Kontemplatives Beten – Was bringt die Stille?

Einmal in der Woche lädt Schwester Nicola Maria Schmitt aus Stuttgart alle Interessierten ein, eine Stunde zu beten – und zwar nach einer besonderen Methode. Sie bietet kontemplatives Beten an. Bei diesem Mix aus Schweigen, Meditation und Gebet hat sie viel über sich selbst, aber auch ihre Gottesbeziehung gelernt. Wie man so betet und was sie und andere daran reizt, erzählt sie im Interview mit katholisch.de.
Frage: Schwester Nicola, was bedeutet überhaupt Kontemplation?
Schwester Nicola: Kontemplatives Beten ist ein wortloses, inneres Beten. Man öffnet sich für die göttliche Wirklichkeit in einem selbst. Im achtsamen Wahrnehmen vernehme ich in mir eine Stimme und diese Stimme ist Gott. In der Kontemplation lernt man, sie zu hören. Mir hilft dabei die Vorstellung, vom Modus des Tuns in den Modus des Seins zu kommen. Und so lässt sich dann eine Beziehung zu Gott aufbauen.
Frage: Wie funktioniert das?
Schwester Nicola: Um vom Tun ins Sein zu kommen, helfen gewisse Rituale. Ich fange zum Beispiel an, meine Schuhe auszuziehen – wie es auch in der Bibel beschrieben ist, als Moses am brennenden Dornenbusch steht und Gott zu ihm sagt: Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, an dem du stehst, ist heiliger Boden. Es folgen Körperwahrnehmungsübungen. Ich versuche meinen Leib von den Fußsohlen bis zum Scheitel bewusst wahrzunehmen. Dann kann das Gebet beginnen.
Frage: Anders als bei anderen Gebeten wird dabei ja nicht gesprochen, oder?
Schwester Nicola: Genau. Es ist ein Gebet im Schweigen. Denn durch diese äußere Stille um einen herum und das innere Schweigen komme ich erst in diese empfindliche Haltung, in der ich mich beschenken lassen kann. Erst durch das Schweigen können diese feinen Nuancen der Stimme Gottes erfahrbar werden.
Sich im Alltag einen ruhigen Moment zum Gebet zu nehmen, fällt vielen schwer.
Frage: Was kann ich mir unter der Stimme Gottes vorstellen?
Schwester Nicola: Das ist eine Erfahrung, die man nicht oft geschenkt bekommt. Man muss sich darauf einlassen, die Geistkraft in einem selbst wahrzunehmen und sich auch überraschen zulassen, was Gott einem schenken will. Vielleicht hilft ein Beispiel, um das zu verdeutlichen: Ein Kind, das gerade erst laufen gelernt hat, durchstreift ein Wieser voller Gänseblümchen. In dem Meer voller Blumen bleibt es vor einer stehen und staunt einfach nur. So ein kindliches Staunen kann die Kontemplation hervorrufen.
Frage: Sie bieten einmal in der Woche ein offenes kontemplatives Gebet in Stuttgart. Warum?
Schwester Nicola: In den vielen Gesprächen, die ich in meiner Arbeit in der Citypastoral führe, ist mir aufgefallen, dass viele eine gewisse Sehnsucht beschreiben. Sie verlieren sich in den Anforderungen des Alltags. Diese Menschen suchen nach einer Anleitung, wie sie sich zurückholen können – um ihre Gefühle aber auch Gott wieder wahrzunehmen.
Frage: Wie läuft so ein Treffen ab?
Schwester Nicola: Wir beginnen mit fünf Minuten Körperwahrnehmungs- und Atemübungen. Wir öffnen uns mit einem stillen persönlichen Gebet für die Zeit mit Gott. Dann setzen wir uns hin – egal ob auf einen Stuhl oder in den Lotussitz. Hauptsache ich kann zur inneren und äußeren Ruhe kommen. Darauf folgt ein Impulssatz. Zum Beispiel "Wer hat mich berührt?" (vgl. das Evangelium von der blutflüssigen Frau). Nach diesem Impulssatz beginnt die Stille mit einem Gongschlag. Nach 25 Minuten ertönt der Meditationswecker – das Zeichen ein paar Runden im Raum zu gehen. Nach etwas Bewegung kann dann die nächste stille Zeit von 25 Minuten beginnen. Zum Schluss singen wir noch ein Lied oder ich spreche einen Segen. Wir beenden die Stunde mit einer Verneigung im Stehen.
