbar ging Mayer zu den Parteiversammlungen, hörte zu und meldete sich zu Wort. Die Menschen seien nervös und aufgeregt, hielt er fest. Das gilt auch heute.
Frage: Wie meinen Sie das?
Kern: Wir leben in einer Zeit, wo Großmächte wieder meinen, sie könnten das Weltgeschehen diktieren. Gleichzeitig wird die Demokratie brüchig. Kommunisten und Nationalsozialisten sahen das Parlament als eine Quasselbude an, die sie hinwegfegen und stattdessen autoritär regieren wollten.
Frage: Mayers Reaktion?
Kern: Als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs war er ein durchaus national eingestellter Deutscher. Doch an Adolf Hitler störte ihn die Überbetonung des Völkischen und der Personenkult. Den Kommunisten entgegnete er: "Wenn Ihr mich nur zum Handlanger des Kapitals macht, dann beleidigt Ihr mein Inneres. Mir geht es um die Seele, um die ewige Seele jedes Menschen." Seine Kritik hat er offen angebracht, aber dennoch das Deutschtum oder die sozialen Anliegen geschätzt. Heute leben wir in den Fängen neuer, subtiler Totalitarismen. Alles wird nach dem Nutzenkalkül berechnet.
Frage: Ein Beispiel?
Kern: Der Sport. Ob Fußball oder Olympische Spiele, alles wird nur noch kommerzialisiert. Bei der Bildung und der Gesundheit geht es weiter. Wir sind in einem modernen Funktionalismus, der auch die persönlichen Beziehungen erfasst. Mayer war wichtig, dass es einen Fixpunkt gibt außerhalb aller Ideologien. Dieser ist die Beziehung zu Gott. Nur die macht frei. Wenn dagegen Ideologien das alleinige Ruder übernehmen, wird es unmenschlich.
„Wir leben in einer Zeit, wo Großmächte wieder meinen, sie könnten das Weltgeschehen diktieren. Gleichzeitig wird die Demokratie brüchig.“
Frage: Die Haltung Mayers?
Kern: Er war überzeugt, die Kirche muss da sein, wo die Menschen sind. Als er 1912 nach München kam, strömten im Monat bis zu 3.000 Frauen und Männer als Zuzügler vom Land in die Stadt. Auf der Suche nach Arbeit waren sie Ausbeutung und Not ausgesetzt. Er versuchte, dass Pfarreien und kirchliche Gruppen ihnen eine Heimat bieten.
Frage: Die Soziale Frage bleibt aktuell ...
Kern: Richtig. Dazu kommt die gefährliche Macht der Tech-Konzerne. Jeder wird mit Algorithmen vermessen und erhält zugespielt, was angeblich zu ihm passt. Wenn wir den ganzen Tag nur aufs Display des Smartphones schauen, geht eine wesentliche Dimension des Lebens - das zweckfreie Dasein, das Loben, das Danken, der Bezug zu Gott - vor die Hunde.
Frage: Wird es noch eine Heiligsprechung Mayers geben?
Kern: Schön wäre es schon. Anfragen für Reliquien als Zeichen der Verehrung kommen von den Philippinen über Brasilien, aus den USA und Afrika. Gerade in Ländern, die politischem Druck ausgesetzt sind, ist er ein leuchtendes Beispiel für seinen Mut, sich den Nationalsozialisten entgegengestellt zu haben.
Frage: Was beeindruckt Sie an ihm am meisten?
Kern: Seine Feindesliebe. Aus Kloster Ettal, wo er ab 1940 interniert war, hat er den Mitbrüdern geschrieben, sie sollen auch den Kommunisten Pakete ins KZ schicken. Er hat die Würde jedes Menschen gesehen. Wenn man so will, hat er die katholische Klarheit mit einer großen Weite der Zuwendung und Liebe verbunden.
Frage: Auf Bildern schaut er meist sehr streng.
Kern: Er muss eine sehr liebenswürdige Art gehabt haben. Heute würde man ihn als Workaholic bezeichnen, der wenig geschlafen hat, oft noch schlecht, so dass er Medikamente nehmen musste. Die erste Messe für Sonntagsausflügler hat er am Münchner Hauptbahnhof um 3.20 Uhr gehalten, die zweite um 4.05 Uhr. Später noch mal in Sankt Michael gepredigt und nachmittags woanders. Abends diktierte er oft einem Mitbruder Briefe bis nach 23 Uhr. Später die Strapazen im KZ; sein Holzbein, das er seit einer Verwundung im Ersten Weltkrieg hatte. Wie er das durchgehalten hat! Diese Kraft und Zähigkeit, und dabei liebenswürdig bleiben.
