Über die Kirche, den Glauben und den Kölner Kardinal

Kerkeling: Glaube nicht, dass ich nochmal in die Kirche eintrete

Veröffentlicht am 26.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Joachim Heinz (KNA) – Lesedauer: 

Köln ‐ Am Donnerstag läuft Hape Kerkelings neuer Kinofilm "Horst Schlämmer sucht das Glück" bundesweit in den Kinos an. Höchste Zeit für ein Gespräch über ein paar grundlegende Dinge und einen besonderen Gastauftritt.

  • Teilen:

Die Regieanweisungen der PR sind klar: Keine privaten Fragen an Hape Kerkeling. Und bitte auch nichts Politisches. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zum Start von "Horst Schlämmer sucht das Glück" gibt sich Kerkeling entspannt. "Das werden Sie schon machen", sagt er, nimmt noch ein Stück Traubenzucker und schon kann's losgehen.

Frage: Herr Kerkeling, "Ganz Deutschland hat Rücken, und zwar im Gesicht". So fasst Horst Schlämmer die Lage zusammen. Ist es hierzulande wirklich schlimmer als beispielsweise in Italien oder in den Niederlanden?

Kerkeling: Naja, der Deutsche ist insgesamt in Europa und der Welt nicht für seine Lockerheit, Entspanntheit und Witzigkeit bekannt. Das ist nun mal so.

Frage: Das heißt?

Kerkeling: Der Deutsche hat grundsätzlich eher mittelgute Laune. Wenn auf die mittelgute Laune jetzt auch noch eine Pandemie kommt und eine Weltkrise, dann ist das natürlich nicht dazu geeignet, diese mittelgute Laune zu verbessern. Stattdessen gehen die Mundwinkel noch weiter runter. Ich glaube, deswegen steht Deutschland so besonders pampig mitten in Europa herum. Das war einer der Gründe, warum wir gesagt haben: "Der Horst Schlämmer muss nochmals antreten in seiner unverblümten Lockerheit und mit all seinen Defiziten und versuchen, die Situation zu verbessern." Verschlechtern kann er sie nicht mehr.

Frage: Der stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts reist für seine Suche nach dem Glück auch in den Osten Deutschlands. Fühlt sich der Rheinländer Horst Schlämmer den Menschen im Osten in irgendeiner Weise verbunden?

Kerkeling: Auf jeden Fall. Der Horst ist ein Underdog, und viele Menschen im Osten fühlen sich auch als solche Underdogs. Und das vielleicht auch zurecht. Insofern gibt's da eine Parallele.

Frage: Wie verliefen die Dreharbeiten in Dresden?

Kerkeling: Wir haben so früh morgens gedreht, dass wir quasi für uns alleine waren. Ab dem Moment, wo der Platz dann tatsächlich voll wurde, mussten wir auch verschwinden. Weil: Wenn Horst Schlämmer auftaucht, ist es so, als würde man Mickey Mouse in Disneyland treffen.

„Die Presse ist der größtmögliche Ausdruck für Freiheit und Demokratie. Insofern ist Journalismus genauso wichtig wie die Politik oder wie Gerichte.“

—  Zitat: Hape Kerkeling

Frage: Horst Schlämmer ist nicht unbedingt ein Vorzeige-Journalist – wie erleben Sie die echten Vertreter seines Berufsstandes?

Kerkeling: Die Presse ist der größtmögliche Ausdruck für Freiheit und Demokratie. Insofern ist Journalismus genauso wichtig wie die Politik oder wie Gerichte. Man kann das gar nicht hoch genug schätzen. Das gilt übrigens auch für Unterhaltungsjournalisten oder die Journalisten einer Gartenzeitung. Jede freie Berichterstattung ist unterstützenswert und wichtig.

Frage: Werden die Journalisten dieser Rolle gerecht?

Kerkeling: Ich glaube, die allermeisten schon. Wobei ich bei so manchem politischen Journalisten einen gewissen Unwillen zum harten Nachfragen sehe. Viele dieser Journalisten glauben, ihre Arbeit erschöpfe sich darin, dass sie beschreiben, was ist – ohne kritisch zu hinterfragen. Ich glaube, das ist ein falsches Verständnis von politischem Journalismus. Politischer Journalismus muss da, wo Freiheit und Demokratie bedroht sind, sehr kritisch nachfragen und nicht nur darüber berichten.

Frage: Der klassische Journalismus gerät vor allem durch die Sozialen Medien unter Druck. Und Instagram, Tiktok und Co wiederum setzen die Nutzer unter Druck, jetzt bitteschön ganz intensiv nach dem Glück zu suchen, damit sie es auch so toll haben wie die vielen Influencer. Was halten Sie davon?

