Trotz Widerständen keine Resignation

Pfarrbeauftragte: Glaube ist für mich revolutionärer geworden

Veröffentlicht am 31.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Börger ‐ Anfangs wurden gegen sie Unterschriften gesammelt, Priester lehnten sie ab – doch Pfarrbeauftragte Doris Brinker hat nicht aufgegeben. Das hat auch etwas mit ihrem Glauben gemacht, erzählt sie im katholisch.de-Interview.

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Seit Ende 2021 leitet Doris Brinker die Pfarreiengemeinschaft St. Barbara im Bistum Osnabrück. Das war nicht immer einfach, als Frau und als Laiin in einer Führungsposition hatte sie einige Widerstände zu überwinden. Im Interview erzählt Brinker dennoch davon, wie der Glaube trotz des patriarchalen Systems Kirche Menschen guttun kann.

Frage: Frau Brinker, Ende des Jahres werden Sie seit fünf Jahren Pfarreileiterin sein. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Brinker: Je länger ich diesen Leitungsjob mache, desto mehr wird mir klar, dass Vieles von den Leuten abhängt, mit denen ich zusammenarbeite. Da ist man beim Bistum aufmerksamer geworden in Sachen Personalauswahl. Vor einiger Zeit wurde ein Priester hierher versetzt, der das Leitungskonzept des Bistums nicht anerkannt hat und somit mit mir als Vorgesetzter nicht klargekommen ist. Er war der Ansicht, dass immer die Meinung der Priester, egal ob Pastor oder Pfarrer, über der der anderen Mitarbeiter steht, ganz im Sinne von: "Nicht die Meinung der Leitung zählt, sondern meine Meinung". Das war eine sehr bittere Erfahrung. Ich hatte zwar ein Bistum und einen Bischof, der klar hinter mir gestanden und sofort interveniert hat, aber ich habe auch direkt klar gemacht: "Ich kann dieses Modell hier nicht aufrechterhalten, wenn die Kollegen, insbesondere die vor Ort eingesetzten Priester, damit nicht umgehen können."

Frage: Gibt es immer noch eine Grundspannung zwischen Priestern und Laien in Leitungspositionen?

Brinker: Das liegt eher an den einzelnen Mitarbeitenden. Wir haben gerade einen jungen Priester hier, mit dem es hervorragend läuft und der froh und dankbar ist, bei einer Frau in der Leitung mitarbeiten zu können. Insgesamt läuft es im Pfarrteam mit einem Diakon, zwei Gemeindereferentinnen, einem Priester und mir sehr gut, weil ich das Pastoralteam nicht als Mitarbeitende sehe, sondern als Team auf Augenhöhe. So ähnlich ist es auf Dekanatsebene. Wenn wir uns als Pfarreileiter treffen, sind da überwiegend Pfarrer – und ich werde voll akzeptiert.

Frage: Funktioniert das denn an der Basis: Werden Sie als Chefin angenommen oder fragt man doch eher nach dem "Herrn Pfarrer"?

Brinker: Bei den Gremien war das nicht das Problem. Doch am Anfang hat es hier eine kleine Gruppe von Gemeindemitgliedern gegeben, die mit dieser Umstellung schlecht umgehen konnten und sogar eine Unterschriftenaktion gegen mich als Pfarrbeauftragte gestartet haben. Das war bitter für mich und ich konnte nur sehr schlecht damit umgehen. Da ist auch vor Ort in den Gemeinden viel Unruhe entstanden, bis der Bischof das mit einem Bevollmächtigten ins Lot gebracht hat. In dieser Zeit haben Menschen in meiner Anwesenheit von mir in der dritten Person gesprochen und gesagt: "Wenn diese Frau mich beerdigt, dann kratze ich ihr die Augen aus." Das hat mich sehr gekränkt und mir einige schlaflose Nächte bereitet. Ich habe da gelernt: Eine kleine Gruppe kann eine große Irritation bewirken. Das hat mir viel Kraft gekostet. Sonst spüre ich aber eine große Akzeptanz. Die Menschen sehen nicht die Frau in mir, sondern die Seelsorgerin, die nicht Chef spielen muss und auch mal andere entscheiden lässt. Viele lassen mich spüren, dass sie sich ernst genommen fühlen. Wir brechen hier zusammen die altbackene Kirche auf.

Bild: ©Elke Grote

"Die Menschen sehen nicht die Frau in mir, sondern die Seelsorgerin, die nicht Chef spielen muss und auch mal andere entscheiden lässt", sagt Doris Brinker.

Frage: Sind Sie in ihrer Amtszeit selbstverständlicher geworden oder sind Sie weiter der Paradiesvogel im System?

Brinker: Im Emsland und insbesondere hier auf dem Hümmling bin ich immer noch die Besondere. Die entscheidenden Posten in Haupt- und Ehrenamt auch außerhalb der Kirche sind mit Männern besetzt. Die Leute akzeptieren mich als Person – als Frau bin ich aber weiter die absolute Ausnahme.

Frage: Als Sie Ihr Amt angetreten hatten, haben Sie gesagt, Sie wünschen sich eine andere Form von Leitung und Mitbestimmung. Ist Ihnen das gelungen, das System zu ändern?

