Der neue Vorsitzende Heiner Wilmer und sein Stil

Nach der DBK-Vollversammlung: Synodalität mit neuem Zungenschlag?

Veröffentlicht am 27.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Matthias Altmann – Lesedauer: 

Würzburg ‐ Bei seiner ersten Vollversammlung im Amt hat Heiner Wilmer Einblicke gegeben, wie er die Kirche in Deutschland als Vorsitzender der Bischofskonferenz prägen könnte. Aus Würzburg nimmt er wichtige Aufträge mit nach Rom.

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Er stelle sich eigentlich nur eine Frage: "Wie können wir das Evangelium weitergeben – so, dass die Menschen Trost finden, dass sie das Leben als getragen erfahren?", sagte Heiner Wilmer bei seiner ersten Abschlusspressekonferenz. Damit schlug er eine Brücke zu seinen ersten Sätzen im neuen Amt: Er wolle "Gott ins Zentrum stellen"; es müsse in der Kirche um den Einsatz für Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und darum gehen, "dass wir unseren Weg mit Gott gehen". Manche Journalisten konnten mit diesen Äußerungen nicht wirklich etwas anfangen und fragten sich, was das nun für den Reformweg der Kirche in Deutschland bedeute.

Vielleicht lässt es sich so sagen: Mit der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), die von Montag bis Donnerstag in Würzburg stattfand, hält womöglich ein neuer Zungenschlag in Sachen Synodalität Einzug – und das liegt nicht nur an der norddeutschen Sprachfärbung des am Dienstag frisch gewählten Vorsitzenden. Der Hildesheimer Bischof zeigte sich sachlich, diplomatisch und klar geistlich ausgerichtet – "mit dem Evangelium in der Hand und den Menschen im Blick". Und er machte deutlich, dass er hinter vielen Reformforderungen steht – dass ihm dabei jedoch die Einheit mit der Weltkirche und ihrem synodalen Prozess wichtig ist. "Keinen Sonderweg" gebe es in Deutschland, betonte er.

Wilmer hatte beim Synodalen Weg der Kirche in Deutschland zwar allen wesentlichen Papieren zugestimmt. Dennoch scheint er der Vermittler zwischen den Positionen zu sein, den sich die Mehrheit der deutschen Bischöfe offenbar gewünscht hat. In der Konferenz haben die Debatten um die Reformforderungen des deutschen Synodalen Wegs für Spannungen gesorgt, die so weit führten, das einzige Bischöfe ihre Mitarbeit am Prozess aufkündigten.

Vermittlerrolle

Mit seinen vielen geistlichen Reflexionen in seinen ersten Stellungnahmen dürfte Wilmer für den ein oder anderen das ansprechen, was in manchen Augen dem Synodalen Weg zu oft gefehlt habe: das Ganze unter eine grundsätzlichere, geistliche Perspektive zu stellen. Manche würden vielleicht "Evangelisierung" dazu sagen.

Der Hildesheimer Bischof galt schon im Vorfeld der turnusmäßigen Wahl bei der Würzburger Vollversammlung als aussichtsreicher Kandidat für den Posten, nachdem der bisherige Vorsitzende, der Limburger Bischof Georg Bätzing, angekündigt hatte, für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung zu stehen. Wilmer stand für viele Beobachter genau für diese Verbindung von Reformen und geistlicher Erneuerung. Entscheidend für Wilmer sprach zudem, dass er als früherer Generaloberer seines Ordens, der Herz-Jesu-Priester, eine lange weltkirchliche und vatikanische Erfahrung hat und Italienisch spricht – und somit in Rom manches deutsches Reformvorhaben gut ausbuchstabieren kann.

Der neu gewählte Vorsitzende nimmt die ihm zugedachte Vermittlerrolle an: Beim Abschluss am Donnerstag sagte er, er wolle Brücken bauen und Gräben zuschütten. Auch hier ist ein Gedanke für ihn leitend: "Die Einheit ist unser größtes Zeugnis", sagte er. Das dürfte nicht nur im Blick auf seine deutschen Mitbrüder, sondern auf alle Gläubigen gelten.

Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Im vergangenen Jahr war Bischof Wilmer schon beim Papst – in Rom gibt es jetzt erst recht viel für ihn zu bereden.

