Pfadfinder-Aufarbeitungsstudie zeichnet düsteres Bild

Gefährliches Gemeinschaftgefühl – die DPSG muss sich neu erfinden

Veröffentlicht am 06.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Pfadfinder stehen für ein großes Gemeinschaftsgefühl. Was die Stärke des größten katholischen Jugendverbands ist, hat auch eine dunkle Seite: Die Aufarbeitungsstudie zur DPSG mahnt massive Reformen im Verband an.

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Was die Pfadfinder stark macht, macht sie zugleich anfällig für sexualisierte Gewalt: ein starkes Verbandsbewusstsein, Zusammengehörigkeitsgefühl, Rituale und Gemeinschaft. Im Abschlussbericht des Forschungsprojekts zur Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG) ist das Selbstverständnis von Pfadfinderinnen und Pfadfindern als Familie und die starke Identität, die mit dem Pfadfindersein einhergeht, zentral. Die Forschenden der Universitäten Marburg und Gießen sprechen dabei von einer "hyperinkludierenden Gemeinschaft", die weit mehr als bloße Freizeitgestaltung und ehrenamtliches Engagement ist. 

Das Pfadfindersein wird zu einer "ganzheitlichen Identität", die Gemeinschaft der Pfadfinder ähnelt einer Familie: "In familienanalogen Settings verschieben sich jedoch leicht Rollen und Grenzen: Nähe, Vertrauen und Idealisierung ('wir sind doch alle Brüder und Schwestern') erzeugen Loyalitäten, die Kritik als Illoyalität oder 'Verrat' markieren." 

Nach vielen diözesanen Studien zur Aufarbeitung von Missbrauch beleuchtet die DPSG-Aufarbeitungsstudie ein Feld kirchlichen Wirkens, das hinsichtlich sexualisierter Gewalt bislang meist nur am Rande vorkam. Katholische Jugendverbände kamen in den Aufarbeitungsprozessen der Bistümer am Rande immer wieder vor, zentral waren aber dort vor allem Pfarrei-Strukturen und Kleriker als Beschuldigte. Studien, die primär auf einer juristischen Methode aufbauen und als Datengrundlage auf Personalakten zurückgreifen konnten, stellten vor allem das institutionelle Versagen der verfassten Kirche, Vertuschungsmechanismen der Kirchenleitung sowie die klerikalen Beschuldigten in den Mittelpunkt. Weitgehend ehrenamtliche Strukturen wie Verbände konnten so weniger in den Blick genommen werden. 

Schwierige Datenlage 

Wie schwierig das ist, zeigen die Probleme, vor denen sich die Forschenden sahen. In Jugendverbänden als über mehrere Ebenen hochgradig föderal organisierten Zusammenschlüsse, bei denen in der Regel erst auf Diözesanebene hauptamtliche Strukturen das Ehrenamt unterstützen, gibt es hochgradig heterogene Aufzeichnungen, kaum systematisch gepflegte Archive, keine "Personalakten" Ehrenamtlicher und kaum Durchgriffsmöglichkeiten der oberen Ebenen. Bei der DPSG schien trotz des erklärten Willens der Bundesebene innerverbandliche Vorbehalte gegen Aufarbeitung zu kommen. Auffällig ist der lange Teil im Bericht darüber, welche Datenbestände überhaupt verwendet werden konnten. Von 25 DPSG-Diözesanverbänden haben am Ende nur zwölf Daten aus ihren Beständen zur Verfügung gestellt, auf eine Frage nach Namen hauptamtlicher Kuraten, also geistlicher Verbandsleitungen, haben zwölf von fünfundzwanzig reagiert. 

Die Arbeit der Forschenden war daher auf einen Ansatz angewiesen, der auf mehrere Erkenntnisquellen setzt: Neben der Auswertung der im Verband vorhandenen Daten vor allem Befragungen von DPSG-Mitgliedern, die auf Verbandsveranstaltungen oder durch Aufrufe in Verbandsmedien rekrutiert wurden. Die Zusammenarbeit mit diözesanen Institutionen gestaltete sich schwierig. Nur in zwei Bistumsarchiven konnten Bestände vor Ort gesichtet werden, ansonsten gab es aus rechtlichen Gründen wie aus einer fehlenden Erschließung des Archivmaterials hinsichtlich Verbandsbezügen Probleme, die kirchlichen Archive zu verwenden. Auch bei den diözesanen Interventionsstellen war die Nutzung relevanter Falldaten nur in wenigen Fällen möglich. 

