"Taufboom" in einzelnen Ländern

Theologin: Erwachsene Getaufte haben es in der Kirche schwer

Veröffentlicht am 27.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Erfurt ‐ In Ländern wie Frankreich oder Belgien lassen sich aktuell mehr Erwachsene taufen als früher. Das hat auch mit Krisen zu tun, sagt die Pastoraltheologin Maria Widl im katholisch.de-Interview. Zudem mahnt sie Probleme an.

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Gibt es einen "Taufboom" bei Erwachsenen? Länder wie Frankreich oder Belgien berichten von einer wachsenden Zahl an interessierten Menschen, die sich taufen lassen wollen. Dahinter stecken Entwicklungen in der Welt und der Gesellschaft, sagt die emeritierte Erfurter Pastoraltheologin Maria Widl. Im katholisch.de-Interview spricht sie über Beweggründe und Anschlussprobleme in der Kirche.

Frage: Frau Widl, besonders in Frankreich und Belgien steigen die Zahlen an Erwachsenentaufen. Wie erklären Sie sich das?

Widl: Wir leben in einer Zeit der Krisenerfahrungen, von denen sich viele Menschen überfordert fühlen. Da stellt sich für manche Menschen die Frage, wie sie damit umgehen sollen. Die einen fallen Populisten in die Arme, die ihnen vormachen, dass es für alles einfache Lösungen gäbe. Dieser Rechtsruck lässt sich in vielen Ländern beobachten. Die anderen wenden sich dann erstmals oder wieder dem Glauben zu. Das kann klassisch kirchlicher Glaube oder ein selbst zusammengebautes Glaubenskonstrukt sein. Wer dann ein Interesse am Glauben entwickelt, braucht Phasen des Glaubenserlebens oder Anlasspunkte, damit sich diese Verbindung verstetigen kann. So ein Punkt kann etwa sein, dass zwei Menschen kirchlich heiraten wollen, von denen aber nur einer getauft ist. Da hängt es von der Intensität der Kirchenbindung des Partners ab, ob da ein größeres Interesse für Glauben entstehen kann. Wer nur noch aus familiärer Bindung Kirchenmitglied ist, gibt da auch weniger den Glauben weiter.

Frage: Wie können denn Ansatzpunkte aussehen, bei denen es auch wirklich um den Glauben an sich geht?

Widl: Seit Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg" hat das Pilgern einen neuen Aufwind erfahren – und da geht es ja ganz direkt um religiöses Erleben. Natürlich gehen auch viele Leute diese Wege nur aus touristischen Gründen, um sich selbst zu finden oder als sportliche Herausforderung. Wer aber länger unterwegs ist, will nicht nur vom Alltag Abstand nehmen, sondern auch von den Alltagsroutinen – mit dem Ziel, sich selbst zu finden. Die Suche nach sich selbst liegt heute stark im Trend. Individualität wird heute hochgeschätzt – ebenso hoch sind die Glückserwartungen an das Leben. Es geht also wesentlich um Selbsterfahrung: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was fehlt mir zum Glück? Nicht umsonst gehen viele Menschen auf Wallfahrt, wenn sie gerade in einer Umbruchsituation im Leben sind, etwa Scheidung, Burnout, andere Krankheiten oder den Beginn der Rente. Wer dann bei einer Wallfahrt in Berührung mit Glaube und Kirche kommt – etwa in Form der Wallfahrtsseelsorge oder durch Gespräche mit Mitpilgern – stellt sich oft auch die Frage nach dem eigenen Glauben. Wer dann etwa nach einem Austritt wieder in die Kirche eintritt, will nicht in sein altes Glaubensleben zurück, sondern verspricht sich davon dann einen Neubeginn.

Frage: Welche Grundlagen für das Phänomen der Erwachsenentaufen gibt es noch?

