Reformbestrebungen in den Niederlanden

Aus Euphorie in die Rebellion: 60 Jahre "Holländischer Katechismus"

Veröffentlicht am 01.03.2026 um 12:05 Uhr – Von Alexander Brüggemann (KNA) – Lesedauer: 
Vollversammlung des niederländischen Pastoralkonzils
Bild: © KNA

Utrecht ‐ Manche sagen, die liberalen Katholiken der Niederlande seien denen in Deutschland vorangegangen, was den Niedergang der Kirche betrifft. Vor 60 Jahren brach mit dem "Holländischen Katechismus" der Sturm los.

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Allein das Wort lässt schwarz-konservative Katholiken zornesrot werden: "Holländischer Katechismus". Die umkämpfte Neufassung dehnte die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) auf das Maximum aus – und brachte sogar einen Kardinal ins Visier Roms.

Die Reformen des Konzils waren in vielen Ländern der westlichen Welt der Startschuss für Neuerungen im Gottesdienst und in der Glaubensvermittlung. Was wohl von der Mehrheit der Katholiken als Erleichterung und Phase eines großen geistlichen Aufbruchs empfunden wurde, uferte mancherorts weit über die eigentlichen Leitplanken des Konzils aus. Nirgends war der Eifer dabei so groß wie in den Niederlanden. Der sogenannte Holländische Katechismus, dem am 1. März 1966, vor 60 Jahren, als "Nieuwe Katechismus" der Utrechter Kardinal Bernard Alfrink die kirchliche Druckerlaubnis erteilte, enthielt diverse Glaubenslehren, die im Vatikan die Alarmglocken schrillen ließen.

Der Bibelwissenschaftler Alfrink (1900-1987) war beim Konzil Mitglied des Präsidiums und einer der Wortführer des Reformflügels. Zu seinen unverrückbaren Überzeugungen gehörte das Bild einer kollegialeren, weniger zentralistischen Kirche. Insofern beförderte und begrüßte er den Demokratisierungsschub in der niederländischen Kirche, der bereits in den 1950er Jahren begonnen hatte.

Gottesdienst-Experimente

Damals hielten eigens dafür freigestellte Ordensgeistliche sogenannte Messwochen ab, in denen mit neuen Gottesdienstformen experimentiert wurde. Dadurch erhielten viele Laien aus niederländischen Gemeinden tiefere Kenntnis der lateinischen Messfeier, die vor dem Konzil weitgehend ohne Beteiligung des Kirchenvolkes zelebriert worden war. An einigen Orten bildeten sich sogenannte Experimentierzentren, die viele Besucher anzogen, so etwa 1959/60 die Studentenkirche in Amsterdam.

Auf diesen Experimenten wurde nun aufgebaut, als die Niederländische Bischofskonferenz im Herbst 1964 erste Richtlinien zum volkssprachlichen Gottesdienst im Zuge der Liturgiekonstitution des Konzils erließ. Allerdings schossen manche Gemeinden in ihrer Begeisterung teils weit über das Ziel hinaus.

Papst Paul VI. (1963-1978).
Bild: ©picture-alliance / dpa/Publifoto (Archivbild)

Papst Paul VI. setzte eigens eine Kardinalskommission zur Begutachtung des "Holländischen Katechismus" ein.

Von besorgten niederländischen Katholiken alarmiert, setzte Papst Paul VI. (1963-1978) eigens eine Kardinalskommission zur Begutachtung des Katechismus ein. Diese beanstandete schwerwiegende Irrtümer, vor allem in der Lehre über Christus, über die Kirche und über Gottes Schöpfung und die Nähe und Ferne Gottes. Viele der beanstandeten Passagen fußen in der französischsprachigen sogenannten Nouvelle Theologie, einer wichtigen kritischen Denkströmung seit den 1930er Jahren.

Unterdessen entwickelten sich das inkriminierte Werk und seine Übersetzungen zu einem internationalen Verkaufsschlager. Seine Ablösung vom jahrhundertealten Frage- und Antwortspiel des kindlichen Katechismus-Unterrichts und das Ausgehen vom erwachsenen Menschen wurden weithin als willkommene Neuerung aufgenommen. 1968 erschien im Freiburger theologischen Verlag Herder auch eine deutsche Ausgabe der "Geloofverkondiging voor volwassenen" – samt einer beigefügten "Erklärung der Kardinalskommission über den Neuen Katechismus".

Zölibat und Pille

Der Konflikt um den Katechismus markiert den Auftakt der sogenannten nachkonziliaren Krise in der katholischen Kirche. Noch weiter ging freilich das niederländische Pastoralkonzil (1966-1970), das bald in offene Rebellion gegen Rom umschlug und unter anderem die Freigabe des Priesterzölibates und der Pille forderte. Paul VI. hatte Alfrink noch im Vorfeld der Abstimmung aufgefordert, ein römisches Lehrschreiben zu verlesen und damit die vatikanische Linie vorzugeben. Doch der Bischofskonferenz-Vorsitzende wollte der Kirchenversammlung selbst die Entscheidung überlassen – und hielt still.

Der Vatikan steuerte massiv dagegen, indem seit 1970 die Bischofsstühle im Land mit konservativen Kandidaten besetzt wurden, um so die kirchliche Rebellion zu ersticken beziehungsweise zurückzudrängen. 1975 wurde Adrianus Simonis Nachfolger Alfrinks. Die innerkirchliche Uneinigkeit, ja Spaltung zwischen Konservativen und Liberalen ging mitten durch die einzelnen Gemeinden – und auch sie war nirgends in Europa so stark wie hier.

Die starke Entkirchlichung der Niederlande gerade seit den 1970er Jahren steht außer Frage. Ob sie trotz oder wegen der überbordenden Reformbestrebungen nach dem Konzil erfolgte, darüber darf man bis heute weiter trefflich spekulieren.

Von Alexander Brüggemann (KNA)