Die komplexe Datenlage führte dazu, dass die ansonsten übliche quantitative Bezifferung des Missbrauchsgeschehens nicht möglich war; übliche Schlagzeilenformate, die Beschuldigten- und Betroffenenzahlen nennen, fielen dieses Mal also aus. Dennoch konnten die Forschenden sehr deutliche Aussagen machen. Die qualitativen Auswertungen zeichneten dennoch ein deutliches Bild. Ausgesprochen deutlich sprach die Marburger Erziehungswissenschaftlerin Sabine Maschke bei der Pressekonferenz zur Vorstellung von der DPSG als einem "Haus mit beschädigtem Fundament", das nach außen stabil, aber nach innen kein sicherer Ort sei. Wie die meisten Studien stellt auch die über die DPSG fest, dass sexualisierte Gewalt kein isoliertes Phänomen mit einzelnen Tätern ist, sondern, so Maschke, "Ausdruck einer gewachsenen strukturellen Risikolage". Der qualitative Forschungsansatz, bei dem Betroffene interviewt wurden, erläutert diesen Befund. 

"Besitzergreifende Institution" 

Parallelen zu anderen Aufarbeitungsstudien zeigen sich vor allem zu Studien mit einem stärker sozialwissenschaftlichen Fokus. Die Münsteraner Studie brachte den Begriff des "Bystanders" in die Debatte: Menschen, die vom Missbrauchsgeschehen wussten, aber bloße Zuschauer blieben, wo sie hätten helfen oder zumindest Alarm schlagen konnten. Die Essener Studie war es, die den Begriff der "Pfarrfamilie" problematisierte, ein Kirchenbild, das vor allem in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stark gemacht wurde: In Familien geht es um Zusammenhalt und Solidarität. Der Hinweis auf Missstände wird nicht als Instrument der Korrektur, sondern als Gefahr verstanden. 

Beide Figuren tauchen auch in der DPSG-Studie auf: Missbrauch wird da begünstigt, wo Menschen wegschauen, es nicht wissen wollen, es nicht wahrhaben wollen oder Geschehnisse kleinreden. Für die DPSG stellt die Studie fest, dass dort die toxische Familiendynamik stark ist: Die Forschenden bemühen neben dem Begriff der "hyperinkludierenden Gemeinschaft" den der "besitzergreifenden Institution" ("greedy institution"), die der Soziologe Lewis Coser geprägt hat. Er bezeichnete damit Institutionen, die einen allumfassenden Anspruch auf die Person ihrer Mitglieder stellen. 

Die Pfadfinderbewegung ist dadurch hyperinkludierend und besitzergreifend, dass sie "stark emotionalisiert und für viele Mitglieder lebensprägend" wird. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wird vor allem durch Rituale und Traditionen gestärkt. Manche Rituale und Traditionen sind geregelt: Der Übergang von einer Altersstufe in die nächste, das Tragen der Kluft, Halstücher und Aufnäher, die die eigene Position und Erfahrung im Verband wiedergeben. Andere Rituale und Traditionen wachsen wild: Immer wieder spielt dabei der Umgang mit Alkohol eine Rolle. Mutproben und Initiationsrituale überschreiten Grenzen. 

Gefährliche Rituale 

Derartige Rituale identifizieren die Forschenden als ein wesentliches Element der Gemeinschaftsbildung. Sie sind zugleich kulturelles Erbe wie pädagogisches Instument: "Rituale sind somit mehr als bloße Wiederholungen; sie sind Träger von Erinnerung, Emotion und Haltung." Darin liege aber auch ihre problematische Ambivalenz: "Wo Rituale nicht reflektiert, sondern unkritisch tradiert werden, können sie durch ihre Emotionalisierung und starke symbolische Aufladung Kritikfähigkeit unterlaufen und starre Strukturen verfestigen." 

