Der Theologie gehen die Leser aus – was tun?

Die Theologie in Deutschland leidet nicht nur unter sinkenden Studierendenzahlen, sondern damit verbunden auch unter einer erodierenden Publikations- und Debattenkultur. Will sie Resonanz zurückgewinnen, sollte sie noch mehr als bislang zeigen, wie spannend und relevant die von ihr geleistete Glaubensreflexion sein kann. Gesellschaftlich drängende Themen wie beispielsweise Einsamkeit und Anerkennung, Religion und Politik gibt es mehr als genug. Ziel sollte dabei sein, dass wieder mehr gelesen als geschrieben wird. Möglich ist das durchaus.
Katholische Theologie ist ein vielfältiges, überaus spannendes Studienfach. Biblische, historische, systematische und praktische Perspektiven kommen vor, außerdem die Philosophie. Man lernt, den eigenen Glauben in verschiedenen Perspektiven zu betrachten und ihn kritisch zu reflektieren. Wer sich ernsthaft auf das Fach einlässt, wird im Laufe des Studiums vielleicht manche Gewissheit verlieren, bestenfalls aber eine wohltuende Weite gewinnen. Nicht alles ist immer so eindeutig, wie man es sich selbst vorgestellt haben mag, ohne dass diese Einsicht gleich zu völliger Beliebigkeit führen müsste. Entscheidend ist vielmehr, nachvollziehbar für eine bestimmte Position und Lebenshaltung argumentieren zu lernen. Gerade dafür braucht es theologische Fakultäten und Hochschulen: als Orte, an denen der christliche Glaube wissenschaftlich verantwortet, kritisch geprüft und im Gespräch mit Philosophie und anderen Disziplinen begründet und diskutiert wird.
Der Resonanzraum geht allmählich verloren
Vor diesem Hintergrund ist der anhaltende Rückgang der Zahl der Magisterstudierenden in Deutschland in gleich mehrfacher Hinsicht bedrückend. Zum einen stellt sich die Frage, wer künftig in der Pastoral arbeiten und die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit begleiten soll. Zum anderen verändert sich die Atmosphäre bei Vorlesungen und Seminaren, wenn nur noch kleine Gruppen zusammenkommen. Der genannte Rückgang hat allerdings noch eine weitere, bislang zu wenig beachtete Konsequenz, nämlich für die Theologie als Wissenschaft. Schließlich geht der Resonanzraum für das Fach allmählich verloren.
Der Autor: Benjamin Dahlke ist seit 2021 Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und war Gastprofessor an der University of Notre Dame, USA. Zuvor lehrte der Paderborner Diözesanpriester an der Theologischen Fakultät Paderborn. Zu seinen Schwerpunkten gehört die Kirche in den USA. 2024 erschien sein Buch "Katholische Theologie in den USA".
Weniger Studierende bedeuten automatisch weniger potentielle Leser. Damit verschärft sich das Problem nochmals, dass das katholische Bildungsbürgertum zunehmend verschwindet. Schon jetzt liegt die Auflage der meisten Bücher im niedrigen dreistelligen Bereich. Von manchen Dissertationen, Habilitationen und Sammelbänden werden sogar weniger als 100 Exemplare verkauft. Sie erscheinen ohnehin nur, weil im Vorfeld teils erhebliche Druckkostenzuschüsse eingeworben wurden. Soll das Buch kostenfrei zum Abruf bereitstehen, also open access, sind weitere Zuschüsse erforderlich. Akademische Qualifikationsschriften und Sammelbände, die meist wissenschaftliche Tagungen dokumentieren, landen aber trotzdem vor allem in Universitäts- und Diözesanbibliotheken. Nur selten werden sie von einem interessierten Publikum für die persönliche Lektüre erworben.
Nur wenige theologische Bestseller
Mittlerweile finden aber auch Monografien zu einschlägigen Themen eher geringes Interesse. Verkaufszahlen von weniger als 400 Exemplaren sind längst keine Seltenheit. Es gibt kaum noch echte Bestseller, die mehrere Auflagen oder wenigstens Nachdrucke erfahren. Eine Ausnahme ist in diesem Zusammenhang etwa Jan-Heiner Tücks "Crux", eine elegant geschriebene Behandlung des Kreuzes. Ebenso selten stoßen Monografien noch echte theologische Debatten an. Positive Beispiele aus neuerer Zeit sind sicherlich Jan Loffelds viel diskutiertes Werk "Wenn nichts fehlt, wenn Gott fehlt" oder Michael Seewalds "Dogma im Wandel". Normalerweise landen Monografien allerdings in den Bibliotheken, von wo aus sie nur sporadisch den Weg zu Lesern finden.
