Josep Solé Coll – der Organist des Papstes

Wenn im Petersdom die ersten Akkorde erklingen, hört nicht nur die versammelte Gemeinde zu, sondern oft die ganze Welt. Josep Solé Coll, erster Organist der vatikanischen Basilika, gestaltet die großen Liturgien des Papstes musikalisch mit. Für den Spanier ist das kein Karrierehöhepunkt im weltlichen Sinn, sondern ein Dienst an der Kirche – getragen von künstlerischem Anspruch, liturgischer Präzision und dem Glauben an die evangelisierende Kraft der Schönheit, wie er im Interview erzählt.
Frage: Herr Solé Coll, Sie sind Organist in der Petersbasilika und arbeiten in einer der größten Kirchen der Welt, mitten im Herzen der Ewigen Stadt – ein Traumjob?
Solé Coll: Zweifellos! Aber es ist ein "Traum", der eine immense und auch eine globale Verantwortung mit sich bringt. Unter Michelangelos Kuppel zu spielen ist nicht nur eine musikalische Darbietung, sondern ein Akt des Gebets, der weit über die Mauern der Basilika hinausreicht. Da die Feierlichkeiten des Papstes weltweit übertragen werden, erreicht die Musik Millionen von Menschen. Ich fühle mich zutiefst verpflichtet, ein Beispiel für künstlerische Spitzenleistung zu geben, denn Schönheit ist die wichtigste Form der Evangelisierung. Meine Kollegen im Chor der Sixtinischen Kapelle und ich sind uns bewusst, dass die Qualität unseres Dienstes die Herzen der Zuhörer auf der ganzen Welt erheben kann.
Frage: Sie stammen ursprünglich aus Spanien. Was hat Sie nach Rom geführt?
Solé Coll: Mein Wunsch war es schon immer, in erster Linie Kirchenorganist und liturgischer Organist zu sein. Mit diesem Ziel vor Augen war das Päpstliche Institut für Kirchenmusik (PIMS) die logischste Wahl. Rom ist das Zentrum meines Weges. Die Stadt hat mich fasziniert: ihr Licht, ihre Geschichte und die Möglichkeit, die Originalmanuskripte der großen Meister zu studieren, waren unwiderstehliche Anreize, meine Berufung im Dienst der Liturgie zu vertiefen.
Frage: Ihr Weg führte Sie unter anderem nach Santa Maria Maggiore und schließlich zum Petersdom. Ist das die höchste Auszeichnung für einen Organisten?
Solé Coll: Es ist sicherlich ein prestigeträchtiger Meilenstein, aber in der sakralen Musik hat der Begriff der "Anerkennung" eine andere Bedeutung. Ich betrachte ihn nicht als Trophäe, die man zur Schau stellt, sondern eher als einen Ruf zum Dienst. Die Jahre, die ich in Santa Maria Maggiore verbracht habe, waren grundlegend, weil sie mir Disziplin und Strenge beigebracht haben; heute verlangt meine Rolle bei den liturgischen Feiern des Heiligen Vaters von mir, alles, was ich bin – sowohl als Musiker als auch als Gläubiger – zu vereinen und es in den Dienst der Kirche zu stellen.
„Wenn man weiß, dass die Welt zusieht und der Heilige Vater nur wenige Meter entfernt ist, ist der Druck groß.“
Frage: Was sind die Besonderheiten der Orgeln im Petersdom?
Solé Coll: Die Basilika verfügt über mehrere Instrumente für verschiedene liturgische Zwecke. Die Hauptorgel ist das Ergebnis der Zusammenführung zweier Instrumente (Walcker 1895 und Vegezzi-Bossi 1902), die 1962 von der Firma Tamburini vereinheitlicht wurden. In der Chorkapelle befinden sich zwei Orgeln, die in ihrem Gehäuse identisch aussehen, sich jedoch in ihrer Substanz unterscheiden: Die Orgel auf der linken Empore ist eine Morettini (1887), während die Orgel auf der rechten Empore eine Tamburini (1974) ist. Darüber hinaus befindet sich in der Kapelle des Allerheiligsten Sakraments das Originalgehäuse der Frescobaldi-Orgel, während das Instrument im Inneren 1914 von einem Neffen Morettinis gebaut wurde. Wir haben auch die mobile Walcker-Orgel (1981). Die größte Herausforderung bleibt die Akustik: Bei einem Nachhall von sieben bis acht Sekunden muss man in der Kirche mit äußerster Präzision "spielen".
Frage: Sie spielen hauptsächlich während der Liturgien unter Vorsitz des Papstes auf der Orgel im Petersdom. Haben Sie vor solchen Gottesdiensten Lampenfieber?
Solé Coll: Es handelt sich nicht um Angst, sondern um eine "heilige Spannung", die aus dem Bewusstsein des gefeierten Mysteriums entsteht. Wenn man weiß, dass die Welt zusieht und der Heilige Vater nur wenige Meter entfernt ist, ist der Druck groß. Für einen Gläubigen ist der Papst nicht nur eine repräsentative Figur, sondern der Stellvertreter Christi auf Erden. Während seiner Feierlichkeiten zu spielen bedeutet, sich in den Dienst einer göttlichen Handlung zu stellen. Dieses Bewusstsein erfordert absolute Konzentration. Aber sobald der erste Akkord erklingt, übernimmt die Musik die Kontrolle und die Angst verwandelt sich in Energie.