Brinker: Allerdings. Bevor ich hier die Leitung übernommen habe, habe ich mit dem Pfarrer vor Ort in geteilter Leitung gearbeitet. Der Pfarrer hat hier in der Region noch eine besondere Stellung in seinem Leitungsamt. Mir war es wichtig, die Gremien stärker mit einzubinden und habe sie immer wieder gefragt: Was tut euch gut? Damit mussten sie sich dann erstmal auseinandersetzen. Die waren vorher gewohnt, nur zu fragen: Wie sollen wir es machen? Da hat sich also die Perspektive geändert. Die einzelnen Gemeinden konnten auf sich und ihre Gläubigen schauen: Wo ist die Fronleichnamsprozession gut besucht, wo gehen nur Leute über 80 mit und schaffen die lange Strecke nicht mehr? Dass die Menschen nun mitreden und mitentscheiden dürfen, hat hier viel Positives bewirkt. Das ist einfach auch die Zukunft der Kirche. Bei immer weniger werdendem Personal müssen wir schon heute die Gemeinden darauf vorbereiten, möglichst eigenständig und selbstständig zu werden und zu bleiben. Bei immer weniger Ehrenamt ist das allerdings eine große Herausforderung.

Frage: Wie hat sich durch dieses neue Führungsmodell das Klima in der Pfarrei geändert?

Brinker: Es ist femininer geworden. Vorher gab es hier fast nur Männer in den leitenden Positionen, da ging es auch schonmal ruppig zu. Ich bin da ruhiger und in der Sprache auch anders. Es geht weniger nur um Verwaltung, sondern auch um Gefühlslagen. Diese "andere Art" der Leitung hat auch andere Frauen aktiviert. Ich habe hier sogar eine ernsthafte Anfrage einer Frau für das Diakonat, eine Ehrenamtliche aus unserer Pfarrei. Diese Frau hat sich mir gegenüber geöffnet und ihre Berufung eindringlich und glaubhaft geschildert. Mich hat diese Berufungsgeschichte sehr angerührt. Wenn unser Bischof da mal mitgeht, wäre das eine der ersten Frauen, die Diakoninnen werden könnte.

„Ich traue mich, politisch zu predigen. Denn das Evangelium ist ganz klar politisch.“

—  Zitat: Doris Brinker

Frage: Wenn es um die Rolle der Frau geht oder gar um die Rolle von Laien in pfarrlichen Leitungspositionen generell, hat der Vatikan immer wieder Stoppschilder aufgestellt. Haben Sie da nicht immer wieder mit den Beschränkungen des Systems Kirche zu kämpfen?

Brinker: Ich mache immer wieder Grenzerfahrungen dieser patriarchalisch geprägten Kirche. Das liegt nicht an den Kolleginnen und Kollegen hier vor Ort, inklusive der Priester, sondern am System an sich. Da wird Frauen nicht zugetraut, auch das Letzte noch tun zu können. Ich habe durchaus Kolleginnen, die das trifft, dass sie nicht die heilige Messe feiern können – mich trifft das nicht. Dennoch werde ich immer dafür kämpfen, dass es in unserer Kirche darum geht, den Menschen zugewandt zu sein und aus der Eigen- und Nächstenliebe heraus das Abbild Jesu darzustellen. Dann ist es egal, ob Mann oder Frau, homo oder hetero – dann brauchen wir die Vielfalt! Sonst sterben wir aus.

Frage: Die ehemalige Gemeindeleiterin in Illnau-Effretikon in der Schweiz, Monika Schmid, war in einer sehr ähnlichen Situation. Sie wurde dadurch bekannt, dass sie in einer Eucharistiefeier die Einsetzungsworte gesprochen hatte und deshalb vom Bistum Chur verwarnt wurde. Haben Sie auch schonmal gemacht? Sie könnten es ja einfach tun.

Brinker: Mich würde davon abhalten, dass ich Leute damit vor den Kopf stoßen würde. Das würde ich nicht übers Herz bringen. Aber kleine Funken gab es schon, die hier bereits für Irritationen gesorgt haben: Ein Paar wollte kirchlich heiraten, aber explizit bei mir, weil wir uns schon aus vorherigen pastoralen Anlässen kannten und weil sie meine Mitarbeiterin ist. Wir haben dann einen Segensgottesdienst gefeiert – ohne Blick auf die von Vatikan vorgesehenen Minutenvorgaben, sondern genauso feierlich, wie das Paar es wollte. Das sind Grauzonen. Aber ich mache das nicht, um diese Macht zu haben, sondern damit ich die Sehnsucht der Menschen erfüllen kann.

Frage: Hat sich durch Erlebnisse wie diesen auch Ihr persönlicher Glaube über die Zeit verändert?

Brinker: Glaube ist für mich revolutionärer geworden. Auch politischer. Ich traue mich, politisch zu predigen. Denn das Evangelium ist ganz klar politisch. Ich bin heute viel stärker in der Gesellschaft verankert. Ich habe zwei Jahre dafür gekämpft, dass wir hier eine neue Kita bekommen: Gegen die Überzeugung der politisch verantwortlichen Männer. Dass ich da was bewirken kann, dass wir mehr auf unsere jungen Familien und die Kinder schauen, das ist mir nun klarer als früher. Ich habe da eine Leidenschaft entwickelt, zu kämpfen. Mir ist bewusst geworden, wie viel wir als Kirche den Menschen geben und wie sehr wir das Zusammenleben besser machen können.

Von Christoph Paul Hartmann