Widl: Besonders in Ländern wie Frankreich ist die Selbstverständlichkeit von Babytaufen ganz massiv zurückgegangen. Diese Säkularität ist die Voraussetzung für Erwachsenentaufen. Wo die volkskirchliche Normalität herrscht, gibt es keine Erwachsenen mehr, die sich taufen lassen könnten. Wo die aber nicht mehr herrscht, gibt es Taufen in ganz verschiedenen Lebensaltern: Manche Kinder lassen sich taufen, weil sie mit ihren Klassenkameraden zur Kommunion gehen wollen. So einen Effekt gibt es dann auch nochmal bei der Firmung. Da spielt auch eine gelungene Schulseelsorge eine Rolle, die Kindern einen Weg zu sich selbst und zum Glauben ermöglicht. Danach kommen dann die diversen Lebenskrisen, in denen die Leute dann immer mal wieder dazu tendieren, sich taufen zu lassen – bis hin zu Leuten auf dem Sterbebett.

Maria Widl
Bild: ©Universität Erfurt

Maria Widl ist Professorin für Pastoraltheologie und Religionspädagogik an der Universität Erfurt

Frage: In Deutschland gibt es verglichen mit Frankreich oder Belgien bislang keinen flächendeckenden Anstieg an Erwachsenentaufen. Woran liegt das?

Widl: So viel ich weiß, gibt es dazu weder Zahlen noch Studien. Für die katholische Kirche muss man leider sagen, dass die Stimmung nicht zuletzt wegen der Missbräuche, sehr schlecht ist. Wer dazu gehört, muss sich dafür eher rechtfertigen, als dass man darauf stolz verweisen könnte. Zudem zeigt die neue ökumenische Kirchenmitgliedschaftsstudie (KMU 6 von 2023), dass Menschen sich auch dann nicht der Gemeinde anschließen wollen, wenn sie im Zuge von z.B. Taufe oder Hochzeit sehr gute Erfahrungen gemacht haben, was sowohl die Begegnung mit den Seelsorgern als die ästhetische Gestaltung des kirchlichen Familienfestes angeht. Der kirchliche Alltag scheint diesen Menschen ohne persönlichen Mehrwert zu sein.

Frage: In vielen Ländern – so auch in Deutschland – lässt sich beobachten, dass Hochpunkte der Erwachsenentaufen in städtischen Zentren liegen, wo die Bevölkerungszusammensetzung besonders vielfältig ist und auch der Islam sichtbarer ist als auf dem Land. Welche Rolle spielt da also eine Identitätsfrage, auch in Abgrenzung zu Muslimen?

Widl: Die Muslime sind die gläubigste Gruppe in Mitteleuropa – nicht unbedingt in Sachen Glaubenspraxis, aber in der Relevanz der eigenen Religion für die individuelle Identitätskonstruktion. Wer also in Kontakt mit Muslimen kommt, kann sich die Frage stellen: Denen ist ihr Glaube so wichtig – was gibt es denn in meiner Religion? Sollten wir als Christen nicht deutlicher wissen, wer wir sind? Besonders bei Anlässen wie dem Ramadan können solche Situationen entstehen. Es kann aber dann auch sein, dass sich dann jemand dem Islam zuwendet.

Frage: Sie sagten, wer sich (wieder) dem Glauben zuwendet, will damit einen Neubeginn wagen. Welche Folgen hat das im kirchlichen Alltag?

Widl: Wer sich wegen einer selbst gefundenen inneren Überzeugung taufen lässt, hat oft das Problem, dass er nicht weiß, wo er hingehört. Denn eine normale Gemeinde teilt diese Erfahrungen und diesen Suchweg nicht. Wenn solche Leute durch ihren Taufweg mit Geistlichen Gemeinschaften oder Bewegungen in Kontakt kommen, dann kann das funktionieren – denn auch die können mit der traditionellen Gemeinde nichts anfangen. Die Neugetauften wollen, dass ihre Taufe in ihrem Leben einen Unterschied macht. Doch da in der Pfarrgemeinde alle sowieso schon seit Lebensbeginn getauft sind, stellt sich diese Frage dort nicht. Zudem hat die moderne christliche Gläubigkeit viele Traditionen abgewählt, etwa in Sachen Fasten. Wer also wirklich sein Leben durch den Glauben verändern will, hat es schwer.