Frage: Was bringt es denn als Gruppe in Stille zu sein, wenn man eh nicht miteinander redet?
Schwester Nicola: Wenn man versucht alleine still zu sein, wird das mit der Zeit mühsam. Ich lasse mich oft von etwas anderem in Beschlag nehmen und rede mir ein, morgen mache ich es dann richtig. In der Gruppe fällt es mir viel leichter, mich immer wieder aus meinen Gedanken zurückzuholen und tiefer zu sammeln. Die Stille ist viel größer, wenn alle gemeinsam schweigen. Das macht auch die Spiritualität von kontemplativen Orden aus – die Stille trotz Gemeinschaft hat eine ganz besondere Ausstrahlung.
„Die Stille ist viel größer, wenn alle gemeinsam schweigen.“
Frage: So eine Stille auszuhalten, stell ich mir schwer vor. Was sind denn typische Anfängerfehler beim kontemplativen Gebet?
Schwester Nicola: Fehler gibt es nicht. Das gehört zur kontemplativen Haltung dazu, sich eben aus diesem ständigen Bewerten rauszunehmen. Denn in einer Beziehung – und auch in einer Gottesbeziehung – gibt es kein Richtig und Falsch, sondern ein echtes Interesse am anderen, eben Liebe. Wenn ich im Stillsein bemerke, dass meine Gedanken abdriften, kann ich versuchen mich zurückzuholen. Das Ziel ist wieder das Jetzt wahrzunehmen und da hilft uns die Sensorik. Ich kann wahrnehmen, wie mein Atem in genau diesen Moment in mich einströmt und wieder ausströmt. Mir hilft es, alle Sinne, die mein Leib erfahren kann, zu fokussieren.
Frage: Wer interessiert sich denn für ein solches Angebot?
Schwester Nicola: Es sind ganz unterschiedliche Menschen. Die meisten sind in der Altersgruppe 50 plus, aber vereinzelt kommen auch jüngere. Viele haben bereits während Exerzitien Erfahrung mit der Gebetsform gemacht und wollen diese Methode in ihren Alltag verankern. Ich glaube, viele suchen für ihr Gebet einen Raum außerhalb der eigenen Wohnsituation – weil eben nichts ablenkt.
Frage: Wem würden Sie empfehlen, das kontemplative Gebet auszuprobieren?
Schwester Nicola: Jeder Person, die die Sehnsucht hat, sich auf diese Erfahrung einzulassen. Beim Wechseln vom eigenen Tun in das Sein, macht man nichts. Alles, was dann kommt, wird einem geschenkt. Viele fragen sich nach der Kontemplationszeit, was ihnen denn jetzt geschenkt wurde. Diese Ungewissheit muss man aushalten können. Manchmal braucht man ein paar Tage, um zu verstehen, was in der Stille geschehen ist.
Frage: Was für eine Bedeutung hat diese Form der Spiritualität für Ihr Glaubensleben?
Schwester Nicola: Für mich ist es ein Heilungsweg. Ich kann mich bei dem Gebet von meinem Atem begleiten, quasi einschaukeln lassen und lauschen "Du in mir – ich in dir" oder "Jesus – Christus", so erlebe ich meine Gottesbeziehung. Das hat mir gezeigt, dass ich so wie ich bin, genau richtig bin. Gott liebt mich, obwohl ich ständig an mir etwas zu kritisieren habe. Diese Erkenntnis hat mich verändert. Ich bin mehr und mehr zu mir selbst gekommen. Es ist ein Reifungs- und Heilungsweg – zu mir selbst, aber vor allem auch zu Gott hin.