Frage: In vielen Pfarreien ist es üblich, dass der Pfarrer und der Organist gemeinsam die Liedauswahl zusammenstellen. Wünschen sich die Päpste bestimmte Lieder?
Solé Coll: Die Beziehung zwischen Musik und Papst ändert sich je nach Vorlieben des Pontifex. Papst Benedikt XVI. stellte spezifische Anforderungen; er war selbst Musiker, und sein Bruder Georg Ratzinger war dreißig Jahre lang Kapellmeister in Regensburg. Bei Papst Franziskus, einem großen Musikliebhaber, führten wir zunächst Stücke wie Ramírez' Misa Criolla auf, aber dies waren experimentelle Entscheidungen, die bald wieder aufgegeben wurden, da "klassische" oder Opernmusik oft nicht von Natur aus liturgisch ist und nicht zum Ritus passt. Was Papst Leo betrifft, so wissen wir, dass er singt und gut singt; was den Rest angeht, so lernen wir ihn noch kennen. In jedem Fall wird unsere Zusammenarbeit immer vom Zeremonienmeister der päpstlichen liturgischen Feiern vermittelt.
Als Titularorganist des Petersdoms spielt Josep Solé Coll bei den Gottesdiensten von Papst Leo XIV. die Orgel.
Frage: Sie hatten auch das Privileg, den Papstwechsel im letzten Jahr zu begleiten. Wie haben Sie diese ereignisreichen Tage erlebt?
Solé Coll: Es waren Tage von unbeschreiblicher emotionaler Intensität. Die Musik hat die heikle Aufgabe, die Kirche in der Zeit des Wartens zwischen dem Ende eines Pontifikats und der Wahl des neuen Nachfolgers Petri zu begleiten. Wir bewegen uns vom andächtigen Schweigen der Sedisvakanz zur Freude des weißen Rauchs. Der Klang der Glocken, die die Wahl verkünden, und der erste Einzug des neuen Papstes in die Basilika sind Momente, in denen die Orgel zur Stimme der Kontinuität der Kirche werden muss. Es ist ihre Aufgabe, den Mann willkommen zu heißen, der berufen ist, der neue Stellvertreter Christi zu sein.
Frage: Papst Leo XIV. scheint etwas musikalischer zu sein als Papst Franziskus. Ist das ein gutes Zeichen für einen Kirchenmusiker?
Solé Coll: Einen Papst mit einer ausgeprägten musikalischen Sensibilität zu haben, ist eine große Ermutigung. Das ist nicht nur unsere Meinung, sondern steht auch klar in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils: Die sakrale Musik ist ein integraler und notwendiger Bestandteil der Liturgie, nicht nur eine bloße Verzierung. Einen Pontifex zu haben, der dieses Prinzip tief versteht, hilft der gesamten Bewegung, mit der gebührenden Würde zu wirken. Wie bereits erwähnt, wissen wir, dass Papst Leo gerne singt; im Übrigen lernen wir ihn noch kennen. Jede Feier ist ein Schritt vorwärts, um zu verstehen, wie seine Spiritualität mit unserem Dienst verflochten ist.
Frage: Gibt es einen deutschen Komponisten, der Sie inspiriert?
Solé Coll: Bei Deutschland denkt man sofort an Johann Sebastian Bach, aber angesichts meiner Rolle ist es unerlässlich, allen großen Komponisten, Organisten und Orgelbauern jeder Schule die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Tatsächlich biete ich in meinen Konzerten immer internationale Programme an, aber Bach fehlt nie. Eine seiner Kompositionen ist immer dabei, um das Programm zu eröffnen, das Thema vorzustellen oder zu umrahmen. Bachs Strenge und spirituelle Tiefe bleiben der unverzichtbare Leitstern für jeden, der an der Orgel der Liturgie dient.
Frage: Sie sind jetzt Organist im Petersdom und spielen regelmäßig für den Papst. Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft?
Solé Coll: Ich hoffe, dass die Orgel immer als lebendige Sprache erlebt wird. Ich habe schon immer den Wunsch gehegt, in Notre-Dame de Paris zu spielen, nicht nur wegen des ikonischen Instruments oder der Tradition der Improvisation und Orgelmusik, sondern auch wegen der dort gefeierten raffinierten Liturgie. Dort findet man die perfekte Vereinigung von künstlerischer Exzellenz und Ritual, wo Musik reines Gebet ist. Meine Hoffnung ist, dass jede Feier diese Synthese anstreben kann: Schönheit und Liturgie zu vereinen, um jede Seele durch die Evangelisierung der Kunst zum Göttlichen zu erheben.
Zur Person
Josep Solé Coll ist erster Organist des Petersdoms und als solcher besonders für die liturgischen Feiern des Papstes zuständig. Der gebürtige Spanier studierte unter anderem Klavier in Barcelona und Orgel am Päpstlichen Institut für Kirchenmusik in Rom. In der katalonischen Stadt Sabadell war er an unterschiedlichen Kirchen als Organist tätig, bevor er 2004 Mitarbeiter an der Päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore in Rom wurde. Von 2012 bis 2018 war er stellvertretender Titularorganist am Petersdom, 2021 wurde er zum Organisten für die liturgischen Feiern des Heiligen Vaters ernannt wurde. Neben seiner Tätigkeit in Rom übt er weltweit eine reiche Konzerttätigkeit aus.