Pfadfinder-Bundesvorsitzender zu Konsequenzen

Missbrauchsstudie: "Die DPSG wird jetzt ganz sicher nicht aufgelöst"

Veröffentlicht am 11.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Düsseldorf ‐ Eine Studie zeichnet ein düsteres Bild der Georgs-Pfadfinder: Ist die DPSG wirklich mit sexualisierter Gewalt "durchsetzt"? Im Interview erklärt der Vorsitzende Sebastian Becker, wie es für den Verband jetzt weitergeht.

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Pfadfinden ist ein bedeutender Teil der katholischen Jugendarbeit: Mit nach eigenen Angaben rund 80.000 Mitgliedern ist die Deutsche Pfadfinder*innenschaft St. Georg (DPSG) der größte katholische Jugendverband in Deutschland. Mit der Pfadfinderei verbinden viele gute Erinnerungen und prägende Erlebnisse. Eine unabhängige Aufarbeitungsstudie im Auftrag der DPSG hat nun aber eine andere Seite ans Licht gebracht: So drastische Missstände fanden die Forschenden, dass sie davon sprechen, dass die DPSG "durchsetzt" von sexualisierter Gewalt ist – und was sich in ihren Augen ändern muss, damit das aufhört. Im Interview mit katholisch.de erläutert der DPSG-Bundesvorsitzende Sebastian Becker, wie der Verband auf die Ergebnisse reagiert – und was die Erkenntnisse für ihn selbst als Pfadfinder bedeuten.

Frage: Herr Becker, der Abschlussbericht zeichnet die DPSG in einem ziemlich düsteren Licht. Der Verband sei "durchsetzt" von sexualisierter Gewalt. Erkennen Sie darin Ihren Verband wieder?

Becker: Ich bin bestürzt, ich bin schockiert, aber ich bin nicht überrascht. Die Ergebnisse zeigen etwas, das sich auch in der Gesellschaft zeigt. Darauf dürfen wir uns aber nicht ausruhen, dass es in der DPSG ein Problem gibt, was in vielen Teilen der Gesellschaft vorkommt. Es ist wichtig einzusehen und zu sagen, dass das auch ein Problem von uns in unserem Verband ist – und daran müssen wir jetzt herangehen. Die Studie hatte genau den Auftrag, aufzuzeigen, was in unserem Verband nicht gut läuft, wo Probleme sind im Bereich sexualisierter Gewalt, welche Strukturen und Systeme sie begünstigen. Das wurde jetzt aufgedeckt. Und damit ist genau das passiert, was wir uns erhofft haben, und was wir als Institution brauchen, um daraus zu lernen und besser zu werden.

Frage: Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie wurde aber nicht nur gesagt, dass es diese Aspekte gibt, sondern dass der Verband "durchsetzt" ist von sexualisierter Gewalt. Teilen Sie diesen Eindruck? Ist die DPSG durchsetzt von sexualisierter Gewalt?

Becker: Das ist etwas, was wir in den nächsten Wochen, Monaten und sicher auch Jahren für uns noch genauer anschauen müssen. Jetzt wurde vor allem deutlich, dass wir darauf schauen müssen, wie wir die Organisation umbauen, unterstützt von externer Fachexpertise und der Betroffenenperspektive. Darauf muss jetzt der Fokus liegen: Feststellen, wo genau unsere Strukturen und Kulturen sexualisierte Gewalt ermöglichen oder gar vertuschen, wie wir daran arbeiten können, das zu überwinden und welche positiven Effekte schon jetzt unsere bisherigen Präventions- und Interventionsmaßnahmen haben.

Frage: Besonders hervorgehoben wird eine Normalisierung einer sexualisierten Kultur, Stichworte dafür sind "Deutsche Partner-Such-Gesellschaft" und "Georgspunkte", mit denen intime Kontakte im Verband untereinander scheinbar witzig bewertet und normalisiert wurden. Sie sind selbst seit langer Zeit Pfadfinder. Ist Ihnen das auch begegnet?

