Ordensfrau: "Mit allem was ich bin, gehöre ich Gott"
Sie ist Seelsorgerin, Pastoralreferentin und Geistliche Begleiterin – und präsentiert das neue Video-Format "Innehalten am Mittag" im Youtube-Kanal "Gebetsraum" von katholisch.de. Als Ordensfrau der Congregatio Jesu verspricht Schwester Magdalena Winghofer CJ einen besonderen Gehorsam gegenüber dem Papst. Davon spricht die Ordensfrau aus Hannover im Interview. Und sie erklärt, warum es wichtig ist, sich jeden Tag auf Gott hin auszurichten.
Frage: Schwester Magdalena, was möchten Sie mit Ihren Video-Impulsen bei den Menschen bewirken?
Schwester Magdalena: Der Mittagsimpuls lädt dazu ein, eine kleine Pause mitten am Tag zu machen, um mich auf Gott hin auszurichten. Die Impulse sollen eine Hilfe und Anleitung sein: Ich unterbreche das, was ich gerade tue. Ich schaue zurück, was bisher war, und nehme wahr, was innerlich gerade in mir ist. Und ich frage, wo Gott seinen Platz darin hatte. Natürlich lässt sich das in ein bis anderthalb Minuten nicht umfassend machen. Deshalb wähle ich für jeden Tag einen bestimmten Fokus, einen Aspekt aus, zu dem ich den Impuls gestalte. Aber ich bin überzeugt: Wenn ich immer wieder übe, meinen Alltag zu unterbrechen, anzuschauen und Gott darin zu suchen, dann bekommt Gott einen größeren Platz in meinem Leben. Diese Impulse sind also ein kleines Aufmerksam-Werden für Gott im Alltag, wie eine Mittagspause mit Gott.
Frage: Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Impulse am Mittag?
Schwester Magdalena: Ich orientiere mich dabei an den Tageslesungen, die aus der Bibel sind. In den Bibeltexten ist das ganze Leben abgebildet. Ich lese die Texte, höre in sie hinein. Und ich nehme die Menschen in den Blick, an die sich die Impulse richten. Ich stelle mir vor, wer das dann konkret hören könnte und in welche Situationen ich das reinspreche. Und dann achte ich darauf, wo sich Bibeltext und Alltag miteinander verknüpfen und welche Botschaft darin liegt. Meinen Impuls schließe ich jeweils mit einem kurzen Gebet ab. Ganz bewusst kommt am Ende kein persönlicher Wunsch für den weiteren Tag – denn damit würde ich die Aufmerksamkeit der Zuschauenden auf mich lenken. Es geht aber nicht um mich, sondern um Gott und seine Gegenwart im Leben der Menschen. Deshalb beende ich das "Innehalten am Mittag" mit dem "Amen".
Frage: Machen Sie mittags eine Pause für Gott?
Schwester Magdalena: Oh, da bin ich kein gutes Vorbild darin, mittags eine Pause zu machen. Eigentlich ist in der ignatianischen Spiritualität, in der ich lebe, diese Gebetsform wichtig; der heilige Ignatius empfiehlt sie für mittags und abends. Mittags schaffe ich das meistens nicht. Abends tue ich mir da schon leichter, wenn ich den Tag abschließe und nochmals zurückschaue. Auch morgens nehme ich mir Zeit mit Gott in der Stille, es bereitet mich für den Tag. Ignatius sagt, jeder soll die Form des Betens wählen, die ihm in der jeweiligen Situation mehr hilft. Um diese Form immer wieder zu finden, hilft mir auch die Geistliche Begleitung. Die Ausbildung für diesen Dienst habe ich selbst gemacht und biete ihn an.
Frage: Sie begleiten Menschen in ihrem Glauben?
Schwester Magdalena: Ja, es ist ein Angebot an Menschen, die im Glauben unterwegs sein wollen, denn ich bin keine Therapeutin oder kein Coach. In Geistlicher Begleitung geht es immer um diese geistliche Dimension des Lebens, also wie bin ich mit Gott unterwegs und wo wirkt Gott in meinem Leben, wohin will er mich führen und wie gestalte ich mein Leben mit Gott? Geistliche Begleitung heißt: Ich höre zu und sage, was ich wahrnehme. Ich rate oder empfehle aber nichts. Ihre eigenen Antworten finden und Entscheidungen treffen, das müssen die Menschen selbst.
Schwester Magdalena Winghofer CJ ist 43 Jahre alt und kommt aus Stuttgart. Nach dem Theologiestudium trat sie in den Orden Congregatio Jesu ein und machte eine Ausbildung zur Pastoralreferentin. In Hannover lebt sie im Haus ihres Ordens am Aegi und ist im Bistum Hildesheim als Quartierseelsorgerin angestellt.
Frage: In Ihrer Gemeinschaft gibt es ein viertes Gelübde, der Sendungsgehorsam. Was bedeutet dieser Gehorsam?
