Verfügung aus den zehn Geboten

Trotz Verbot aus der Bibel: Warum es im Christentum Gottesbilder gibt

Veröffentlicht am 09.05.2026 um 12:00 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ In der Bibel steht es ganz klar: "Du sollst dir kein Kultbild machen." Trotzdem strotzt das Christentum vor Gottesbildern. Wie kann das sein? Eine historische Spurensuche zur Besonderheit des Christentums.

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Hoch über dem Petersplatz segnet ein Jesus Christus aus Travertin die etwa 20.000 Menschen, die die Kirche im Zentrum der katholischen Christenheit jeden Tag besuchen. Ein ähnliches Bild in der Kopenhagener Frauenkirche: Dort segnet der auferstandene Christus von Bildhauer Berthel Thorvaldsen die Gläubigen. Zwei ikonische Jesus-Darstellungen, die viele Menschen im Kopf haben – und gegen eines der zehn Gebote verstoßen. Oder?

"Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde" (Ex 20,4), heißt es in den zehn Geboten. Wie aktuell dieses Gebot gerade zu der Zeit war, als Mose auf den Berg Sinai gestiegen war, um die Gebote zu empfangen, zeigt das Verhalten des Volkes Israel: In Ermangelung einer Repräsentation Gottes gossen sie ein goldenes Kalb, das sie verehrten. Moses ließ es einschmelzen, zu Staub zerreiben und, diesen Staub in Wasser aufgelöst die Menschen trinken.

Die Umstände des Bilderverbots zeigen schon, in welchem Spannungsverhältnis das Gottesbild der Bibel steht: Denn einerseits ist Gott unverfügbar, andererseits haben Menschen aber auch gern etwas, an dem sie sich festhalten. "Die biblische Überlieferung verlegt einen Konflikt in die Wüstenzeit, der augenscheinlich immer wieder in der Geschichte des Volks aufflammte", schreibt dazu der Leipziger Praktische Theologe Alexander Deeg. "Aus exilisch-nachexilischer Zeit finden sich Spottverse auf jene, die sich aus Holz oder Metall selbst einen Gott bauen und diesen anbeten. Dass solche Polemik nötig war, ist Indiz dafür, wie wenig selbstverständlich es war, keinen Götzen zu haben und anzubeten."

Verbindung zum ersten Gebot

Das Bilderverbot steht dabei in enger Verbindung zum Vers direkt davor: "Du sollst neben mir keine anderen Götter haben." (Ex 20,3) Das Verbot des Gottesbildnisses hat also auch etwas mit dem Monotheismus zu tun. Denn Bilder, das weiß auch die Bibel, sind mächtig. "Das Bild wird kritisiert, nicht etwa weil es ohnmächtig ist, unfähig, den wahren Gott abzubilden, sondern weil es allzu mächtig ist, weil es immer schon andere Götter repräsentiert, ganz egal, was es darstellt", formuliert es der Religionswissenschaftler Jan Assmann. Das Abbild entwickelt also schnell eine Eigendynamik, entfernt sich von seinem Ursprung, wird zum Fetisch. Der Verzicht auf Abbilder soll also auch der Konzentration auf den einen Gott dienen. Assmann nennt das Bilderverbot den "Inbegriff oder die Signatur des Monotheismus". Gott gibt in diesem Zusammenhang selbst an, eifersüchtig zu sein: "Denn ich bin der HERR, dein Gott, ein eifersüchtiger Gott: Ich suche die Schuld der Väter an den Kindern heim, an der dritten und vierten Generation, bei denen, die mich hassen; doch ich erweise Tausenden meine Huld bei denen, die mich lieben und meine Gebote bewahren." (Ex 20,5f.)

"Allerdings wäre das biblische Bilderverbot als ein Verbot darstellender Kunst missverstanden", schreibt der evangelische Pfarrer Christian Hohmann in einer Arbeitshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dazu. Das ist der entscheidende Moment: Das Judentum wie der Islam haben das Bilderverbot dahingehend interpretiert, dass es keine Bilder von Gott geben darf. Nachdem die Römer im sechsten Jahrhundert den Jerusalemer Tempel zerstört hatten, gab es dort nach dem Wiederaufbau keine Bilder mehr. Vorher hatte dort laut der Überlieferung die Bundeslade gestanden. "Das leere Allerheiligste ist religionsgeschichtlich ungewöhnlich (wenn auch nicht singulär), gleichzeitig aber eine theologische Notwendigkeit", führt Deeg aus. "Denn im Bilderverbot geht es um die Bewahrung einer zweifachen Freiheit: der Freiheit Gottes und der Menschen. Gott lässt sich nicht auf Bilder festlegen, die sich Menschen von ihm machen – weder auf gegossene goldene Kälber noch auf Sprachbilder."