Natürlich hat diese Entwicklung vielfältige Ursachen. Dazu zählt etwa eine veränderte Mediennutzung. So werden Blogs oder Nachrichtenportale im Internet inzwischen recht häufig und gerne besucht. Digitales verdrängt Gedrucktes, wobei Online-Beiträge selbstverständlich knapper ausfallen und Komplexität eher andeuten als aufbauen.
Außerdem sind die Zeiten schon lange vorbei, als in fast jedem Pfarrhaus (und bei vielen Religionslehrkräften) Karl Rahners "Schriften zur Theologie" oder Hans Küngs "Christ sein" im Regal standen. Trotzdem ist es für die Theologie als Wissenschaft ein Problem, wenn mehr geschrieben als gelesen wird. Setzt sich der Rückgang der Studierendenzahl weiterhin fort, muss man sich als Forschender und Lehrender deshalb nochmals ernsthafter fragen, für wen man nachdenkt, ringt – und schließlich schreibt. Sicherlich verfasst man Bücher, Artikel oder Beiträge immer auch für sich selbst.
Ehrliche Debatte über wissenschaftliches Publizieren nötig
Es geht darum, eigene Forschungsschwerpunkte zu bearbeiten oder manchmal sogar Antworten auf höchst persönliche Fragen zu finden. Der Anspruch sollte aber zugleich sein, in Gesellschaft und Kirche möglichst breite Wirkung zu erzielen. Schließlich kostet jede Seite, die am Schreibtisch entsteht, zahllose Arbeitsstunden; ganze Forschungsfreisemester werden auf Manuskripte verwendet. Damit geht es strukturell um den effektiven Einsatz knapper werdender Ressourcen; individuell um die für die Berufszufriedenheit so wichtige Selbstwirksamkeit. Welchen Resonanzraum hat die Theologie also heute und in Zukunft?
Ein leerer Hörsaal an einer Universität.
Innerhalb des Wissenschaftsbetriebs treibt dieses Thema viele um, obwohl es selten explizit zur Sprache gebracht wird. Das betrifft übrigens nicht nur Theologinnen und Theologen, sondern gleichfalls die Kolleginnen und Kollegen aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Sie sehen sich mit derselben Herausforderung konfrontiert. Aber ebenso ist bei ihnen eine gewisse Ratlosigkeit festzustellen, weil sich Lösungen für das beschriebene Problem nicht so einfach finden lassen. Gerade deshalb wäre eine ehrliche Debatte über das wissenschaftliche Publizieren unter den gegenwärtigen Umständen wichtig. Bei allen Herausforderungen gibt es in Deutschland ja durchaus einen lebendigen Buchmarkt, in dem fachlich fundierte Werke eine Chance haben. Insbesondere soziologische Bücher schaffen es immer wieder auf die Bestseller-Listen. So hoch muss die Messlatte für die Theologie eventuell überhaupt nicht sein (aber warum eigentlich nicht?). Es würde schon genügen, wenn mit viel Engagement geschriebene Werke reale Leser erreichten und bei ihnen etwas bewirkten.
Von der Wissenschaftskultur der USA lernen
Dass dies möglich ist, zeigt ein Blick in die Vereinigten Staaten. Dort stoßen theologische Neuerscheinungen, die relevante Themen behandeln, oft auf große, sorgfältig organisierte Aufmerksamkeit. Sie werden im Rahmen eines sogenannten book launch mit einigem Aufwand vorgestellt. Dabei reagieren Theologinnen und Theologen, die von anderen Universitäten oder Hochschulen kommen, auf die Neuerscheinung, indem sie sowohl Stärken als auch in konstruktiver Weise Schwachstellen benennen.
Der Verfasser bzw. die Verfasserin kann dann im Anschluss die eigene Sicht nochmals erläutern. Promovenden und sogar Studierende sind bei einem book launch normalerweise eingebunden. Hierdurch bekommen sie unmittelbar mit, welche Anstrengung es darstellt, eigene Gedanken präzise zu verschriftlichen. Das lehrt Demut. Zugleich können sie einen Eindruck davon bekommen, wie schön und bereichernd es ist, sich intellektuell anspruchsvoll mit dem christlichen Glauben zu befassen – ob nun in biblischer, historischer, systematischer oder praktischer Perspektive. Viele Studierende sind durch diese Erfahrung nochmals motivierter, zu lesen.
Entsprechend stößt theologische Literatur in den USA auf eine – im Vergleich zu Deutschland – erstaunliche Resonanz. Oftmals werden die Referate dieser Buchvorstellungen zusätzlich in wissenschaftlichen Zeitschriften dokumentiert. Damit erfährt intensive Arbeit eine besondere Würdigung.