Wie wird Ostern im Gefängnis gefeiert?

Pfarrer Michael Müller arbeitet seit 2020 als Gefängnisseelsorger im Bistum Trier. Er betreut die Justizvollzugsanstalt (JVA) Saarbrücken, die Justizvollzugs- und Jugendstrafanstalt in Ottweiler und deren Teilanstalt in Saarlouis. In Saarbrücken gibt es für insgesamt 650 Inhaftierte zwei Gottesdiensträume – einen in der Untersuchungshaft und eine Strafhaft-Kirche mit etwa 50 Sitzplätzen. Jeden Sonntag wird abwechselnd ein katholischer und evangelischer Gottesdienst gefeiert. Zusätzlich bietet Müller einen ökumenischen Gesprächskreis und seelsorgliche Gespräche an. Im Interview mit katholisch.de berichtet der 58-Jährige, wie er die Fastenzeit und Ostern im Gefängnis gestaltet, was die Inhaftierten rund um Ostern bewegt und wie sie auf die österliche Hoffnungsbotschaft reagieren.
Frage: Pfarrer Müller, die Fastenzeit vor Ostern beginnt mit Aschermittwoch. Haben Sie auch im Gefängnis das Aschekreuz ausgeteilt?
Müller: Wir haben tatsächlich vor zwei Jahren damit begonnen, an Aschermittwoch einen eigenen Gottesdienst mit Austeilung des Aschenkreuzes anzubieten, weil einzelne Inhaftierte sich das gewünscht haben. Unser Anstaltsleiter ist den kirchlichen Veranstaltungen sehr zugetan, deshalb hat er diesen zusätzlichen Gottesdienst ermöglicht, wofür ich sehr dankbar bin. Denn außerplanmäßige Gottesdienste sind immer schwer zu organisieren: Manche Gefangene sind dann noch am arbeiten oder besuchen andere Freizeitveranstaltungen. Sonntags ist das einfacher, weil parallel nichts anderes stattfindet.
Frage: Spielt die Fastenzeit eine Rolle im Gefängnis?
Müller: Im Haftalltag gibt es wenig, was das Jahr strukturiert. Jeder Tag – egal ob im Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – sieht gleich aus. Nur das Wetter und das Kirchenjahr geben Hinweise, in welcher Jahreszeit man sich befindet. Dahingehend sind der Advent und die Fastenzeit besonders wichtige Marker. In der Fastenzeit bieten mein evangelischer Kollege und ich im Wechsel jeden Mittwoch Passions- und Fastenandachten an – dadurch hebt sich diese Zeit auch gottesdienstlich vom Rest des Jahres ab.
Frage: Gibt es denn Gefangene, die fasten?
Müller: Nur sehr wenige Gefangene nehmen sich vor, körperlich auf etwas zu verzichten. Das liegt aber vor allem daran, dass die Haft ohnehin eine Zeit des Mangels ist – an Freiheit, aber auch an materiellen Dingen. Die meisten haben im Monat etwa 50 Euro zur Verfügung. Wenn davon noch Gebühren für die Miete und Nutzung eines Fernsehers abgehen, bleibt nicht mehr viel, um sich überhaupt etwas zu kaufen. Deshalb mache ich das körperliche Fasten in der JVA auch nicht wirklich zum Thema.
In der JVA Saarbrücken gibt es insgesamt 650 Inhaftierte.
Frage: In diesem Jahr sind der Beginn des Ramadans und der Fastenzeit auf den gleichen Tag gefallen. War das auch ein Thema?
Müller: Der Ramadan wird von relativ vielen muslimischen Gefangenen hier sehr ernst genommen und gepflegt. Das kam in unserer JVA-Messdienergruppe und in unserem ökumenischen Gesprächskreis zur Sprache. Die Gefangenen haben von sich aus bei den muslimischen Inhaftierten nachgefragt, was das Fasten für ihren Alltag bedeutet. So sind wir schnell beim christlichen Fasten und den inhaltlichen Kernpunkten der Fastenzeit gelandet: Umkehr, Reue, Vergebung und Versöhnung – alles Themen, die hier im Gefängnis sowieso an der Tagesordnung sind.
Frage: Inwiefern?
