Theologe: Identitätsstiftung nicht Reaktionären überlassen

Angesichts steigender Taufzahlen in Frankreich warnt der Theologe Christian Bauer vor politischen und ideologischen Vereinnahmungen. Die Suche vieler junger Menschen nach Identität dürfe "nicht dem identitären Kirchenrand" überlassen werden – "und schon gar nicht den erstarkenden rechtsextremen Rattenfängern in der Politik", sagte der Pastoraltheologe dem Münsteraner Portal "Kirche und Leben" am Freitag.
Dabei spielten auch das Internet und sogenannte Christfluencer eine Rolle. Sie bedienten "in der aktuellen Konjunktur rechtsidentitärer Lebensmodelle bestimmte gesellschaftliche Mindsets besser als ein skeptisches, aber eben auch nicht autoritäres und klerikales, misogynes und homophobes Christentum, das man in den USA mit dem schönen Begriff 'middle-of-the-road-Catholicism' bezeichnet". Rechtskatholische Christfluencer gäben auf existenzielle Fragen junger Menschen "eine theologisch falsche Antwort".
Bauer: Differenziert auf Zahlen schauen
Die Taufzahlen in Frankreich selbst bewertet Bauer differenziert. "Es scheint mir weniger als ein nachhaltiges Revival, aber auch mehr als ein kurzfristiges Strohfeuer zu sein." Die Kirche erlebe dort "sehr begrenzt, aber doch auch sehr real 'Auferstehung in Ruinen'". Er verweist auf eine Beobachtung von Kardinal Jean-Marc Aveline: "Es gibt ältere Katholiken, die kennen die Kirche, haben aber Jesus noch nicht entdeckt. Und dann gibt es aber auch vermehrt neue Katholiken, die haben Jesus entdeckt – aber sie kennen die Kirche noch nicht. Was werden sie dort wohl finden?"
Mit Blick auf die Zahlen verweist Bauer auf unterschiedliche Ausgangslagen. Die Taufquote liege in Deutschland trotz Rückgangs höher als in Frankreich. Dort sei womöglich ein Level erreicht, "von dem aus es nur noch aufwärts gehen kann". Wichtiger sei jedoch das veränderte Kirchengefühl: "weg von einer still vor sich hinsterbenden Gemeinschaft, hin zu einer allmählich wachsenden." (KNA)