Schwester Magdalena: Wir Schwestern der Congregatio Jesu versprechen damit "den besonderen Gehorsam gegenüber dem Papst in Bezug auf die Sendungen". Es bedeutet, dass der Papst auf jede Schwester meiner Gemeinschaft zurückgreifen kann, er hat damit die Möglichkeit, uns zu einer bestimmten Aufgabe irgendwohin zu berufen. Das gleiche Versprechen legen auch Jesuiten ab. Mir ist aber kein Fall meiner Gemeinschaft bekannt, wo der Papst davon schon einmal Gebrauch machte. Dieses Versprechen drückt mehr meine Bereitschaft dazu aus, dass ich mich weltweit einsetzen lasse für das, wofür Gott mich braucht. Diese Grundhaltung unseres Lebens beschreiben wir als Verfügbarkeit. Sie war und ist für mich ein wichtiger Teil meiner Berufung als Ordensschwester: Ich will mich und meine Begabungen zur Verfügung stelle. Mit allem, was ich bin und habe, gehöre ich Gott. Er ist die Mitte und das Ziel meines Lebens. In allen Bereichen. Mein ganzes Leben ist auf ihn ausgerichtet. Das macht für mich das Ordensleben aus. Und das zeigt sich für mich auch in der Bereitschaft, weltweit unterwegs zu sein und mich immer wieder auf neue Menschen, Situationen und Aufgaben einzulassen.
Frage: Könnte das nicht auch als eine Form der Abhängigkeit oder sogar Unterwürfigkeit gedeutet werden?
Schwester Magdalena: Nein, ich empfinde mich nicht als unterwürfig, sondern ich mache das freiwillig. Niemand hat mich dazu gezwungen. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, als ich in meine Gemeinschaft eingetreten bin. Ich wollte nicht "mein eigenes Ding machen" im Leben. Sondern ich wollte Teil von etwas Größerem sein. Mir ist es wichtig, nicht nur für mich zu leben, sondern mich einem größeren Ganzen zur Verfügung zu stellen. Für die Aufgabe, für die ich gebraucht werde. Keine Oberin schickt mich einfach irgendwohin oder gibt mir eine Aufgabe, die ich nicht erfüllen kann, sondern das ist immer ein Gesprächsprozess und ein gemeinsames geistliches Unterscheiden, wohin Gott uns und mich jetzt ruft. Und dabei ist es auch meine Verantwortung, zu sagen, was ich kann, wofür mein Herz brennt und auch wo meine Grenzen sind.
Frage: Sie arbeiten als "Projektreferentin Kirche im Neubaugebiet" im Bistum Hildesheim. Was erleben Sie konkret, wenn Sie Menschen begleiten?
Schwester Magdalena: Ich verstehe mich als Seelsorgerin für alle Menschen hier, unabhängig von ihrer Konfession oder Weltanschauung. Als ich hier vor drei Jahren ankam, gab es fast nur Baugruben und Kräne. Jetzt leben schon rund 3.500 Menschen hier. Ich haben einen Nachbarschaftskaffee für Senioren ins Leben gerufen und einen Mobilen Spielplatz für Kinder, weil es noch keine Spielplätze gab, und bin immer wieder auch Anlaufstelle für Menschen in sozialen Nöten. Vor allem aber ist meine Aufgabe ein Da-Sein. Ich gehe öfters einfach so im Quartier spazieren, bin ansprechbar. Auch da geht es darum, mich zur Verfügung zu stellen. Ich habe nicht das Ziel, möglichst viele Menschen dort zu missionieren. Ich begegne den Menschen, wie sie sind, ohne Hintergedanken und versteckte Absichten. Sonst würde ich das Vertrauen der Menschen sofort verlieren – zu Recht. Mir ist die Freiheit unglaublich wichtig: Ich mache ein Angebot – und die Menschen entscheiden, ob sie das annehmen. Da kann es auch vorkommen, dass zu einer Veranstaltung niemand kommt.
Frage: Verunsichert Sie das?
Schwester Magdalena: Nein, denn nur ein geringer Teil der Menschen, die dort in der Wohnsiedlung leben, ist katholisch. Die Adressen von Katholiken bekomme ich über das Meldewesen und nutze die Gelegenheit für den Kontakt. Wenn sie neu zuziehen, versuche ich sie persönlich zu begrüßen. Ich klingle bei ihnen an der Tür und wenn ich Glück habe, öffnet jemand und ich gebe ihnen einen Begrüßungsbrief der Gemeinde und stelle mich kurz vor und auch meine Einrichtung. Mein Arbeitsplatz hier im Quartier ist kein Gemeindehaus und keine Kirche, sondern ein Ladenlokal mitten im Wohnblock. Manchmal kommt dann auch mal jemand vorbei. Meistens entstehen Gespräche und Beziehungen so mitten im Alltag: auf der Straße oder im Supermarkt reden wir über Gott und die Welt, über das, was die Menschen bewegt und was sie erleben. Vor allem höre ich viel zu. Auf diese Weise bin ich Kirche im Quartier.