Müller: Immer wieder kommen Gefangene mit konkreten Themen und Fragen auf mich und meinen evangelischen Kollegen zu: Wie ist das eigentlich mit meiner Beziehung zu Gott? Habe ich bei Gott noch eine Chance, wenn Menschen mir keine Chance mehr geben? Kann ich für das, was ich getan habe, überhaupt Vergebung erwarten? Was kann ich tun, um ein anderer Mensch zu werden? Diese Themen lassen wir dann auch in die Gottesdienste einfließen. Das ist gerade in der Fastenzeit, in der es um Vergebung und Versöhnung geht, besonders naheliegend.
Frage: Was antworten Sie auf solche Fragen?
Müller: Also für uns – und ich spreche hier immer von uns, weil das genauso für meinen evangelischen Kollegen gilt – ist es wichtig, zunächst einmal genau hinzuhören, und ein Gespür dafür zu bekommen, was den Gefangenen bewegt. Denn oft ergeben sich solche Gespräche ganz nebenbei. Mich hat zum Beispiel einmal ein Gefangener gefragt, ob ich ihm dabei helfen kann, Kontakt zu jemandem aufzubauen, dessen Telefonnummer und Adresse er nicht mehr hat. Da habe ich natürlich gefragt, warum der Kontakt abgebrochen ist. Sowas kann dann ein Türöffner für tiefere Gespräche sein.
Frage: Welche Botschaft geben Sie den Gefangenen mit?
Müller: Uns ist es ganz wichtig, den Gefangenen zu vermitteln, dass sie nicht nur eine Vergangenheit haben, sondern dass es für sie auch eine Gegenwart und eine Zukunft gibt. Und dass es einen Gott gibt, der auf sie wartet und für den es nie einen Schlussstrich unter einem Leben oder einem Schicksal gibt. Ich kann an jedem Tag neu entscheiden, anders zu sein, als ich es gestern war. Das ist ein Gedanke, der den Gefangenen hilft – egal ob sie christlich sind oder nicht.
Frage: Wie setzt sich die Sonntagsgemeinde im Gefängnis denn zusammen?
Müller: Für alle gilt: jeder der möchte, kann zum Gottesdienst kommen – egal ob katholisch, evangelisch, orthodox, muslimisch, oder atheistisch. Es gibt natürlich einen Stamm an Gefangenen, die jeden Sonntag kommen, aber etwa 30 bis 40 Prozent der Gottesdienstbesucher wechseln von Woche zu Woche. Es kommen Suchende und Fragende oder welche, die einfach nur etwas Ruhe vom Haftalltag haben wollen. Dadurch ist das Spektrum an Menschen viel größer als in jeder christlichen Gemeinde. Aber egal aus welcher Kultur oder Religion sie stammen, die Fragen sind im Grunde die gleichen: Habe ich eine Zukunft? Gibt es für mich eine Chance, ein anderes Leben zu führen?
Frage: Führen diese verschiedenen Hintergründe zu Unruhen oder Konflikten bei den kirchlichen Angeboten?
Müller: Während der Gottesdienste eigentlich nicht. Das ergibt sich dann mehr unter der Woche, wenn ich Gefangenen begegne. Mich hat vor kurzem mal ein muslimischer Gefangener darauf angesprochen, dass Jesus für sie nicht der Sohn Gottes, sondern ein ganz besonderer Prophet ist. Darüber sind wir dann ins Gespräch gekommen. Was die Inhaftierten sonst noch an Fragen oder Themen aus den Gottesdiensten mitnehmen, besprechen wir in unseren ökumenischen Gesprächskreisen. Dort darf jeder seine Sicht der Dinge teilen, egal von welchem Standpunkt aus. Aber auch das läuft immer zivilisiert ab.
Frage: Fordert Sie eine solche Meinungsvielfalt als Seelsorger heraus?
Müller: In jedem Fall. Als Seelsorger lerne ich dort viel über andere Religionen oder Kulturen. Wo hat man sonst Berührungspunkte zu Buddhisten oder Salafisten? Aus diesen Begegnungen nehme ich etwas mit, gleichzeitig fordern sie mich natürlich auch – gerade, weil wir die Themen im Gesprächskreis nicht setzen, sondern sie sich im Gespräch entwickeln. Es geht darum, dass die Menschen mit ihren Fragen und Anliegen ernstgenommen werden und ihre Sicht der Dinge einbringen dürfen.
Frage: Das heißt auch Salafisten dürfen Ihre Meinung sagen?
