65-jähriges Priesterjubiläum

Günter Leuken – ein Hirte mit Humor und Pragmatismus

Veröffentlicht am 02.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Karin Wollschläger – Lesedauer: 

Emmerich ‐ Was macht einen guten Priester aus? Der 92-jährige Pastor Günter Leuken ist ein humorvoller Seelsorger mit Weite, Gelassenheit und Pragmatismus. Ein Porträt über Glauben, Nähe zu den Menschen und gelebte Freiheit.

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Was macht einen guten Priester aus? Um das anschaulich zu erklären, fährt man am besten nach Emmerich-Elten am Niederrhein und besucht Pastor Günter Leuken. Der 92-Jährige ist ein humorvolles Original und im schönsten Sinne des Wortes ein Seelsorger. Einer mit hoher Empathie, innerer Weite, tiefer Gelassenheit und pastoralem Pragmatismus – gespeist aus einer tiefen Gläubigkeit, die nicht verengt, sondern Freiheit eröffnet. Vor 65 Jahren, am 2. Februar 1961, wurde er im Dom zu Münster zum Priester geweiht. Auf den Fotos von damals sieht Leuken übrigens Heinz Rühmann aus den Pater-Brown-Filmen täuschend ähnlich.

Zahllose Anekdoten kann er aus seinem Weihekurs erzählen. Man hat den Eindruck, dass die 50 jungen Männer viel heiteren Unsinn gemacht haben und das Priesterwerden damals von größerer Leichtigkeit begleitet war. Doch den jungen Günter Leuken trieben auch die tiefen Gottes- und Existenzfragen um, das Ringen um den eigenen richtigen Weg. Halt gab ihm dabei sicher die vorbehaltlose Unterstützung seiner Eltern in Geldern, deren einziger Sohn er war. Zugleich sah er in seinem Umfeld, dass Lebenswege längst nicht immer gerade verlaufen.

Sensibilität für die Bruchlinien des Lebens

In dieser Gemengelage entwickelte Günter Leuken eine hohe Sensibilität für die Bruchlinien des Lebens, die ihn – gepaart mit seinem Gottvertrauen – zu einem guten Seelsorger macht, der Menschen beisteht, Unklares mit ihnen aushält und ihnen Mut macht. Der aber auch gesellig ist und gern mit ihnen feiert, vor allem Schützenfeste (nicht nur, weil er selbst ein guter Schütze ist).  Leuken ist stets nah bei den Menschen und teilt mit ihnen Freude und Hoffnung, Trauer und Angst, wie es an einer zentralen Stelle der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils (1963-1965) heißt.

Dieser große Aufbruch-Moment der katholischen Kirche prägte vor allem seine Kaplansjahre. Günter Leuken probierte eifrig die neuen Möglichkeiten aus, wie etwa die Messe "zum Volk", mitunter sogar schneller als die Bistumsleitung in Münster. Legendär wurden auch seine Jazz-Messen. 1974 wurde Leuken Pfarrer von Asperden, einem kleinen Dorf nahe der holländischen Grenze bei Goch, und blieb es 34 Jahre lang bis zu seiner Emeritierung 2008 und dem Umzug nach Elten.

Bild: ©picture alliance/United Archives/IFTN (Archivbild)

Auf den Fotos von seiner Priesterweihe sieht Günter Leuken Heinz Rühmann aus den Pater-Brown-Filmen – hier eine Szene aus dem Film "Das schwarze Schaf" von 1960 – täuschend ähnlich.

Als meine Eltern 1976 heirateten, fragte ihn meine evangelische Mutter, ob sie für die Hochzeit katholisch werden solle – wozu sie bereit gewesen wäre. Seine für die damalige Zeit ungewöhnliche Antwort lautete: "Du bist mir evangelisch lieber, als wenn du nur der Hochzeit wegen katholisch wirst. Wäre ich Kind evangelischer Eltern, wäre ich jetzt vermutlich evangelischer Pfarrer." Nicht nur in ökumenischer Hinsicht bewies Leuken früh Weitsicht und zeichnete sich durch eine große innere Freiheit aus. Auch Messdienerinnen gab es in Asperden schneller als anderswo. Ich erlebte Günter Leuken als einen Pastor, der sich in Reformfragen nicht mit Münster oder gar Rom anlegte, sondern einfach in seiner Pfarrgemeinde nach pragmatischen Wegen suchte, den Menschen in ihren Anliegen gerecht zu werden.

Die hohe Wertschätzung für Günter Leuten in seiner Pfarrgemeinde zeigte sich anschaulich, als er selbst Anfang der 2000er Jahre in Not geriet: Bei einem nächtlichen Einbruch ins Pfarrhaus legte ein Unbekannter Feuer – das Pastorat brannte nahezu komplett aus. Leuken und seine Haushälterin entkamen dem Brand nur knapp – mit nichts mehr als Schlafanzug und Pantoffeln.

"Pastor bonus" – guter Hirte

Noch nachts auf der Straße bot der benachbarte Dorfwirt an, dass die beiden – bis der Schaden im Pfarrhaus behoben wäre – in dem neuen, frisch eingerichteten Haus wohnen könnten, dass der Wirt gerade für sich und seine Frau gebaut hatte. Alle in der Gemeinde trugen das ihrige dazu, "ihren" Pastor und seine Haushälterin in den kommenden Monaten zu unterstützen. Leuken selbst nahm es im Nachhinein mit dem ihm eigenen Humor und meinte: "Wenn ich demnächst in Ruhestand gehe, muss ich nun nicht mehr so viele Dinge entsorgen."

Mit seiner Emeritierung 2008 ging in Asperden eine über 1.200 Jahre alte Pfarrei-Geschichte zu Ende. Günter Leuken war der letzte Priester, der in Sankt Vincentius offiziell als Pfarrer eingeführt wurde. Dem trägt auch ein Straßenschild Rechnung, mit dem Asperden seinem letzten Pastor schon zu Lebzeiten ein kleines Denkmal setzen: Der "Günter-Leuken-Weg" entlang der Kirche. Am Asperdener Pfarrhaus steht in großen Lettern das, was Günter Leuken authentisch verkörpert: "Pastor bonus" – guter Hirte. Er hat mein Bild von einer menschlichen Kirche nachhaltig geprägt. So lange es gute Hirten wie ihn gibt, ist nichts verloren.

Von Karin Wollschläger

Die Autorin

Dr. Karin Wollschläger ist Co-Büroleiterin Hauptstadt/Ostdeutschland bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Sie ist in Asperden am Niederrhein aufgewachsen und Günter Leuken ist ihr Heimatpastor – er hat nicht nur sie, sondern später auch ihre Söhne getauft.