Becker: Ja, das ist mir begegnet. Die "Georgspunkte" gehören zu den Dingen, gegen die wir im Bundesvorstand, gemeinsam mit der Bundesleitung, schon länger vorgehen. Wir haben Webseiten, auf denen diese "Georgspunkte" propagiert wurden und sich berechnen ließen, unterbunden, soweit es uns nur möglich war.

Frage: Wissen Sie, wer hinter diesen Seiten stand? Haben Sie da auch einzelne Mitglieder belangt?

Becker: Wir kennen die Betreiber dieser Seiten in Teilen, etwa weil sie im Impressum angegeben wurden.

Frage: Und gab es Konsequenzen für diese Mitglieder?

Becker: Ich kann nicht über juristische Konsequenzen sprechen. Verbandsintern gab es aber Konsequenzen gegen an diesen Seiten beteiligte Mitglieder.

Frage: In der Studie werden nicht nur solche wild gewachsenen Rituale hinterfragt, auch zentrale pfadfinderische Rituale und Symbole wie Kluft, Halstuch und Versprechen stehen in der Kritik. Was bedeutet das für die DPSG?

Becker: Das sind essentielle und wichtige Rituale, die zu unserer pfadfinderischen Identität  gehören. Diese Rituale können viel Positives bewirken und Kindern und Jugendlichen wichtige Stützen sein. Ein Beispiel ist der Wechsel von einer Stufe in die nächste. Da geht es darum, Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass sie in eine neue Gruppe kommen mit neuen Menschen, und gleichzeitig die neue Gruppe darauf vorzubereiten. Nichts anderes passiert ja auch, wenn man Schulen oder die Klasse wechselt. Wir müssen aber jetzt genau darauf schauen, ob und wie solche Rituale missbräuchlich genutzt werden: nicht um Kinder und Jugendliche zu stärken, sondern ihnen zu schaden. Da müssen wir unsere Leiter*innen besser ausbilden und dafür sorgen, dass sie an sich gute und hilfreiche Rituale auch so gestalten, dass sie tatsächlich gut und hilfreich sind. Ganz klar ist aber auch, dass gewachsene Rituale, die eindeutig und absolut nicht in Ordnung sind wie das "Pflocken", also Kinder als Strafe oder Initiationsritual auf dem Boden zu fixieren, ohne Wenn und Aber konsequent unterbunden und geahndet werden müssen.

Frage: Sie haben vor wenigen Jahren eine Arbeitshilfe zu den Pfadfinderversprechen herausgegeben. Ist das schon vor dem Hintergrund einer Berücksichtigung von Präventionsaspekten geschehen?

Becker: Das war unabhängig von der Studie, aber natürlich auch mit dem Blickwinkel von Präventionsmaßnahmen. Wir haben von unseren Leiter*innen die Rückmeldung bekommen, dass sie sich mehr Handreichungen und mehr Methodiken wünschen, um beispielsweise das Pfadfinderversprechen angemessen und kinder- und jugendgerecht zu gestalten.

Pfadfinderlager im Mai 2007 in Westernohe. Die Jugendlichen bauen Klappstühle.
Bild: ©KNA (Archivbild)

Zeltlager gehören zu den wichtigsten Veranstaltungen der Pfadfinder. Die Studie hat sie aber auch als riskanten Ort identifiziert.

Frage: Vieles, von dem Sie jetzt sprechen, muss auch im Verband umgesetzt werden. Die Forschenden sprechen von einer "Steuerungsproblematik": Was oben beschlossen wird, kann an der Basis kaum durchgesetzt werden. Tatsächlich sind demokratische Organisationen ja nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben organisiert. Wie kann man überhaupt als demokratisch strukturierter Verband dieser Steuerungsproblematik begegnen?

Becker: Das kann ich Ihnen heute nicht beantworten. Das ist genau die Frage, die wir uns jetzt und in Zukunft stellen müssen. An welchen Stellen führt der Föderalismus in unseren Strukturen genau zu den Problemen, die Sie ansprechen, nämlich dass wir keinen Zugriff auf unsere Stämme bekommen. Wo es den Kinder- und Jugendschutz betrifft, müssen wir überlegen, ob wir bei diesen Themen an unseren föderalen Strukturen festhalten, oder ob wir gerade bei Kinder- und Jugendschutz zentralisierter werden müssen.

