Schwester Anne Kurz über das Sonntagsevangelium

Wie kann ich Gott in meinem Leben sehen?

Veröffentlicht am 14.03.2026 um 09:30 Uhr – Lesedauer: 
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Hildesheim ‐ Im Sonntagsevangelium bringt Jesus einem Blindgeborenen Licht und Heilung. Schwester Anne Kurz meint, dass heutzutage alle Menschen "blindgeboren" sind und sich auf die Suche nach dem Licht machen müssen. Aber wie?

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Es wird dunkler in den Abschnitten aus dem Johannesevangelium, die uns in diesen Wochen durch die österliche Bußzeit begleiten. Letzten Sonntag war von Durst, Müdigkeit und zerbrochenen Beziehungen die Rede. Heute haben wir es mit Sünde, Blindheit und Verblendung zu tun. Kommenden Sonntag wartet die Begegnung mit Trauer und Tod auf uns. Die Dunkelheit des menschlichen Lebens ist real. Genau dorthin geht Jesus und sucht die Menschen auf. In all diesen Szenen zeigt er sich als Leben, Licht und Freund. Er sucht das Gespräch und schenkt Beziehung.

Scheinbar zufällig fällt der Blick auf den Blindgeborenen. Unterwegs sieht Jesus ihn. Sein Schicksal beschäftigt die Jünger. Sie suchen nach einer Erklärung. Ist die Blindheit des Mannes eine Strafe Gottes, die seinen Eltern oder ihm selbst gilt? Es wäre sehr einfach und sehr schrecklich, das zu bejahen. Jesu Antwort ist eine andere: "Die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden."

Das eröffnet Zukunft und Hoffnung. Allerdings muss man diese Werke sehen können – das ist nicht leicht. Sie sind weniger offensiv und eindeutig, als wir es wünschten – damals wie heute. Wie kann ich das, was ich sehe, mit Gott in Verbindung bringen? Fliehende Familien, getötete Zivilisten, getroffene Menschen. Wie kann ich Gott in meinem Leben sehen? Wir brauchen und suchen Licht. Für einen nächsten Schritt, für ein nächstes Gespräch.

Auch die Gruppe der Pharisäer möchte sehen: Wer ist dieser Jesus von Nazareth? Ein Faktencheck bringt keine Eindeutigkeit: Dass Jesus den Blindgeborenen heilen konnte, spricht dafür, dass Gott mit ihm ist. Aber er hat einen Teig angefertigt und damit den Sabbat gebrochen – mit dem Verhalten kann er kein Mann Gottes sein. Richtig und falsch sind ihm nicht eindeutig zuordbar. Das macht sie ärgerlich, das spaltet sie.

Im Laufe der Handlung und Gespräche zeigt sich, dass die Pharisäer verhärtet und verblendet sind. Sie halten fest an ihrer Sicht von Gott. Ein Gott, der mit Krankheit straft und die Schuld der Eltern an den Kindern rächt. Sie halten an ihrem tadellosen Selbstbild fest. Ihr Blick auf den Blindgeborenen ist eindeutig: Er ist "ganz und gar in Sünden geboren". Sie interessieren sich nicht für das Glück der Heilung. Sie lassen ihre Sicht nicht los, lassen sich nicht ein. Sie bleiben blind für das, was diese Situation zu bieten an.

Blind sind nicht nur Pharisäer. "Blindgeboren" ist eine Diagnose für das Menschengeschlecht. Keiner versteht alles. Keine hat die Wahrheit gepachtet. Niemand hat immer Recht. Den eigenen Blick weiten zu lassen, kann im Gespräch geschehen. In Momenten der inneren Einkehr können uns neuer Tiefenschichten bewusst werden. Synodal als Lerngemeinschaft unterwegs zu sein, hilft, um die Augen auch für Herausforderndes zu öffnen, Spannungen auszuhalten und auf die Werke Gottes zu vertrauen. Glaube, Hoffnung und Liebe machen uns zu Sehenden. Er ist da, der mit uns spricht.

Evangelium nach Johannes (Joh 9, 1–41)

In jener Zeit sah Jesus unterwegs einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?

Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schilóach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.

Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? Einige sagten: Er ist es. Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es.

Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schilóach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte sehen.

Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich.

Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen.

Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann sagte: Er ist ein Prophet.

Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des von der Blindheit Geheilten und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sieht?

Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. Wie es kommt, dass er jetzt sieht, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen!

Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Christus bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst!

Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe.

Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?

Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt.

Der Mensch antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er.

Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. Wenn dieser nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.

Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube? Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es.

Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.

Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

Die Autorin

Anne Kurz ist Schwester der Gemeinschaft Verbum Dei. Sie ist Referentin für Liturgie im Bistum Hildesheim, Geistliche Begleiterin und Supervisorin in Ausbildung.

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