Dieser Stellenwert von Ritualen und Traditionen findet sich auch in anderen Jugendverbänden. Im Bereich der Pfadfinderbewegung gibt es bereits mehrere Aufarbeitungsstudien: Die Abschlussberichte der Aufarbeitungsprozesse des nichtkonfessionellen "Bund der Pfadfinder*innen" (BdP) wie des evangelische "Verband Christlicher Pfadfinder*innen" (VCP) befassten sich beide mit der Gefahr, dass Rituale grenzverletzendes Verhalten normalisieren. Die starke pfadfinderische Identität und Identifikation wird in beiden Studien wie bei der DPSG betont. 

Bild: ©Christian Schnaubelt / DPSG (Symbolbild)

Gemeinsam am Lagerfeuer sitzen und singen ist ein wichtiger Teil des Pfadfinderlebens.

Auffällig an der DPSG-Studie ist aber, dass dort sexualisierende Praktiken und grenzverletzende Rituale deutlich ausführlicher behandelt werden. Die unterschiedlichen methodischen Zugänge und die jeweils in eigener Weise komplizierte Datenlage lassen keinen belastbaren quantitativen Vergleich zu. Dennoch überrascht die Schwerpunktsetzung. In der Aufarbeitungsstudie zum VCP werden ähnliche Dynamiken beschrieben, der Einfluss einer Kultur des Alkoholkonsums wird dort aber stärker herausgestellt als bei der DPSG die Bedeutung grenzverletzender Rituale. 

"In ritualisierten Spielen, Lagerhochzeiten und ähnlichen Praktiken zeigt sich eine Normalisierung von Gewalt und 'Sexualisierung des Gruppengeschehens' einer ritualisierten Inszenierung, die Grenzen zwischen 'grenzachtender Sexualität und sexualisierter Gewalt' verschiebt", heißt es dazu im Abschlussbericht. Zu einer derartigen Verbandskultur habe auch die im Verband verbreitete Auflösung des Kürzels als "Deutsche Partner*innen-Such-Gesellschaft" beigetragen. Ein informelles System von "Georgspunkten" wurde genutzt, um "sexuelle Erfahrungen 'spielerisch' als Punktesystem und statusförmige Währung" darzustellen. Was weithin als unernst verstanden wurde, ordnet die Studie als "Normalisierungspraxis" ein. 

Zeltlager "natürliche" Gelegenheiten für Übergriffe 

Als Orte von Übergriffen identifiziert die Studie wiederum pfadfinderische Spezifika: Besonders häufig seien von Betroffenen Ferienfreizeiten, insbesondere Zeltlager, Feste und Aktionen mit anderen Stämmen genannt worden. Für die Pfadfinder ist das bitter: "Insbesondere Orte, die für Nähe, Gemeinschaft und Identität in der DPSG stehen, bergen zugleich ein erhöhtes Risiko für sexualisierte Gewalt." Das erleichtere auch Grooming, also die Vorbereitung von Übergriffen. Anders als in anderen Tatkontexten entfalle die "Phase der mühsamen Auswahl der 'Opfer' weitgehend, da Täter durch ihre Macht und Position unmittelbaren Zugang zu Kindern und Jugendlichen haben und einen Vertrauensvorschuss erhalten." Verbandsveranstaltungen mit Übernachtungen schafften "sozusagen 'natürliche' Gelegenheiten" und Gelegenheitsstrukturen. Dadurch habe sie eine "kulturspezifische Ausprägung des Grooming" in der DPSG entwickelt, bei der Strukturen wie "Nähe, Loyalität, Spirit und zugleich Machtasymmetrien" von Tätern bewusst instrumentalisiert werden. 

Problematisiert werden auch die Strukturen des Verbands. Bei der Pressekonferenz sprachen die Forschenden von einer "Steuerungsproblematik". Die oberen Ebenen haben kaum Möglichkeiten, Maßnahmen nach unten durchzusetzen; es fällt einzelnen Stämmen, wie die Ortsgruppen der DPSG heißen, leicht, sich vom Verband abzunabeln und so isolierte "Königreiche" zu bilden. Leitungsverantwortung werde oft von älteren, charistmatischen Führungspersönlichkeiten getragen – ein weiterer begünstigender Faktor für Missbrauch. Überproportional häufig seien bei den über-30-jährigen Aktiven Männer vertreten; hier schlagen die Forschenden einen strukturierten "Offboarding-Prozess" für ältere Ehrenamtliche vor, um den Dynamiken zu begegnen und riskante Altersgefälle abzumildern. 