Kerkeling: Soziale Medien richten sich nach individuellen Bedürfnissen aus. Das ist einerseits faszinierend. Als Kind hätte ich es mir gewünscht, dass ich den ganzen Tag nur das Kasperle von morgens bis abends sehe. Heute ist das möglich. Aber heute bin ich erwachsen, ich will was anderes sehen als nur das Kasperle. Es ist also einerseits eine positive, andererseits aber auch eine erschreckende Entwicklung, von der wir nicht wissen, wo sie tatsächlich hinführt. Und alles, was unreguliert vor sich hin eiert, ist gefährlich.

Frage: Aber kriegen wir das überhaupt noch in den Griff – selbst wenn wir die Sozialen Medien stärker regulieren würden?

Kerkeling: Das weiß ich nicht, aber man sollte es versuchen. Wir können ja nicht einfach alles laufen lassen. Das wäre das Gegenteil von Demokratie.

Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg
Bild: ©Warner

Über sein Verhältnis zur Kirche: "An meinem 16. Geburtstag bin ich zum Amtsgericht von Recklinghausen und bin aus der katholischen Kirche ausgetreten. Das ist schon ein paar Tage her. Seitdem habe ich keinen Grund mehr erkannt, um wieder einzutreten."

Frage: Tahnee, sozusagen Sidekick im neuen Film mit Horst Schlämmer, verkörpert eine neue Generation von Comedians. Wie schaut es aus im Humorreservat Deutschland. Ist es schneller, flotter, frecher oder sogar böser geworden?

Kerkeling: Vielfältiger! Es gibt viele Nischen, viele Sparten, jeder bedient sein eigenes Publikum. Ich finde, dass wir inzwischen eine ganz ordentliche Humorlandschaft haben.

Frage: Horst Schlämmer ist der von Tahnee verkörperten Schauspielerin Gabi Wampel verfallen, die ihre große Zeit in den 80er und 90er-Jahren hatte, Warum haben wir aktuell gerade so viel Sehnsucht nach diesen beiden Jahrzehnten?

Kerkeling: Als ich Jugendlicher war, gab es eine Rückbesinnung auf die 1920er-Jahre. Das war so in den 70ern und 80ern. Da lagen die 20er ungefähr 50, 60 Jahre zurück und jetzt sind wir fast schon in einem ähnlichen Abstand zu den 80er- und 90er-Jahren. Die gelten heute im Rückblick als goldene Jahre, genauso wie damals die goldenen 20er. Wobei man gern ausblendet, was es da an Problemen gab.

Frage: An welche denken Sie?

Kerkeling: Eines der Hauptprobleme damals war Aids. Dann natürlich auch der Kalte Krieg. Aber nichtsdestotrotz haben viele Menschen das Gefühl: Das waren besondere Jahre. Was vielleicht auch an der Musik liegt.

Frage: An welche positiven Dinge erinnern Sie sich in den 80er und 90er Jahren?

Kerkeling: Natürlich an den Fall der Mauer. Da dachte man: Ok, die bösen Zeiten sind vorbei, das Paradies ist nahe. Das war eine völlige Fehleinschätzung. Ich stelle mit einer gewissen Bitternis fest: Das war wirklich naiv. Da ging das Theater erst los!

Frage: Jetzt haben wir den Salat...

Kerkeling: Ja, jetzt haben wir den Salat. Überlegen Sie sich was, wie wir da wieder rauskommen! Sie sind Journalist, ich bin nur Komiker.

Kardinal Woelki lacht
Bild: ©KNA/TheoBarth

"Ich habe dann dem Kardinal erklärt: Sie kennen ja die Figur, die lässt sich nicht festlegen. Das Überraschende bleibt", so Kerkeling.

Frage: Das sollten vielleicht besser die Politiker machen... Lassen Sie uns lieber noch über den Kölner Erzbischof sprechen. Kardinal Rainer Maria Woelki ist in Kirchenkreisen nicht unbedingt als komödiantisches Talent verschrien. Wie haben Sie ihn bei den Dreharbeiten erlebt?

Kerkeling: Also: Es war ja klar, dass, wenn man einen Film über das Glück dreht und Horst Schlämmer als Rheinländer durch diesen Film führt, auch die Frage nach dem Glauben auftaucht. Und da der verantwortliche Bischof der Kardinal Woelki ist, lag es nahe, seine Eminenz zu einem Interview zu bitten. Ich war überrascht: Aber er hat's gemacht, ich glaube sogar, er hat es gerne gemacht.

Frage: Wie wurde der Kardinal auf die Begegnung mit Horst Schlämmer vorbereitet?

Kerkeling: Dass es ums Glück geht und um Horst Schlämmer, war ja nun klar. Ich glaube, sein Umfeld hätte gern noch genauer gewusst, was auf ihn zukommt. Ich habe dann dem Kardinal erklärt: Sie kennen ja die Figur, die lässt sich nicht festlegen. Das Überraschende bleibt. Und darauf hat er sich dann eingelassen.

