Kirche vor Herausforderungen

Dogmatiker Tück: Wer nicht an Gott glaubt, glaubt nicht an nichts

Veröffentlicht am 04.03.2026 um 12:42 Uhr – Lesedauer: 

Augsburg ‐ Viele Menschen glaubten heute nicht mehr das, was die Kirchen ihnen vermitteln, sagt der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück. Zugleich mache sich ein weiteres Phänomen bemerkbar.

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Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück sieht eine große Vielfalt an Dingen, an die Menschen heute glauben. Das sei oft nicht mehr das, was die Kirchen ihnen vermittelt hätten, sagte er in einem Interview mit der "Augsburger Allgemeinen" am Dienstag. "Wer nicht an Gott glaubt, glaubt nicht an nichts, sondern an alles Mögliche", so Tück. Auf diese Weise würden Idole produziert – ganz egal, ob es sich um Sex, Gesundheit, Ansehen, Geld oder Luxus handele.

Zugleich sorgt laut Tück ein anderes Phänomen für Aufmerksamkeit: Die Kirchen müssten sich derzeit mit religiöser Indifferenz auseinandersetzen. Das bedeute, dass Menschen glücklich und zufrieden sein könnten, ohne an Gott zu glauben. Theologen müssten das ebenso zur Kenntnis nehmen wie die religiöse Pluralität. Zudem nehme der Anteil jener zu, die agnostisch oder auch entschieden atheistisch seien. Für die Kirchen sei dies, so Tück weiter, eine große Herausforderung.

Neues Interesse am Christentum

Auf die Frage, was das gesellschaftlich bedeute, da sich viele Werte aus dem Christentum speisten, nannte Tück die Zehn Gebote und das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. "Das hat auch bei denen einen hohen Wert, die den Kirchen heute distanziert gegenüberstehen", so der Dogmatiker. Doch die Kirche sei mehr als nur eine Moralagentur.

Angesichts eines wachsenden Sinnvakuums zeige sich jedoch ein neues Interesse am christlichen Glauben bei der jungen Generation – etwa in Frankreich. Langsam komme dies auch nach Österreich und Deutschland. Darauf sei man, so Tück, jedoch nicht gut vorbereitet. Die jungen Menschen interessierten sich weniger für kirchliche Strukturreformen als für den Glauben an sich. Hier sollte die Kirche "kluge kreative Sinnangebote aus dem großen Schatz der Glaubenstradition" in die Gesellschaft einbringen. (KNA)