Die strukturellen Risikofaktoren zeigten sich auch im Forschungsprozess selbst, was sich etwa an den Schwierigkeiten bei der Datenerhebung in den Diözesanverbänden zeigte. Wie in kaum einer anderen Studie kritisieren die Forschenden den Verband, der sie beauftragt hat. Vor allem eine mangelnde Professionalisierung und hohe Erwartungen an oft sehr junge Ehrenamtliche führten dazu, dass es oft Defizite gebe – auch im pädagogischen Bereich: Zwar versteht sich die DPSG als Erziehungsverband. Die Forschenden bemängeln aber, dass es in der verbandsinternen Ausbildung der Verantwortungsträger an Professionalisierung fehle. Beim Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt fehlt es den Forschenden an unabhängigen Strukturen. Hier schlagen sie die Einrichtung einer unabhängigen "Schutzaufsicht" vor, um zu vermeiden, dass Intervention und Aufarbeitung in den familiären und von Loyalitätsdruck geprägten Strukturen der einzelnen Gliederungen des Verbandes nur unzureichend gewährleistet werden kann. 

Spezifisch religiöse Komponente 

Auch bei der DPSG hat das Missbrauchsgeschehen eine spezifisch religiöse Komponente. Parallelen zur verfassten Kirche gibt es nach der Erkenntnis der Forschenden da, wo Geistliche Beschuldigte sind. DPSG-spezifisch sind dagegen Spiritualitätsformen, die zu einer "quasireligiösen Eigenwelt" führen. Mittels einer ansprechenden Spiritualität, die als ganz anders als die amtskirchliche wahrgenommen wird, werden die Dynamiken der Überidentifikation mit der Pfadfinderei noch verstärkt. Dabei zeige sich im Geistlichen, was zuvor schon bei der Pädagogik kritisiert wurde: Es mangle an professionell fundierten Orientierungen, stattdessen dominiere Handeln auf der Grundlage von Alltagswissen. 

Pfadfinderlager im Mai 2007 in Westernohe. Die Jugendlichen bauen Klappstühle.
Bild: ©KNA (Symbolbild)

Engagiert, kreativ und an der frischen Luft – die meisten Pfadfinder verbinden solche Bilder mit ihrem Verband.

Für die DPSG dürfte die Aufarbeitungsstudie eine Zäsur darstellen. Die geschilderten Defizite rühren in weiten Teilen aus historisch gewachsenen Besonderheiten der Pfadfinderbewegung allgemein wie der DPSG selbst her. Noch schwieriger als die strukturellen Änderungen und die Forderungen nach Professionalität in einem weitgehend ehrenamtlich getragenen Verband umzusetzen sein werden, dürfte der notwendige Kulturwandel bei den einzelnen Mitgliedern sein. Wie schwierig das ist, zeigen die Erkenntnisse aus anderen Studien über Dynamiken in "Pfarrfamilien" ebenso wie aktuelle Verdachtsfälle, in denen sich Gemeinden mit Beschuldigten unreflektiert und bedingungslos solidarisieren. 

Auch wenn vieles in der Studie pfadfinder-spezifisch ist: Andere Jugendverbände können sich nicht zurücklehnen. Auch ohne Kluft sind die Dynamiken von Gemeinschaft und Identität etwas, das Jugendverbände auszeichnet – bisher wurde das meist als Plus verstanden, "Verbandsbewusstsein stärken" als wichtiges Element von Verbandsentwicklungsprozessen verstanden. Künftig wird man das so unbefangen nicht mehr vertreten können – und läuft angesichts sinkender Bindungswirkungen aller gesellschaftlichen Organisationen in ein Dilemma: Einerseits will man eine hohe Mitgliederbindung, andererseits hat man nun ihre toxische Dimension ausgemacht. 

Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie haben alle drei DPSG-Bundesvorstandsmitglieder deutlich und überzeugt dargelegt, dass sie hinter dem nötigen Wandel stehen. Die Frage ist, ob sie bei aller gemeinsamen Identität ihren hochgradig heterogenen, diverser und föderalen Verband mit seinen etwa 1.200 Stämmen und 80.000 Mitgliedern dafür gewinnen können – oder ob am Ende doch der Loyalitätsdruck in einer "hyperinkludierenden Gemeinschaft" die Oberhand behält. 

Von Felix Neumann