Frage: Auch mit dem Risiko, dass dann einzelne Stämme sagen: "Da möchte ich nicht mehr mitmachen" und die DPSG verlassen?

Becker: Die Befürchtung habe ich nicht. Das ist etwas, nach dem schon jetzt auch unsere Untergliederungen, vor allem die Leiter*innen und die Vorstände, rufen. Viele fühlen sich im Bereich Kinder- und Jugendschutz überfordert und haben den Eindruck, dass es zu viel Verantwortung für sie darstellt, etwa Interventionsmaßnahmen im eigenen Stamm umzusetzen. Das ist ohnehin ein Punkt, wo es nicht problematisch sein darf, sich von demokratischen Mitbestimmungsstrukturen zugunsten von Fachexpertise zu lösen: Kinder- und Jugendschutz ist nichts, worüber mit Mehrheiten bestimmt werden darf – er muss wie die Menschenwürde insgesamt immer gelten und ist nicht verhandelbar.

Frage: Diese Steuerungsproblematik zeigte sich auch im Forschungsprozess. Es wirkt, als hätten viele Diözesanverbände nicht hinter der Studie gestanden und eher verhindert, dass ihre Daten und Archive genutzt werden können und generell eher widerwillig mitgearbeitet. Täuscht der Eindruck?

Becker: Ich glaube, der Eindruck täuscht. Der Aufarbeitungsprozess wurde 2020 von unserer Bundesversammlung mit übergroßer Mehrheit beschlossen, die ganz große Mehrheit unserer Untergliederungen steht dahinter. Das, was Sie beschreiben, hat in meiner Wahrnehmung andere Gründe. Es gab vor allem ein Problem mit der Kommunikation, als die Forschungsgruppe auf diözesane Archive zurückgreifen wollte. Da liegt die Verantwortung nicht bei den Diözesanverbänden, sondern bei uns als Bundesverband. Wir müssen uns eingestehen, dass wir unsere Diözesanverbände nicht rechtzeitig adäquat informiert haben, welche Anfragen vom Forschungsteam auf sie zukommen werden und in welchem Zeitraum sie beantwortet werden müssen. Als Bundesverband hätten wir das verhindern können, wenn wir rechtzeitig informiert hätten. Deshalb konnte leider nicht auf alle diözesanen Archive zurückgegriffen werden. Wir haben aber alles daran gesetzt, das Problem zu beheben, und am Ende konnten die meisten Diözesanarchive genutzt werden.

Frage: Die Archive sind das eine. In der Studie heißt es aber auch, dass im Juli 2024 von der Forschungsgruppe 25 Diözesanverbände angeschrieben wurden, geantwortet haben zehn. Wie konnte das passieren?

Becker: Auch hier sehe ich vor allem Überforderung als Problem, aber auch nicht zuverlässige Kommunikationswege des Bundesverbandes. Gestellt wurden sehr spezielle und konkrete Fragen, die zum Teil die Diözesanverbände selbst nicht beantworten konnten und wo sie auf Archive der Diözesen hätten zurückgreifen müssen. Für uns als Bundesverband haben wir zudem verstanden, dass wir die Kommunikation verbessern müssen. Wir arbeiten etwa an einer neuen Mitgliederdatenbank, die Untergliederungen besser selbst pflegen können, so dass wir in Zukunft aktuelle Kontaktdaten haben, mit denen wir auch tatsächlich schnell die richtigen Leute erreichen und nicht wie jetzt ins Leere laufen.

Frage: Überforderung war auch ein Thema in der Studie im Bereich der Ausbildung der Leitenden. Die Forschenden bemängeln fehlende pädagogische Professionalität, oft gebe es nur "pädagogisches Alltagswissen". Wie ist die Forderung nach Professionalität mit dem alten Prinzip der Jugendarbeit "Jugend leitet Jugend" in Einklang zu bringen? Braucht es eine Abkehr davon und eine konsequente Professionalisierung?

