Heiliges Zeichen

Das Aschenkreuz zieht Frankreichs Jugend an

Veröffentlicht am 17.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Von Marco Benini – Lesedauer: 

Trier ‐ Pfarreien in Frankreich erlebten vergangenes Jahr zum Aschermittwoch einen völlig unerwarteten Zulauf – vor allem durch Jugendliche. Dieser "Hype" lässt über Wert und Bedeutung Heiliger Zeichen neu nachdenken.

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Im Jahr 2025 verzeichneten viele französische Pfarreien am Aschermittwoch mehr noch als schon im Vorjahr einen völlig unerwarteten Zulauf. Ein Pfarrer aus Valence berichtet, dass statt der üblichen 100 Personen 500 gekommen seien, darunter viele junge Menschen im Alter von 15 bis 25, die zum ersten Mal eine Kirche betraten. In Nîmes waren es etwa 1.000 Gläubige, davon 70 Prozent Jugendliche. So war es auch in Cannes, Fréjus und in den Pariser Pfarreien. Überall sprach man von einem "noch nie dagewesenen" Andrang. Ein archaisches Zeichen wie das Aschenkreuz zieht eine Generation an, die sonst eher mit dem Smartphone als mit Asche umgeht.

Grund dafür waren rund 4.000 TikTok-Videos, die innerhalb von drei Wochen geteilt worden waren. Auf der Plattform ist eine virtuelle Gemeinschaft gewachsen, in der sich junge Katholiken aus ganz Frankreich gegenseitig ermutigen. Auch dieses Jahr sind bereits viele solcher Fasten-Videos im Umlauf. Unter #Carême 2026 erklärt eine Jugendliche etwa in einem Video mit 45.000 Likes auf charmante und zugleich schlichte Weise, was die Fastenzeit ist. In einem anderen Video erzählt sie, wie das Aschenkreuz aufgelegt wird. Im Chat fragen Nicht-Getaufte, ob sie auch kommen dürfen, oder ob man während des Fastens trinken dürfe – offensichtlich eine Frage mit muslimischem Hintergrund. Der hohe Zuspruch zum Aschenkreuz hängt auch mit dem offen praktizierten Fasten im Ramadan zusammen, dessen Beginn in diesem wie bereits im letzten Jahr auf den Aschermittwoch fällt. Mehrere Jugendliche sagten: "Auch wir können etwas für Gott tun."

Warum sind die Jugendlichen da?

Ein französischer Priester schrieb vergangenes Jahr in der Zeitschrift "Communio": "Warum sind sie [die Jugendlichen] da? Auch das weiß ich nicht. Vielleicht, weil sie unglücklicher sind als die Generationen vor ihnen. Vielleicht, weil sie in Frankreich die erste Generation sind, die ganz ohne Gott und ohne jegliche religiöse Erziehung aufgewachsen ist. Vielleicht weil eben doch etwas fehlt, wenn Gott fehlt." Marco Gallo, Direktor des Institut Supérieur de Liturgie in Paris, der die oben genannten Zahlen eruiert hat, resümiert: "Sie kamen wegen der Asche, wegen des Fastens, wegen der Askese. Sie suchten das Kreuz. Diese Tatsache stellt unsere pastoralen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte ernsthaft in Frage." Die Taufanmeldungen Jugendlicher nehmen in Frankreich spürbar zu.

Sollten auch wir den Zeichen der Liturgie wieder mehr zutrauen? Bereits im Alltag schätzen wir "Zeichen der Verbundenheit"; Dinge, die Erinnerungen an einen lieben Menschen wachhalten; ein Mitbringsel aus dem Urlaub. All diese Zeichen weisen über sich selbst hinaus. Ebenso drücken heilige Zeichen der Liturgie eine menschliche Dimension aus und verweisen zugleich auf Gott oder machen seine Zuwendung zu uns erfahrbar.

