Der bekannte Jesuit im Interview mit katholisch.de

James Martin: Hilfskellner-Job lehrte mehr Mitgefühl als Predigten

Veröffentlicht am 26.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

New York/Bonn ‐ Er ist nicht nur als LGBTQ-Seelsorger bekannt – sondern auch als Autor. Sein neustes Buch ist eine Autobiografie über seinen Werdegang. Im katholisch.de-Interview spricht der Jesuit James Martin zudem über Papst Leo XIV.

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In den vergangenen Jahren ist der US-Jesuit James Martin vor allem durch seine Seelsorge für LGBTQ-Katholiken bekannt geworden. Neben seiner pastoralen Arbeit schreibt er regelmäßig für die Jesuitenzeitschrift "America" und die Online-Plattform "Outreach", die sich speziell an queere Katholiken richtet. Auch als Autor ist er erfolgreich: Mehrere seiner Bücher wurden in den USA zu Bestsellern. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt 2017 "Building a Bridge", in dem er die Kirche zu einem respektvolleren Umgang mit homosexuellen Menschen aufrief. Das Buch löste lebhafte innerkirchliche Debatten aus, wurde aber zugleich von zahlreichen Kirchenvertretern ausdrücklich gelobt – unter ihnen Kardinal Joseph Tobin, Erzbischof von Newark. Auch Papst Franziskus zeigte wiederholt seine Wertschätzung für Martins Arbeit. Er holte ihn etwa als Berater in das vatikanische Kommunikationsdikasterium. Vor kurzem erschien Martins neustes Buch, seine Autobiografie unter dem Titel "Work in Progress" – in dem er mit Witz und Charme über seinen Werdegang erzählt – vor allem aber über den Eintritt in den Jesuitenorden. Katholisch.de hat mit dem Jesuiten darüber gesprochen – und was Papst Leo XIV. für die USA bedeutet.

Frage: Pater Martin, Sie haben oft über Ihren Weg zu den Jesuiten gesprochen. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie über Ihre Kindheit und die Sommerjobs, die Sie während Ihrer Jugend hatten. Für Sie, der Sie aus einem Arbeiterhaushalt kommen und später in den Jesuitenorden eingetreten sind – was hat sich für Sie am tiefgreifendsten verändert?

Martin: Am tiefgreifendsten verändert hat sich mein Leben dadurch, dass es stärker auf Gott ausgerichtet wurde. Meine Eltern waren beide katholisch (meine Mutter ist tatsächlich erst vor wenigen Wochen gestorben), aber wir waren nicht besonders religiös. Erst als ich den Jesuiten beitrat, nachdem ich die Arbeit in der Geschäftswelt als unbefriedigend empfunden hatte (zumindest für mich), begann sich mein Leben wirklich zu verändern. Tatsächlich sehe ich mein Leben in zwei Hälften: vor dem Eintritt in den Jesuitenorden und nach dem Eintritt.

Frage: Was haben Sie diese frühen Jobs über Arbeit, Würde und Glauben gelehrt, das Ihr Priestertum bis heute prägt?

Martin: "Work in Progress" erzählt von meiner Arbeit in verschiedenen Jobs, die damals typische Sommerjobs für einen Jungen oder Teenager waren: Hilfskellner, Geschirrspüler, Caddy, Platzanweiser im Kino und Kellner sowie Fabrikarbeiter, Bankangestellter und vieles mehr. Die wichtigsten Lektionen, die ich gelernt habe, handelten davon, hart zu arbeiten, pünktlich zu sein, jeden mit Respekt zu behandeln und vor allem nicht gemein zu Menschen zu sein. In dem Buch, das größtenteils leicht und humorvoll geschrieben ist, beschreibe ich einige Erfahrungen, bei denen ich während meiner Arbeit in einfachen Jobs respektlos oder sogar grausam behandelt wurde. Diese Erfahrungen haben mich im Handumdrehen gelehrt, wie wichtig Freundlichkeit ist. Tatsächlich glaube ich, dass ich aus ein paar Momenten der Demütigung als Hilfskellner mehr über Mitgefühl gelernt habe als aus einem Jahr voller Predigten.

Frage: Mit der Zeit sind Sie durch Bestseller über Spiritualität, öffentliche Vorträge und Ihren Dienst an LGBTQ-Katholiken weithin bekannt geworden. Unter Papst Franziskus erhielt dieser Dienst klare Unterstützung. Wie würden Sie die Atmosphäre jetzt unter Papst Leo XIV. beschreiben?

Martin: Ich hatte die Ehre, einige Monate nach seiner Wahl Zeit mit Papst Leo im Apostolischen Palast zu verbringen. Und die Botschaft, die ich gehört habe, war, dass er den Ansatz von Papst Franziskus der Offenheit und Inklusion fortsetzen möchte. Natürlich hat er auch andere sehr drängende Themen auf seiner Agenda: Kriege auf der ganzen Welt und viele Herausforderungen innerhalb der Kirche. Aber mein Treffen mit ihm hat mir große Hoffnung und Trost für die seelsorgliche Hinwendung der Kirche zu LGBTQ-Katholiken gegeben.

„Tatsächlich glaube ich, dass ich aus ein paar Momenten der Demütigung als Hilfskellner mehr über Mitgefühl gelernt habe als aus einem Jahr voller Predigten.“

—  Zitat: James Martin

Frage: Während des Pontifikats von Papst Franziskus gab es in den Vereinigten Staaten bemerkenswerten Widerstand, besonders von eher konservativen Mitgliedern des Klerus. Sehen Sie, dass Papst Leo XIV. aktiv versucht, diese inneren Spannungen zu entschärfen?