Frage: Wie blicken Sie – vielleicht auch nach dieser Begegnung – auf die katholische Kirche?

Kerkeling: An meinem 16. Geburtstag bin ich zum Amtsgericht von Recklinghausen und bin aus der katholischen Kirche ausgetreten. Das ist schon ein paar Tage her. Seitdem habe ich keinen Grund mehr erkannt, um wieder einzutreten. Auch wenn ich getauft bin, zur Erstkommunion gegangen bin, gefirmt bin – und auch die letzte Ölung will ich nicht ausschließen – glaube ich nicht, dass ich nochmal eintrete. Die katholische Kirche glaubt, dass ich mich ändere – allerdings bin ich es, der hofft, dass sich die katholische Kirche verändert.

Frage: Was müsste sich denn ändern?

Kerkeling: Da machen wir noch mal ein extra Interview.

Frage: Interesse ist hiermit angemeldet. Aber dann vielleicht generell die Frage. Können Religion und Glaube überhaupt glücklich machen?

Kerkeling: Alles, was glücklich macht, kann auch missbraucht werden. Der Glaube ist mit das mächtigste Instrument auf diesem Planeten, um Menschen einerseits glücklich zu machen oder eben auch das Gegenteil zu bewirken. Der Mensch irrt, der Mensch hat einen freien Willen – deswegen führt das alles nicht automatisch zum Glück. Mich persönlich macht mein Glaube glücklich...

Bild: ©katholisch.de/msp

"Die Menschen treten ja nicht aus der Kirche aus, weil sie nicht mehr an den lieben Gott glauben, sondern weil sie nicht mehr an seine Vertreter glauben", sagt Kerkeling.

Frage: ...,der aber losgelöst ist von kirchlichen Bindungen?

Kerkeling: Nein, natürlich nicht. Ich bin gelernter Katholik. Ich kann ja nicht verleugnen, dass ich katholisch erzogen und mit allen Segnungen dieser Kirche versehen bin.

Frage: Das Katholische kriegt man nicht mehr raus?

Kerkeling: Will ich auch gar nicht. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich in dieser Hinsicht indoktriniert wurde oder mit Propaganda belegt wurde. Nein nein, da hat schon vieles sehr viel Sinn gemacht.

Frage: Sie leben seit einiger Zeit wieder im Rheinland – inwiefern ist die Atmosphäre beispielsweise in Köln von der Kirche geprägt?

Kerkeling: Die Art und Weise, wie in Köln der katholische Glaube verankert ist, ist nicht das Ungesündeste – und könnte ein gutes Beispiel für die Weltkirche sein.

Frage: Aber wird das nicht verschwinden, wenn immer mehr Menschen aus der Kirche austreten?

Kerkeling: Die Menschen treten ja nicht aus der Kirche aus, weil sie nicht mehr an den lieben Gott glauben, sondern weil sie nicht mehr an seine Vertreter glauben.

„Ich bin gelernter Katholik. Ich kann ja nicht verleugnen, dass ich katholisch erzogen und mit allen Segnungen dieser Kirche versehen bin.“

—  Zitat: Hape Kerkeling

Frage: Nach "Horst Schlämmer – Isch kandidiere!" und dem aktuellen Film wollen die Ersten möglicherweise schon wissen, was als Nächstes kommen könnte. Müsste einer wie Horst Schlämmer nicht auch mal im britischen Königshaus die Dinge geraderücken? Die Frage geht auch an den mutmaßlichen Urenkel des englischen Königs Edward VII.

Kerkeling: Ich bin mir nicht sicher, ob seine Oxford-Englisch-Kenntnisse ausreichen, um der Sache genügend Nachdruck zu verleihen.

Frage: Er könnte es ja auch auf Deutsch probieren.

Kerkeling: So königshausaffin ist Horst Schlämmer, glaube ich, nicht. Der ist eher bei den ganz handfesten Themen vom Schützenfest bis zum Bieranstich im Herbst.

Frage: Ich hatte schon Bilder im Kopf...

Kerkeling: Ich auch!

Frage: Wie sieht ein glücklicher Tag für Hape Kerkeling aus?

Kerkeling: Für Harald Juhnke sah ein glücklicher Tag so aus: Den ganzen Nachmittag frei und leicht einen im Tee. Dem will ich nicht widersprechen. Aber: Ein glücklicher Tag kann auch sein, wenn man so wie heute um 6 Uhr aufsteht, einen Wahnsinns-Sonnenaufgang über Köln erlebt und das Gefühl hat, die Serengeti beginnt hinter dem Dom. Das ist schon ein Glücksgefühl!

Von Joachim Heinz (KNA)