Die Bibel – Gottes Wort? Menschenwort?

Im Gottesdienst hören wir am Ende der Lesung den Satz "Wort des lebendigen Gottes". Dass die Bibel als "Wort Gottes" bezeichnet wird, haben wahrscheinlich die meisten religiösen Menschen schon einmal gehört. Aber was genau bedeutet das? Die Bibel ist kein vom Himmel gefallenes Buch, das Gott selbst aufgeschrieben hat.
Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedete die Kirche das Dokument "Dei Verbum" (lateinisch: ("Gottes Wort"). Darin lesen wir: "Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam – geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern." (DV 11). Gott wählte also Menschen aus, die die Texte der Bibel als "echte Verfasser" aufschrieben. Wie genau man sich das vorstellen kann, hat man in der Kirche im Laufe der Geschichte unterschiedlich verstanden.
Verbalinspiration
Lange stellte man sich die menschliche Autorschaft der Bibel so vor: Gott hat den Menschen Wort für Wort diktiert, was sie aufschreiben sollten. Das nennt man "Verbalinspiration". Der Mensch ist dann nur ein Werkzeug Gottes. Das würde bedeuten, dass jedes Wort, jede Formulierung genau so von Gott gewollt ist.
Hat Gott Markus sein Evangelium Wort für Wort diktiert?
Liest man aber z. B. das Schöpfungslied in Genesis 1, sieht man schnell, dass die dort beschriebene Entstehung der Welt in sieben Tagen heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht. Schaut man sich den Entstehungskontext des Textes an, wird jedoch schnell deutlich: Der Text will überhaupt keine Antwort auf die Frage geben, wie die Welt tatsächlich entstanden ist. Vielmehr soll er ausdrücken, dass die Welt gut geordnet und von Gott gewollt ist. Das kann Menschen, die die Welt gerade als chaotisch und gerade nicht gut geordnet erleben, Hoffnung geben.
„Eine wörtliche Auslegung der Bibel stößt schnell an ihre Grenzen.“
Dieses Inspirationsverständnis wird heute nur noch selten und meist von Evangelikalen und Fundamentalisten vertreten.
Personalinspiration
Heute geht man davon aus, dass die biblischen Texte nicht von Gott diktiert, sondern von Menschen verfasst wurden. Die Menschen gelten als vom Heiligen Geist inspiriert, schrieben aber ihre eigenen Worte auf. Das nennt man Personalinspiration.
Das Zweite Vatikanische Konzil 1964 im Petersdom im Vatikan.
Dabei spielt auch die konkrete Glaubensgemeinschaft eine wichtige Rolle: Die biblischen Verfasserinnen und Verfasser sind geprägt vom Glauben ihrer Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft hat wiederum "ihren Ursprung im Willen Gottes". Dass ein Text der Heiligen Schriften göttlich inspiriert ist, bedeutet, dass er "als Lebensvollzug der Glaubensgemeinschaft entsteht und in dieser Glaubensgemeinschaft (produktiv) rezipiert wird."
Gotteswort in Menschenwort
In Dei Verbum 11 wird betont, dass "echte Verfasser" die Heiligen Schriften aufgeschrieben haben. Die Kirche vermutet keine Verbalinspiration, bei der Gott den Menschen alles wörtlich diktiert hat. Also müssen wir ernst nehmen, dass die Frauen und Männer, die die biblischen Texte geschrieben haben, "Kinder ihrer Zeit" waren.
„Sie haben unter den Bedingungen ihrer Zeit und Kultur ihre Erfahrungen mit Gott aufgeschrieben.“
Ihre Sprache, ihr Stil, ihre kulturellen Vorstellungen und ihre literarischen Formen bilden sich darin ab. Diesen Hintergrund müssen wir heute mitbedenken, wenn wir biblische Texte lesen.
Lesen wir in Dei Verbum weiter, finden wir im nächsten Abschnitt folgende Aussage: "Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muß der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte." (DV 12).
Als Urheber der Heiligen Schrift werden hier sowohl "die heiligen Schriftsteller" als auch "Gott" genannt. Man spricht daher von einer "doppelten Autorschaft": Gott hat sich den Menschen auf unterschiedliche Weise im Glauben offenbart; insofern ist er der "Urheber" der Heiligen Schriften. Diese Erfahrung der Offenbarung Gottes haben die Menschen eigenständig aufgeschrieben, um so zu bezeugen, wie sie diesen Gott erfahren haben.
Was bedeutet das für uns heute?
Vor über 2000 Jahren haben Menschen in einer anderen Kultur Erfahrungen mit Gott gemacht und aufgeschrieben. Warum ist das für uns heute überhaupt noch interessant? Bei manchen Bibelstellen fällt es uns vielleicht gar nicht so leicht, auf den ersten Blick zu erkennen, was sie uns heute noch sagen wollen. Und natürlich können wir vieles von dem, was in der Bibel steht, nicht 1:1 umsetzen. Aber darum geht es auch gar nicht!
Der sog. "Codex Sasson" ist die älteste fast vollständige Hebräische Bibel, die je entdeckt wurde, und stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert nach Christus.
Um die Texte zu verstehen, ist es nötig, sie in ihren historischen Kontext einzuordnen. Damit darf die Auslegung der Bibel aber noch nicht beendet sein. Wir müssen auch immer wieder fragen, was die Texte für uns bedeuten können. Im Judentum gibt es die Überzeugung, dass sich Gott jeder Generation durch die Tora neu offenbart. Das bedeutet, dass jede Generation die Tora neu für sich auslegen muss. Wir lernen, wie die Menschen damals Gott erfahren haben und können darüber nachdenken, wie wir ihn heute, vor dem Hintergrund unserer eigenen Zeit und Kultur, verstehen können.
Daraus können sich auch Impulse für heutige Fragen ergeben. Gott ist weiterhin "als dynamischer Autor bei der Erstellung und beim Lesen der biblischen Texte präsent". Der Heilige Geist inspiriert uns beim Verstehen der Heiligen Schrift und lässt uns auch Sinn entdecken, an den die Autorinnen und Autoren gar nicht gedacht hatten. Schon viele Menschen vor uns sind in den Worten der Bibel Gott begegnet und haben ihren Glauben gefunden. Auch uns heute kann dieses Gotteswort, das in Menschenworten ausgedrückt ist, im Glauben bestärken und Erfahrungen mit Gott ermöglichen.
Die Autorin
Lara Mayer ist Alttestamentlerin an der Theologischen Fakultät Trier und beim Katholischen Bibelwerk e.V. für das Projekt "Das Alte Testament in Leichter Sprache" verantwortlich.