Schwester Elisabeth Muche über das Sonntagsevangelium

Palmsonntag stößt vor den Kopf

Veröffentlicht am 28.03.2026 um 09:30 Uhr – Lesedauer: 
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München ‐ Aus dem "Hosanna" wird wortlose Ohnmacht: Der Palmsonntag in seiner Dynamik fordert Elisabeth Muche heraus. Am Ende ist ein Schrei – und die Frage, wem und was wir in der Karwoche Aufmerksamkeit schenken.

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Der Tod Jesu klickt nicht. Dieser versehrte Mensch am Kreuz generiert keine Aufmerksamkeit. In seiner Zeit, in seiner Welt. Da, wo die Gewalt zuschlägt, ihn mit Nägeln durch Haut und Knochen ans Holz schlägt, ist Jesus allein. Die Freunde sind geflohen, die Sympathisanten verwirrt, die Herrschenden kommentieren von Ferne. Ein paar Spötter spotten im Vorbeigehen. Ihr Zynismus hallt noch über den Todesschrei hinweg: "Soll doch Gott ihn retten."

Wir kennen diese Szene. Wir waren schon oft da, wenn wir den Kreuzweg beten, wenn wir die Passion hören wie heute am Palmsonntag. Die Liturgie zwingt unsere Aufmerksamkeit dorthin, wo keiner hinschauen will, dorthin, wo es einsam wird um den leidenden Menschen. Und ich, in der Kirchenbank, reagiere darauf: Puh, anstrengend. Ich möchte vorspulen, durchscrollen, die Überschriften reichen doch. Ich weiß doch, was los ist.

Wenn wir heute Palmsonntag feiern, dann feiern wir den Durchbruch von Jesu Botschaft. Jesus, auf seiner Eselin in Szene gesetzt, muss nicht einmal den Mund auftun. Der Funke springt über, die Bilder gehen viral, die Straßen Jerusalems tanzen: Die Liebe herrscht, und kein Machthaber der Welt kann sie besiegen. Hosanna. Dieser Botschaft sind wir Christen bis heute verpflichtet, mehr denn je in einer versehrten Welt – mit aller Kreativität, mit aller Begabung für Wort und Bild.

Doch genauso sind wir dem Kreuz verpflichtet, zu dem uns die Liturgie dieses Tages führt. Da, entblößt und stumm, tritt eine andere Logik in Kraft. Eine Logik, die mit dem Aufmerksamkeitskapitalismus bricht.

Ein Aufmerken, das Zeit braucht

Der Palmsonntag in seiner Dynamik stößt mich vor den Kopf. Wenn ich bis zum Schluss hinhöre, auf-höre, dann stellt sich ein Schweigen in mir ein. Eine wortlose Ohnmacht. Und ein Aufmerken, das Zeit braucht und das ich heute nicht wegwische: Irgendwo in mir, irgendwo weit draußen höre ich einen Schrei. Seinen Schrei.

"Viele Frauen waren da", berichtet Matthäus, "und schauten von Weitem zu". Jesus war also doch nicht allein. Diese Frauen leben und wachen, so glaube ich, in jedem von uns. Sie widersetzen sich der Logik des Lärms. Sie sehen, was im Strom der Reize untergeht. Sie weigern sich, "Geopolitik" oder "Kollateralschaden" zu sagen. Sie interessieren sich mehr für ein einzelnes Menschenleben als für Benzinpreise. Sie lassen sich nicht anheizen, sondern trauern. Sie bleiben da, schauen hin, bewusst und entschieden.

Lassen wir uns mit diesen Frauen hineinnehmen in diese Karwoche und bewusst entscheiden, wem und was wir in dieser Woche unsere Aufmerksamkeit schenken. Und in diesem Aufmerken hinhören auf den vielstimmigen Schrei, in unserer Welt und unserer Zeit.

Evangelium nach Matthäus (Mt 21,1–11)

Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Bétfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger aus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir!

Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald  zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist sanftmütig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.

Die Jünger gingen und taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie und er setzte sich darauf.

Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf dem Weg aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm nachfolgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!

Als er in Jerusalem einzog, erbebte die ganze Stadt und man fragte: Wer ist dieser?

Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.

Hinweis: Dieses Evangelium wird zur Feier des Einzugs in Jerusalem ("Palmweihe") vorgetragen, die vor dem Hauptgottesdienst stattfindet. In diesem wird dann die Passion nach dem Matthäus-Evangelium (Mt 26,14–27,66) gelesen.

Die Autorin

Schwester Elisabeth Muche gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist in der Geistlichen Begleitung tätig und arbeitet als Psychotherapeutin in Ausbildung in München.

Ausgelegt!

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