Moraltheologe sieht grundsätzliche Vorbehalte

Sautermeister: Kritik am DBK-Papier "kaum nachvollziehbar"

Veröffentlicht am 26.01.2026 um 11:57 Uhr – Lesedauer: 

Freiburg ‐ Die DBK-Schulkommission forderte mit einem Papier mehr Anerkennung sexueller Vielfalt an Schulen. Einige Bischöfe übten Kritik. Für den Moraltheologen Jochen Sautermeister beruht diese jedoch weniger auf dem Text selbst.

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Der Bonner Moraltheologe Jochen Sautermeister sieht in der Kritik am Papier der Schulkommission der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zur sexuellen Vielfalt an Schulen eine Abwehrhaltung gegenüber einer vermeintlichen "Wokeness-Ideologie". Die Sorge der Kritiker, das Dokument vermittle ein "naives Alles ist möglich, erlaubt und bejaht", sei ohne eine solche ideologische Gegenfolie kaum nachvollziehbar, schreibt Sautermeister in der Februar-Ausgabe der "Herder Korrespondenz". Um die Debatte zu entschärfen, seien transparente Definitionen notwendig.  

Das Ende Oktober veröffentlichte Papier "Geschaffen, erlöst und geliebt" will einen offenen und wertschätzenden Umgang mit sexueller Vielfalt an Schulen fördern und gibt schulpädagogische wie schulpastorale Orientierung. Kritisch äußerten sich unter anderem der Passauer Bischof Stefan Oster sowie die Bischöfe Rudolf Voderholzer (Regensburg), Kardinal Rainer Maria Woelki (Köln) und der emeritierte Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke. Oster würdigte die dem Text zugrunde liegende Sorge um die Persönlichkeitsentwicklung, distanzierte sich jedoch von den "inhaltlichen Voraussetzungen und seinem theologischen, philosophischen, pädagogischen und entwicklungspsychologischen Gehalt". 

Befürchtung einer politischen Agenda 

Der im Dokument formulierte Hinweis, dass es "keine umfassende moraltheologische Analyse und Beurteilung der Vielfalt sexueller Identitäten und der damit verbundenen Lebenspraxis von queeren Menschen an Schulen leisten" könne, sondern lediglich eine schulpädagogische und schulpastorale Orientierungshilfe bieten wolle, habe die Kritik jedoch nicht beruhigt, so Sautermeister weiter. Vielmehr sei diese als Symptom einer fundamental anderen Überzeugung zu lesen. Der geäußerte Verdacht einer politischen Agenda gehe mit der Befürchtung einher, dass insgeheim eine Veränderung der kirchlichen Sexuallehre angestrebt werde. Wer davon ausgehe, dass auf der Grundlage humanwissenschaftlicher Erkenntnisse zwischen pädagogisch-ethischer Haltung, pastoralen Handlungsmaximen und kirchlicher Lehre keine grundlegenden Widersprüche bestehen sollten, könne diese Vermutung nicht gänzlich von der Hand weisen, so der Moraltheologe. "Es wäre vielmehr ein Ausdruck theologischer und ethischer Redlichkeit." 

Sautermeister betont weiter, es sei ein Missverständnis, von einer Orientierungshilfe eine ausdifferenzierte Darstellung humanwissenschaftlicher Debatten zu erwarten. Stein des Anstoßes könne nicht sein, Respekt vor der Vielfalt sexueller Identitäten zu stärken und sich gegen Diskriminierung einzusetzen. Dies gehöre zum Kern des Evangeliums und des christlichen Ethos. Vor diesem Hintergrund würden Handlungsempfehlungen für einen achtsam-anerkennenden Umgang mit sexueller Vielfalt formuliert: "Insofern es sich um Handlungsempfehlungen handelt, wird man sicherlich nicht von allen erwarten dürfen, sich für alle genannten Aktivitäten und Aktionen gleichermaßen einzusetzen", so der Moraltheologe. Die theologischen Einwände der wenigen kritischen Stimmen mündeten letztlich in der Frage, in welchem Verhältnis humanwissenschaftliche Befunde, Aussagen empirisch fundierter Anthropologie und dogmatischer Anthropologie zueinander stünden. (mtr)