Was die Vermittlung deutscher Reformwünsche im Vatikan angeht, stehen für Wilmer in naher Zukunft bereits wichtige Nagelproben an. So kündigte er bei der Abschlusspressekonferenz an, in Rom für die Zustimmung zu einer neuen deutschen Predigtordnung werben zu wollen, die die Bischöfe beschlossen haben. Diese sieht vor, dass künftig qualifizierte und beauftragte Frauen und Männer in Messfeiern predigen dürfen – was bisher ausschließlich Priestern vorbehalten war. Bezug nimmt die neue Ordnung ausdrücklich auf einen Handlungstext des Synodalen Wegs. De facto werde die Predigt durch Laien in vielen deutschen Bistümern bereits praktiziert, sagte Wilmer. Aber auch hier wolle man in Einheit mit der Weltkirche bleiben.

Bei seiner geplanten Romreise hat der neue DBK-Vorsitzende einen weiteren zentralen Auftrag: die sogenannte Recognitio ad experimentum für die Satzung der Synodalkonferenz zu beantragen. In dem neuen Gremium sollen Bischöfe und Laien auf Bundesebene gemeinsam über wichtige kirchliche Zukunftsfragen beraten Beschlüsse fassen und gemeinsame Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Diskussionen verabschieden. Die Bischöfe stimmten der Satzung in Würzburg zu. Aufgrund des langen und intensiven Konsultationsprozesses mit den römischen Behörden gehen viele von ihnen davon aus, dass der Vatikan die Einrichtung der Synodalkonferenz probeweise erlauben werde.

Wilmer sieht auch die Synodalkonferenz in klarer Linie zur Weltsynode: Mit ihr sei ein Format entwickelt worden, das die Anliegen der Weltsynode ernst nehme "und in unserem Kulturkreis umsetzt, darunter die Impulse zu mehr Transparenz, Rechenschaft und Evaluation". Deshalb ist auch er optimistisch.

Politische Herausforderungen

Auf dem politischen Feld stehen für den neue Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz ebenfalls die ersten Bewährungsproben an. Die AfD greift in manchen Bundesländern nach der Regierungsmehrheit. Hier setzte Wilmer den bisherigen Kurs der deutschen Bischöfe klar fort: "Völkischer Nationalismus und menschenverachtende Parolen der AfD haben in der katholischen Kirche keinen Platz", bekräftigte er.

Bei der Vollversammlung hatte der Magdeburger Bischof Gerhard Feige vom Wahlprogramm der AfD für die im Herbst anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt berichtet. Er sieht in dem kirchenfeindlichen Programm eine Fortsetzung der Religionspolitik der DDR: Sie markiere die Kirchen als Feinde und denunziere sie. "Wir Bischöfe widersetzen uns den Bestrebungen des Populismus der AfD, die Kirche zu diskreditieren. Wir verwahren uns davor, unsere Themen gleichsam billig zu kopieren und in nationalistisches Denken und Handeln umzuwandeln", erklärte Wilmer. "Von Würzburg aus sage ich deutlich: Wehret den Anfängen! Und ich füge hinzu: Schützen wir unsere Demokratie!"

All das zeigt: Nicht nur innerkirchlich, sondern auch gesellschaftlich werden die Herausforderungen nicht geringer. Einerseits bleibt abzuwarten, wie sich Wilmers Stil – norddeutsche Bodenständigkeit gepaart mit missionarischem Elan – auf das Innenverhältnis der Kirche in Deutschland und deren Verhältnis zum Vatikan auswirken wird. Andererseits wird es eine bleibende Aufgabe sein, wie die Kirche sich in einer immer säkulareren Gesellschaft mit ihren Positionen zu wichtigen Themen Gehör verschaffen kann. Heiner Wilmer jedenfalls, soviel scheint nach den ersten Eindrücken von ihm als DBK-Vorsitzender klar, wird nicht nur das Evangelium "mit Frische, Schmackes und einer steifen Brise im Haar" verkünden wollen – sondern mit dieser Maxime auch in die Gesellschaft hineinzuwirken versuchen, trotz manchem Gegenwind.

Von Matthias Altmann