Ein Priester mit einer Schale voller Asche
Bild: ©Corinne Simon/KNA (Symbolbild)

Die Asche drückt unsere menschliche Vergänglichkeit aus, so Marco Benini.

Die Asche drückt unsere menschliche Vergänglichkeit aus. Romano Guardini schrieb im noch immer lesenswerten Büchlein "Von heiligen Zeichen": "Alles wird zu Asche. [...] Die Hand, mit der ich schreibe, das lesende Auge, mein ganzer Leib. Die Menschen, die ich geliebt, die Menschen, die ich gehasst, und die Menschen, die ich gefürchtet habe. Was mir auf Erden groß erschienen ist, und was klein – alles Asche." Das traditionelle Begleitwort drückt das universell aus: "Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst." Es stammt aus Genesis 3,19, von Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies, aus dem Zustand des Lebens.

Doch die Asche wird uns im Zeichen des Kreuzes auf die Stirn gezeichnet, im Zeichen der Erlösung. Da Christus am Kreuz den Tod besiegt und den Weg zum Leben (Paradies) wieder aufgetan hat, verliert die Vergänglichkeit ihren Schrecken. Die Asche wird seit dem 12. Jahrhundert aus den Palmzweigen des vergangenen Jahres gewonnen, die "Zeichen des Lebens und des Sieges" sind (Segensgebet am Palmsonntag). Mit Blick auf die Ewigkeit verblassen manche Sorgen und Probleme, die jetzt so dringend erscheinen. Insofern kann das Aschenkreuz eine größere Gelassenheit geben und geradezu heilsam sein.

Das Aschenkreuz als bewusster liturgischer Akt

Außerdem steht die Asche biblisch für Umkehr und Buße. Der Ausdruck "in Sack und Asche Buße tun" stammt aus dem Alten Testament (etwa Esther 4,1.3; Daniel 9,3). Als Jona der Stadt Ninive die Zerstörung androhte, fasteten ihre Bewohner und der König "hüllte sich in ein Bußgewand und setzte sich in die Asche." (Jona 3,6). Das Aschenkreuz drückt auch die Ernsthaftigkeit aus, sich Gott wieder zuzuwenden und die heiligen Vierzig Tage bewusst zu begehen.

Diese Entschiedenheit zur Umkehr spiegelt auch die andere Formel wider, die das Messbuch seit der Liturgiereform an erster Stelle nennt: "Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15). Dieser Satz, mit dem Jesus seine Verkündigung begonnen hat, wird individuell zugesprochen. Die Formel zeigt: Zuerst ergeht der Ruf Jesu, der zur Umkehr mahnt, und dann folgen wir. Ebenso folgt der Aschenritus auf die Wortverkündigung, denn das Wort Gottes ruft zur Umkehr. Als zentrales Element am Aschermittwoch darf die Aschenausteilung auch Zeit in Anspruch nehmen. Das hilft allen zur Besinnung, was sie sich in der Fastenzeit besonders vornehmen wollen, was eventuell weggelassen und was intensiviert wird ("Minus und Plus"). So wird das Aschenkreuz zu einem liturgischen Akt, den wir bewusst setzen. Für die Jugendlichen in Frankreich, aber auch für uns selbst können wir hoffen, dass die Zeichen der Liturgie über die Feier hinauswirken und das Leben prägen.

Von Von Marco Benini

Der Autor

Marco Benini (*1982) ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Trier und Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier.

Veranstaltungshinweis

Am 14. März gestaltet Marco Benini für das Deutsche Liturgische Institut mit der Akademie des Bistums Dresden-Meißen den nächsten "Durchblick Liturgie" zum Thema "Heilige Zeichen: Riten – Symbole – Haltungen decodiert" (9.30 bis 13 Uhr). Die Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz lädt Interessierte und Kirchengemeinden dazu ein, online oder vor Ort an der Veranstaltung teilzunehmen. Anmeldung und Programm finden Sie über den Link.