Müller: Da muss ich als Seelsorger das Gespräch moderieren und klare Grenzen ziehen. Dass aus der Sicht eines Salafisten Frauen keine Rechte haben sollten und Juden minderwertig seien – sowas hat in unseren Gesprächsrunden keinen Platz. Gleiches gilt für Verschwörungstheorien von Reichsbürgern, die wir hier im Gefängnis auch haben. Unsere Toleranz endet bei extremistischem oder menschenfeindlichem Gedankengut. Mit dem Salafisten habe ich im Nachgang des Gruppentreffens noch einmal persönlich gesprochen und ihm nahegelegt, unseren Gesprächskreis zu verlassen. Das hat er dann auch getan.
Die Fenster in der Strafhaft-Kirche zeigen das Ostergeschehen: den Kreuzweg (l.), die Kreuzigung (m.) und den Ostermorgen (r.)
Frage: Wir sind ein wenig vom Thema abgekommen. Also zurück zu Ostern: Wie sehen die Feierlichkeiten ganz konkret aus? Gibt es eine Fußwaschung? Dafür wären Sie ja schon am richtigen Ort.
Müller: Eine ausführliche Gründonnerstagsliturgie kann bis zu zwei Stunden dauern, das wäre im Gefängnis undenkbar. Hier darf jeder Gottesdienst maximal 45 Minuten dauern. In diesem Rahmen ist eine Fußwaschung nicht möglich, obwohl ich sie gerade hier wichtig finden würde. Ich feiere also eine Heilige Messe so wie es der Rahmen erlaubt. Am Karfreitag ist dann mein evangelischer Kollege dran – allerdings am Vormittag. Eine Karfreitagsliturgie zur Sterbestunde Jesu würde die Gefangenen womöglich überfordern, deshalb finde ich es gut, dass mein Kollege diesen Tag übernimmt. Auch eine Osternacht gibt es nicht. Wir feiern dann erst wieder am Ostersonntag am Morgen eine Heilige Messe – sehr persönlich und schön gestaltet.
Frage: Wie viele Gefangene besuchen den Ostergottesdienst?
Müller: Als ich 2020 im Gefängnis angefangen habe zu arbeiten, konnten viele Gefangene mit Ostern nicht viel anfangen. Weil wir mittlerweile aber die Fasten- und Passionszeit besonders gestalten, ist das Interesse bei den Inhaftierten gewachsen. Mittlerweile haben wir genauso viele Gottesdienstbesucher an Ostern wie an Weihnachten. Von den 650 Inhaftierten kommen etwa 130 bis 140 Gefangene, auf zwei Gottesdienste verteilt.
Frage: Wie gestalten Sie den Ostergottesdienst?
Müller: Mir ist es wichtig, die Gottesdienste von herkömmlichen Sonntagen abzuheben. Da haben sich mit der Zeit kleine Zeichen und Rituale als Zugang zu den Menschen etabliert. Einmal habe ich zum Beispiel Wasser als Symbol des Lebens in den Fokus gestellt. Dann durften die Gefangenen ihre Hand ins Wasser eintauchen, damit sie merken: Ostern hat auch etwas mit mir zu tun. Ein anderes Mal habe ich eine Raupe mitgebracht – als Symbol für den Aufbruch – nicht für den Ausbruch, da muss man auch immer auf seine Wortwahl achten. Auch wenn die Raupe in ihrem Kokon wie tot wirkt, entsteht in ihr etwas Neues, etwas viel Schöneres und Großartigeres. Ein anderes Jahr haben wir vor Ostern die Osterkerze zusammen gestaltet und im Gottesdienst über Dunkelheit und Licht gesprochen, was Wärme und Geborgenheit bedeutet. Ich versuche also jedes Jahr eins der österlichen Symbole in den Fokus zu stellen.
Frage: Wie erleben die Gefangenen diese Gottesdienste? Bekommen Sie Rückmeldungen?
Müller: Gefangene sind die ehrlichste Gottesdienstgemeinschaft, die man haben kann. Wenn ihnen etwas nicht gefällt oder sie etwas nicht verstehen, nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Resonanzen zu den Ostergottesdiensten bekomme ich meist im Anschluss an den Gottesdienst oder in der Woche danach, wenn einzelne nach seelsorglichen Gesprächen fragen. Da merke ich dann schon, dass ich mit einigen Gedanken etwas in Ihnen ausgelöst habe. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass die Inhaftierten in den Ostergottesdiensten besonders aufmerksam sind. Ich denke, das hat viel mit unserer Gestaltung der Fastenzeit zu tun. Die Menschen merken, dass diese Zeit sie in besonderer Weise dazu einlädt, ihr Leben zu überdenken.