Brief zeigt Theologie des Papstes

Papst Leos XIV. Idealbild eines Priesters – ehelos, arm, gehorsam

Veröffentlicht am 15.02.2026 um 12:15 Uhr – Von Ludwig Ring-Eifel (KNA) – Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Mehr als neun Monate nach seiner Wahl bleibt die theologische Ausrichtung von Papst Leo XIV. für viele ein Rätsel. Nun hat er zu erkennen gegeben, wie sein Priester- und Kirchenideal im 21. Jahrhundert aussieht.

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Noch immer gibt es keine Enzyklika aus der Feder des neuen Papstes. Das erste Lehrschreiben "Dilexi te" über die Liebe der Kirche zu den Armen war noch stark von den Vorgaben seines Vorgängers Franziskus geprägt und bewegte sich auf einem Feld, in dem Konservative und Fortschrittliche in der Kirche weitgehend einer Meinung sind. Doch nun hat Leo XIV. ein Schreiben verfasst, das tiefe Einblicke in seine Ekklesiologie, in sein Sakramenten-Verständnis und in sein Priesterbild gibt.

Der an die Priester des großen Erzbistums Madrid gerichtete Brief wurde vom Vatikan Anfang dieser Woche veröffentlicht. Anlass war ein Priesterkongress in Madrid mit dem Titel "Convivium", an dem rund 1.500 Geistliche teilnahmen. Im spanischen Hauptstadtbistum sind mehr als 2.000 Priester tätig. Das Erzbistum steht, wie alle großen spanischen Bistümer, noch unter dem Eindruck des langen Ringens zwischen Regierung und Kirche um die Entschädigungszahlungen im Missbrauchsskandal, das zu einer Aufgabenteilung zwischen Staat und Kirche geführt hat.

In seinem ungewöhnlich ausführlichen Grußwort von etwa vier Seiten Länge geht der Papst auf diese Debatte ebenso wenig ein wie auf die Straftaten von Priestern, die den Skandal verursachten. Stattdessen spricht er vom Grundsätzlichen des Priestertums und entwirft ein Idealbild der Geistlichen im 21. Jahrhundert, das einige Aufschlüsse über seine Theologie, aber auch über seine sehr kritische Sicht auf die Gegenwartskultur gibt.

Bekenntnis zum Zölibat

Darin bekennt er sich ohne Abstriche zu den klassischen Priester-Gelübden der Ehelosigkeit, der Armut und des Gehorsams und buchstabiert die Vision vom Priester als einem "Zweiten Christus" neu aus. Das tut er allerdings nicht im rückwärtsgewandten Traditionalisten-Modus. Vielmehr ruft er die Priester dazu auf, die aktuellen gesellschaftlichen "Herausforderungen und Möglichkeiten im Licht des Glaubens zu erkennen." Dazu gehörten "Säkularisierung, eine wachsende Polarisierung im öffentlichen Diskurs und die Tendenz, die Komplexität der menschlichen Person mit unangemessenen Ideologien und Kategorien zu reduzieren". In diesem Umfeld laufe der Glaube Gefahr, instrumentalisiert, banalisiert oder für irrelevant gehalten zu werden.

Michael Berentzen predigt beim Semesterabschlussgottesdienst im Dom
Bild: ©KSHG Münster (Symbolbild)

Papst Leo XIV. hält an der Vision vom Priester als einem "Zweiten Christus" fest.

Weiter diagnostiziert der Papst einen "tiefen kulturellen Wandel", dem die Verkünder der christlichen Botschaft Rechnung tragen müssten. Dazu gehöre das Verschwinden gemeinsamer Grundüberzeugungen. Anders als früher finde der christliche Glaube oft keinen fruchtbaren Nährboden in der Gesellschaft mehr vor. "Das Evangelium trifft heute nicht mehr bloß auf Gleichgültigkeit, sondern auf einen ganz anderen kulturellen Horizont, in dem die Worte nicht mehr dasselbe bedeuten."

Trotz dieser dramatischen Zeitdiagnose verfällt der Papst in seinem Brief nicht in Pessimismus, sondern verweist auf eine sich abzeichnende Trendwende, die er vor allem bei Jugendlichen ausmacht. "Die Verabsolutierung des Wohlstands hat nicht das erhoffte Glück erbracht; eine von der Wahrheit losgelöste Freiheit hat nicht die versprochene Fülle erzeugt; und der materielle Fortschritt war nicht in der Lage, die tiefe Sehnsucht im menschlichen Herzen zu füllen." In diesen Vakuum begännen viele Menschen, sich für eine ehrliche Suche zu öffnen. Wenn man sie darin "geduldig und mit Respekt" begleite, könne dieses Suchen erneut zu einer Begegnung mit Christus führen.

Ein postsäkulares Priesterprofil

Aus dieser Zeitdiagnose leitet der Papst dann das Anforderungsprofil des heutigen Priesters ab. Er müsse geprägt sein "nicht von Selbstreflexion und Resignation", sondern von "großzügiger Verfügbarkeit". Die Kirche brauche deshalb heute nicht Männer mit immer neuen Aufgaben und unter Erfüllungsdruck, sondern "Männer, die Christus ähnlich sind". Und weiter: "Es geht nicht darum, neue Modelle zu erfinden oder die uns überlieferte Identität neu zu definieren, sondern darum, das Priestertum mit neuer Intensität in seinem ganz authentischen Kern vorzuschlagen: ein zweiter Christus (lateinisch: alter Christus) zu sein".

Im zweiten Teil seines Briefes vergleicht der Papst dann die Geistlichen mit einer Kathedrale. Wie diese existierten auch die Priester nicht um ihrer selbst willen, sondern um Menschen zu Gott zu führen. Und auch hier gibt es spannende Details in dem Text. So schreibt der Papst: "Wenn wir die Schwelle erreichen, verstehen wir, dass es nicht passend ist, wenn alles hineingeht, weil es ein heiliger Raum ist. Die Schwelle markiert einen Übergang, eine notwendige Trennung. Vor dem Betreten wird etwas draußen gelassen. Das Priestertum wird ebenfalls auf diese Weise gelebt: in der Welt sein, aber nicht von der Welt. An diesem Scheideweg stehen Zölibat, Armut und Gehorsam; nicht als Verweigerung des Lebens, sondern als die konkrete Form, die es dem Priester erlaubt, ganz Gott zu gehören, ohne aufzuhören, unter den Menschen zu wandeln.

Zu den Sakramenten schreibt der Papst in dem Brief: "In den Sakramenten offenbart sich die Gnade als die wirklichste und wirkungsvollste Kraft des priesterlichen Dienstes." Die Priester sollten sich bewusst sein, "dass sich aus ihnen die wahre Kraft ergibt, welche die Kirche aufbaut und dass sie das letzte Ziel sind, auf das sich euer Dienst hin ausrichtet." Am Ende ruft er die Priester auf: "Seid Heilige".

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)