Luisa Maurer über das Sonntagsevangelium

Wie das Evangelium mich zum Weinen ermutigt

Veröffentlicht am 21.03.2026 um 09:30 Uhr – Lesedauer: 
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Trier ‐ "Da weinte Jesus" – so heißt es diesmal im Sonntagsevangelium. Luisa Maurer kennt diesen Moment, wenn man versucht, sich die Tränen zu verdrücken. Beim Lesen des Textes fragt sie sich, was Tränen bringen können.

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Ich ringe nach Luft und bemühe mich langsam und gleichmäßig zu atmen. In meinem Hals macht sich ein Gefühl breit, als hätte ich einen Kloß verschluckt. Mein Magen zieht sich zusammen. Und meine Augen füllen sich langsam mit Tränen. Weinen ist kein angenehmes Gefühl für mich. Und meistens setze ich alles daran, es zu vermeiden, dass die Tränen mir über die Wangen laufen. Ich zeige mich ungerne schwach, emotional und angreifbar. Oft gelingt mir das ohne Mühe. Und dann gibt es die Momente, in denen ich näher am Wasser gebaut bin. Dann rühren mich Situationen und Menschen mehr an – und ja manchmal auch zu Tränen. Wenn meine Freundin anruft und mir erzählt, dass ihre Mutter nach einem Notfall auf dem Weg ins Krankenhaus ist; wenn mir ein Kollege sagt, dass einfach gerade zu viel Abschiednehmen angesagt ist; wenn sich eine befreundete Familie um die Gesundheit ihres Sohnes sorgt, dann kämpfe ich manchmal selbst mit den Tränen.

An all die Momente, in denen ich sie in den vergangenen Tagen und Wochen zurückgehalten habe, denke ich heute bei der Geschichte, in die mich das Evangelium eintauchen lässt. Die Schwestern Maria und Marta sorgen sich um ihren Bruder Lazarus. Er stirbt letztendlich und sie trauern um ihn. Als Maria Jesus begegnet, kann oder will sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie weint. Und mit ihr die Juden, die sie begleiten. "Als Jesus sah, wie sie weinte, […] war er im Innersten erregt und erschüttert." Ihm ist das Gefühl offenbar nicht fremd, wie sich das anfühlt, wenn ein Mensch kurz vor dem Weinen ist. Er lässt sich vom Schicksal des Lazarus und von der Trauer der Schwestern anrühren. Und schließlich heißt es dann: "Da weinte Jesus."

Gründe zum Weinen gibt es genug

Menschen können weinen, um das Auge zu schützen und zu reinigen, sagt die Wissenschaft. Warum wir aber auch aus emotionalen Gründen weinen können, das weiß sie nicht genau. Wahrscheinlich können das nur Menschen. Mich berührt das: Ein Gott, der in Jesus so sehr Mensch wird, dass er sogar mit den Menschen weint. Und noch mehr. Am Ende wird er sogar so sehr Mensch, dass er wie Lazarus stirbt.

Das heutige Evangelium ermutigt mich, mich wie Jesus von den Menschen anrühren zu lassen. Anlass für Tränen gibt es in unserer Welt genug. Und ich kann und will nicht den ganzen Tag nur weinen. Aber ab und zu drückt es aus, dass ich Mensch und auch Mitmensch bin. Vielleicht kann das ja auch reinigen und schützen, wenn ich mit anderen weine und wenn ich darauf vertraue, dass auch Gott sich von diesen Tränen anrühren lässt. Ich hoffe, dass Gott jede Träne mit mir weint, meinen Tod mit stirbt. Und dass er meine Tränen trocknet (vgl. Offenbarung 21,4-5) und mich, wie Lazarus auch im Tod nicht allein lässt.

Evangelium nach Johannes (Joh 11, 3–7.17.20–27.33b–45)

In jener Zeit sandten die Schwestern des Lázarus Jesus die Nachricht: Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank. Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. Jesus liebte aber Marta, ihre Schwester und Lázarus. Als er hörte, dass Lázarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt. Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.

Als Jesus ankam, fand er Lázarus schon vier Tage im Grab liegen. Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen. Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag. Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

Jesus war im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab.

Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte zu ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg.

Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lázarus, komm heraus!

Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen! Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

Die Autorin

Luisa Maurer arbeitet als Pastoralreferentin im Bistum Trier und ist Rundfunkbeauftragte des Bistums für den Saarländischen Rundfunk und das Deutschlandradio.

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