Becker: Das ist auch etwas, was wir in der Zukunft genau anschauen und überprüfen müssen: Wo ist es positiv, dass junge Erwachsene Chancen und Möglichkeiten haben, sich weiterzuentwickeln und bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu wachsen? Und wie gestalten wir das ohne Überforderung und ohne, dass der Kinder- und Jugendschutz zu kurz kommt? Aus der Studie haben wir gelernt, dass es in unserer Ausbildung für Leiter*innen momentan noch an Praxisbegleitung fehlt. Das funktioniert noch nicht, da müssen wir ran.

Die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) hat mit dem aus dem Bistum Essen stammenden Priester Maximilian Strozyk einen neuen Bundeskuraten.
Bild: ©DPSG Essen (Archivbild)

Klufthemd und Halstuch (wie hier vom DPSG-Bundeskuraten getragen) sind wichtige Symbole der Pfadfinder. Wie kann es gelingen, Rituale zu pflegen, ohne zu verletzen?

Frage: Wie geht es jetzt weiter für die DPSG? Was sind die nächsten Schritte?

Becker: In der nächsten Zeit bis zu unserer Bundesversammlung im Juni finden mehrere Austauschformate für unterschiedliche Zielgruppen statt. In diesen Austauschformaten geht es vor allem darum, mit unseren Mitgliedern und mit Betroffenen in geeigneter Weise ins Gespräch zu den Studienergebnissen zu kommen. Im ersten Schritt wollen wir dafür sensibilisieren, was an Erkenntnissen vorliegt, was in unserem Verband alles falsch oder nicht so gut läuft. Parallel unterstützen wir unsere Untergliederungen, sprachfähig gegenüber Eltern und Mitgliedern zu werden. Auf der Bundesversammlung müssen wir schließlich klären, auf welchen Weg sich der Bundesverband dann konkret macht.

Frage: Aber eine Auflösung des Verbands, wie es bei der Pressekonferenz gefragt wurde, steht nicht zur Debatte?

Becker: Die DPSG wird jetzt ganz sicher nicht aufgelöst. Damit würden wir uns aus der Verantwortung herausziehen und vor allem Betroffene alleine lassen mit der Gewalt, die sie erlebt haben oder noch erleben. Es würde auch bedeuten, dass Täter*innen unbeobachtet und ohne Konsequenzen blieben. Auflösung ist jetzt keine Option. Wir müssen uns vielmehr der Verantwortung jetzt stellen und diesen Verband zu einem besseren Ort machen.

Frage: Sie sind selbst Pfadfinder. Aus der Studie wissen wir, wie hoch identifiziert Pfadfinder mit ihrem Verband sind. Was bedeutet diese Studie für Sie persönlich? Wie können und wollen Sie künftig Pfadfinder sein?

Becker: Ich bin zutiefst bestürzt, ganz klar. Ich hinterfrage für mich Dinge, die ich in meiner Pfadfindervergangenheit erlebt habe, aber auch was ich aktuell erlebe und selber tue. Ich mache das, was wir als Pfadfinder*innen jetzt alle tun müssen, nämlich schauen, wo ich vielleicht in der Vergangenheit oder auch aktuell nicht richtig hingesehen habe. Wo habe ich bagatellisiert? Wo habe ich vielleicht selber auch mal falsch gehandelt? Wo war ich selber nicht sensibilisiert genug? Für mich gehört es grundlegend zum Pfadfinden dazu, dass ich mich jetzt diesen Fragen stelle. Ich darf mich jetzt nicht aus der Verantwortung ziehen, sondern muss Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit dem gesamten Verband dafür Sorge tragen, dass wir die DPSG betroffenengerecht zu einem sicheren und besseren Ort für Kinder und Jugendliche machen. Das muss das A und O sein.

Von Felix Neumann

Der Abschlussbericht zum Forschungsprojekt im Volltext

Die Ergebnisse der Aufarbeitungsstudie sind online im Volltext veröffentlicht.