An Sprachbildern ist die Bibel dagegen äußerst reich. Mal wird Gott als Hirte bezeichnet, dann als Richter, König, Vater oder Mutter. Aber dies ist eine andere Art von Bild, schreibt Assmann: Denn in einer Buchreligion wie dem Judentum kommt dem Wort nun mal eine ganz besondere Bedeutung zu. In einer Welt voller paganer Götterbilder, Nymphen und Faun ist sie der Gegenentwurf: "Es geht nicht nur darum, die Welt zu entbildern und zu entzaubern, sondern vor allem darum, etwas anderes an ihre Stelle zu setzen: die Tora. Die Tora ersetzt die Bilder, macht sie überflüssig. Wo Bild war, soll Tora werden. Wo Bild ist, kann Tora nicht sein."

Wegkreuz mit Jesusfigur aus Holz am Wegesrand mit Blick auf ein Weindorf im Hintergrund.
Bild: ©Canva

In Jesus ist Gott Mensch geworden.

Das ist auch der springende Punkt für die Debatte im Christentum. Denn das Christentum hat nicht nur ein Buch, Gott hat sich den Menschen nicht nur in einer Schrift offenbart, sondern er ist Mensch geworden. Diese menschliche Seite Gottes darzustellen, war für viele Christen von Anfang an kein Problem. "Das Christentum setzt nicht die Bilder, sondern etwas ganz Neues an die Stelle der Tora, eine neue Offenbarung, die die alte aufhebt", so Assmann. "Die Quintessenz der Tora: Gottes- und Nächstenliebe wird beibehalten. Diese Quintessenz wird aber jetzt mit anderen Mitteln praktiziert: nicht mit denen des Gesetzes, der Verfassung, und damit der Ausgrenzung aus den Völkern, sondern mit den Mitteln des Glaubens und der Gnade." In einer Welt der Gnade darf es auch wieder Bilder geben. Deeg formuliert es so: "Das 'Bild' Jesus Christus legt Gott nicht fest. Im Gegenteil: Jesus Christus nimmt die Glaubenden in die Dynamik des Handelns des Gottes Israels mit."

Dennoch ist das Alte Testament im Christentum ja nicht aufgehoben, es steht neben dem Neuen. Dementsprechend finden sich Gedanken für und gegen Bilder in der Bibel und damit auch im Christentum. Das sorgt seit vielen Jahrhunderten für Auseinandersetzungen, denn die Grundproblematik bleibt, schreibt der Siegener Theologe Georg Plasger mit Verweis auf Ludwig Feuerbach: "Der Mensch schuf sich Gott nach seinem Bilde. Der Mensch macht sich sein eigenes Gottesbild, er nimmt sich die Züge Gottes heraus, die ihm genehm sind – und andere Züge Gottes, die uns nicht so sehr passen, werden zumindest an den Rand geschoben."

Frühe Jesusbilder

Dementsprechend sieht die Rezeption des Bilderverbots im Christentum aus: Schon die frühen Christen malten Jesusbilder, schreibt der Kirchenhistoriker Gregor Emmenegger: "Einige Beobachtungen bestätigen die Annahme, dass die frühen Christen das Bilderverbot nicht in einem allgemeinen, sondern in einem engeren Sinn ausgelegt haben: Verboten sind Statuen und besonders deren Verehrung und Anbetung, nicht aber generell alle Bilder." Gleichzeitig gibt es seit Alters her Streit, Streitschriften gegen Bildnisse werden geschrieben, während sich Symbole wie der Fisch oder der gute Hirte ganz selbstverständlich auf Alltagsgegenständen finden. Dann der große Konflikt: Zwischen dem frühen achten und der Mitte des neunten Jahrhunderts werden im Rahmen des Byzantinischen Bilderstreits Ikonen gleichermaßen verehrt wie zerstört. Am Ende siegen die Bilder. Kirchenvater Gregor der Große schreibt im sechsten Jahrhundert an einen eifrigen Bilderfeind: "Wir loben es zwar, dass Ihr Eifer gegen die Anbetung von Menschenwerken gehabt habt, aber müssen Euch doch sagen, dass Ihr diese Bilder nicht hättet zertrümmern sollen. Denn darum werden in den Kirchen Gemälde verwendet, damit die des Lesens Unkundigen wenigstens durch den Anblick der Wände lesen, was sie in Büchern nicht zu lesen vermögen." Dieser didaktische Gedanke bewegt auch Reformator Martin Luther, der deshalb Bildern als pädagogischem Mittel durchaus etwas abgewinnen kann. Aufsehen erregen dagegen die Bilderstürme zu dieser Zeit, wo Altäre und Heiligenstatuen zum Teil mit Waffengewalt vernichtet werden.

Diese verschiedenen Perspektiven ziehen sich durch die Zeit bis in die Gegenwart. Noch 2024 wurde in Linz eine Marienfigur geköpft, weil sie die Muttergottes als Gebärende Frau darstellte. Dagegen stehen die vielen abstrakten Bilder von Gott, die heute auch in Kirchen hängen. Eine Lösung schlägt Plasger vor. Jeder Mensch mache sich sein ganz eigenes Gottesbild: "Aber entscheidend ist, dass wir uns dieser grundsätzlichen Gefahr bewusst sind und ihr zu begegnen versuchen. Vor allem dadurch, dass wir uns der vielen verschiedenen Bilder aussetzen, mit denen uns die Bibel Gott zumutet." An Gottesbildern wird es also auch in Zukunft nicht mangeln.

Von Christoph Paul Hartmann