„Ein zentrales Problem ist, dass die Kirche die vergangenen 50 Jahre fast alle Mittel in die Gemeinden gesetzt hat. Das war damals gut so, funktioniert heute aber nicht mehr.“

—  Zitat: Maria Widl

Frage: Werden durch mehr Erwachsene Getaufte Gemeinschaften und Bewegungen also stärker?

Widl: Da würde ich mich so definitiv nicht festlegen. Bewegungen zeichnet aus, dass sie oft eine Hochzeit haben, dann nach einer gewissen Phase auch wieder verschwinden oder auf kleinem Niveau weiterbestehen. Das hängt auch von charismatischen Persönlichkeiten ab. Das gilt ja für viele Formate: Wo charismatische Seelsorger sind, kommen die Leute – auch in Gemeinden. Diese Kreise funktionieren in einer gewissen Konstellation, sind aber schlecht darin, neue Leute aufzunehmen. Das gilt für Gemeinden generell: Sie wurden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) betont und sind ob ihrer Konstruktion nicht darauf ausgelegt, neue Leute aufzunehmen, sondern die Menschen von der Geburt bis ins Grab mitzunehmen. Diese Problematik gibt es immer noch – lediglich in großen Städten wurde das Konzept gezielt geöffnet, um eine Willkommenskultur für Menschen zu etablieren, die wegen der in der Stadt vorhandenen größeren Fluktuation vorbeikommen. Da braucht es schon Gemeinden, bei denen die Neugetauften zum Selbstbild gehören.

Frage: Was müsste die Kirche denn tun, um neu hinzugekommene Gläubige besser aufnehmen zu können?

Widl: Ein zentrales Problem ist, dass die Kirche die vergangenen 50 Jahre fast alle Mittel in die Gemeinden gesetzt hat. Das war damals gut so, funktioniert heute aber nicht mehr. Es fließen 95 Prozent der Mittel in ein Angebot, das maximal fünf Prozent der Gläubigen nutzen. Das ist ein großes Missverhältnis. Sogenannte Sonderseelsorge wird gern als erstes eingespart, dabei sind es gerade solche Formate, die bislang weniger Gebundene anziehen. Dazu kommt ein Anspruchsdenken von den eng Gebundenen in den Gemeinden, die einfach ein gewisses Set an Angeboten haben wollen, weil es das schon immer gab. Da fallen Einsparungen schwer. Zusätzlichen machen geschlossene Kirchen und Großpfarreien die Identifikation schwer. Dabei brauchen wir Angebote, die auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen: Sie wollen sich nicht langfristig binden, sondern mal vorbeischauen und im Ernstfall auch nach zehn Minuten wieder gehen können. Selbst wenn es ihnen gefällt, wollen sie sich nicht auf Jahre engagieren. Das ist einfach die Mentalität.

Frage: Das bedeutet, die wachsenden Zahlen der Erwachsenentaufen werden die allgemeine Tendenz zur Säkularisierung nicht umkehren?

Widl: Gegenwärtig nicht. Aber unsere Zeit entwickelt sich so schnell, Kontinuitäten werden so schnell gebrochen – da lässt sich kaum etwas vorhersagen. Sagen lässt sich nur: Es werden immer weniger Babys getauft, die Austrittszahlen sind hoch. Aber diese Dynamik wird aufhören, bis nur noch Leute in der Kirche sind, die damit auch wirklich etwas anfangen können. Was danach kommt, wissen wir nicht. Dafür wirken darauf zu viele Faktoren ein und können Dynamiken in Gang setzen. Wer weiß: Vielleicht sorgen die zahlreichen Kriege und Krisen ja für einen neuen Schub an Gläubigkeit.

Von Christoph Paul Hartmann