Martin: Zunächst einmal müssen wir uns an den häufig geäußerten Wunsch des Heiligen Vaters nach Einheit erinnern. Sein päpstliches Motto lautet: "Im Einen sind wir eins." Und Einheit und Gemeinschaft sind wichtige Themen in der augustinischen Spiritualität. Daher ist Einheit ein wichtiges Ziel für Papst Leo, wenn es um die ganze Kirche geht, nicht nur in den USA. Aber ich sehe bereits, dass er in der Kirche der Vereinigten Staaten auf sehr unterschiedliche Menschen zugeht – von progressiven bis zu traditionellen. Und ich glaube, dass es in der katholischen Kirche in den USA ein großes Verlangen nach Einheit gibt. Niemand will Spaltung – zumindest niemand, den ich kenne. Deshalb denke ich, dass viele amerikanische Katholiken auf Leo schauen, um zu helfen, die Kirche zusammenzuführen. Und mit dieser Unterstützung glaube ich, dass er es schaffen kann.

Frage: Es gab eine breite Debatte, nachdem Papst Leo beschlossen hatte, den 4. Juli auf Lampedusa zu verbringen, statt an Veranstaltungen zum 250-jährigen Jubiläum der Vereinigten Staaten teilzunehmen. Sehen Sie darin eine symbolische politische Geste oder vor allem einen Ausdruck seines pastoralen Fokus auf Migranten und humanitäre Anliegen?

Martin: Ich sehe darin keinen Kommentar zum bevorstehenden 250-jährigen Jubiläum der Gründung unseres Landes. Nein, es ist eher ein Ausdruck seiner Sorge um die Armen und die Ausgegrenzten, die seit Beginn seines Pontifikats sichtbar ist. Wir müssen immer daran denken, dass dies ein Papst ist, der den Armen nahesteht und 20 Jahre lang als "missionarischer Bischof" in einer armen Diözese in Peru tätig war. Wenn wir uns das vor Augen halten, können wir seine Handlungen besser verstehen.

Frage: US-Bischöfe haben die harte Behandlung von Migranten kritisiert. Reicht es aus Ihrer Sicht, sich zu äußern – oder was kann und sollte die Kirche darüber hinaus konkret tun?

Martin: Die US-Bischofskonferenz hat in dieser Frage hervorragende Arbeit geleistet und geholfen, die Diskussion über Migration in den Vereinigten Staaten zu führen. Und das sind nicht nur Worte: Viele Bischöfe haben Haftzentren besucht, sind bei Protestmärschen mitgelaufen und haben Migranten auf andere sichtbare und konkrete Weise unterstützt – und sie haben Priester, Ordensleute und Laien in ihren Diözesen ermutigt, dasselbe zu tun. Die katholische Kirche in den USA stand Migranten immer nahe – nicht nur, weil die Aufnahme des Fremden Teil der Botschaft des Evangeliums Jesu ist, sondern auch, weil die Vereinigten Staaten ein Einwanderungsland sind.

Jesuit James Martin in Rom. Im Hintergrund: der Petersdom.
Bild: ©KNA/Francesco Pistilli

Vor kurzem erschien Martins neustes Buch, seine Autobiografie unter dem Titel "Work in Progress" – in dem er mit Witz und Charme über seinen Werdegang erzählt.

Frage: Wie beurteilen Sie derzeit den Zustand der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten – spirituell, kulturell und politisch?

Martin: Das ist eine große Frage! Ich würde sagen, dass sie insgesamt gesund ist, auch wenn sie sich natürlich noch von den Missbrauchsskandalen erholt. Aber die Wahl eines Papstes aus den Vereinigten Staaten hat den Katholiken in meinem Land einen enormen Auftrieb gegeben. Und alle fragen mich: "Wann kommt er in die USA?" Und natürlich muss ich sagen: "Ich habe keine Ahnung."

Frage: Welchen Unterschied macht es Ihrer Meinung nach für die katholische Kirche in den USA, einen Papst zu haben, der selbst Amerikaner ist?

Martin: Es macht einen enormen Unterschied. Zunächst einmal ist dies der erste Papst seit Menschengedenken, dessen Muttersprache Englisch ist. Schon allein den Papst in unserer Muttersprache sprechen zu hören, ist eine radikale Veränderung. Im Grunde bringt es den Vatikan den Menschen in den USA näher – und das bedeutet, dass es die Kirche den Menschen näherbringt, und das wiederum bringt Gott den Menschen näher. Außerdem sind Amerikaner begeistert von den vielen Verbindungen, die sie zwischen ihrem eigenen Leben und Papst Leo finden – ob sie aus Chicago kommen, an der Villanova University studiert haben oder wie er einen gemischten ethnischen Hintergrund haben. Außerdem ist es nun unmöglich geworden, päpstliche Kritik an der US-Politik – etwa in Bezug auf Migration – mit dem Argument abzutun: "Der Papst versteht die Vereinigten Staaten nicht", wie es manchmal über Papst Franziskus gesagt wurde. Deshalb sehe ich darin vor allem eine große Chance.

Frage: Und Herausforderungen?

Martin: Eine mögliche Herausforderung könnte sein, dass Amerikaner erwarten, dass er sich zu jeder politischen Entwicklung in den USA äußert – was natürlich nicht seine Aufgabe ist. Insgesamt sehe ich die Wahl von Papst Leo XIV. jedoch als einen großen, ja historischen Segen für die Kirche in den Vereinigten Staaten.

Von Mario Trifunovic