Dogmatiker Dahlke: Sinn hinter Karfreitag muss erklärt werden
Was hat der Karfreitag den Menschen heute noch zu sagen – und was braucht es, damit die Botschaft ankommt? Der Eichstätter Theologe Benjamin Dahlke (43) hat gemeinsam mit Josefa Woditsch aktuell ein Buch über den Karfreitag herausgegeben. Im Interview spricht er über Kommunikationsbedarf und neue Wege.
Frage: Sie haben sich in einer interdisziplinären Tagung intensiv mit dem Karfreitag beschäftigt. Wobei der Karfreitag als Tag von Leiden und Kreuzestod Jesu ja schon seit Jahrhunderten begangen wird. Was gibt es dazu heute Neues zu sagen?
Dahlke: Es gibt dazu viel Neues zu sagen, weil dieser Tag im allgemeinen Bewusstsein immer mehr schwindet. Es gibt am Karfreitag zwar ein Tanzverbot, und er ist ein stiller Tag, aber wenn man durch die Städte und Dörfer geht, wird viel gegrillt und gefeiert. Das Verständnis für den Sinn des Festes schwindet, und deshalb wollten wir mit dieser Tagung noch mal überlegen: Warum ist der Karfreitag für uns heute eigentlich so wichtig?
Frage: Zu welcher Antwort kommen Sie?
Dahlke: Uns ist wichtig, dass der Karfreitag nicht ein isolierter Feiertag ist, an dem irgendetwas gefeiert wird, was mit uns nichts zu tun hat. Das Leiden Jesu am Kreuz, die Vereinsamung, Isolierung und Gottferne, die er vielleicht erlebt hat – das sind Dinge, die mit unserem eigenen Leben viel zu tun haben. Dinge, die Menschen heute immer wieder erfahren. Deshalb wird am Karfreitag etwas deutlich, was unser gesamtes Leben und Sterben betrifft.
Frage: Welche Botschaft impliziert der Karfreitag heute?
Dahlke: Wir sollten ernster nehmen, wie endlich unser Leben ist, wie schnell es abbrechen kann. Deshalb ist es wichtig zu überlegen: Was mache ich eigentlich mit meiner Zeit? Wie kann ich im Bewusstsein des Todes vielleicht noch mal besser leben? Ich glaube, wenn wir uns mehr daran erinnern, sterblich zu sein, vielleicht werden wir dann im Alltag barmherziger, ruhiger und nutzen die Zeit, die wir zur Verfügung haben.
Am Karfreitag wird der Kreuzigung Jesu gedacht.
Frage: Wie muss eine Liturgie an Karfreitag gestaltet sein, damit das spürbar wird?
Dahlke: Das Herbe des Todes sollte sehr deutlich werden. Man sollte nicht zu schnell vom Karfreitag bei Ostern sein, sondern erst einmal Isolierung, Leid und Gottverlassenheit aushalten und sich vergegenwärtigen. Im Leiden Jesu Christi sind Gewalt- und Kriegssituationen ja schon mitgegeben. In den großen Karfreitagsfürbitten bitten wir nochmal ausdrücklich angesichts unserer heutigen Kriegssituation – aber das Leiden ist durch den Blick auf Jesus selbst schon thematisiert.
Frage: Was bedeutet das jenseits der Liturgie für den Alltag von Christinnen und Christen heute?
Dahlke: Wenn man den Karfreitag ernst nimmt, bedeutet er eine Unterbrechung unseres normalen Tuns. Ich muss aus meiner Wohnung, aus meinem Haus zum Gottesdienst gehen. Ich habe dadurch eine Unterbrechung meiner normalen Abläufe. Der Karfreitag bedeutet, dass ich keine Party mache, dass ich keine Leute einlade, sondern wahrnehme, wie isoliert ich bin, dass ich wahrnehme, wie verletzlich ich bin. Dass ich mich mit meiner eigenen Endlichkeit und Einsamkeit konfrontiere. Das sind ja Dinge, die wir in unserem normalen Alltag gerne zuschütten. Deshalb eröffnet der Karfreitag eine riesige Chance, auch für uns selbst. Da sollte man nicht zu schnell wieder eine Deutung drüberlegen, dass ja nach dem Karfreitag selbstverständlich Ostern kommt. Sondern zunächst einmal auszuhalten: So ist mein Leben, das sind meine Grenzen, das ist meine verflossene Zeit. Es geht nicht darum, eine dunkle Sicht auf das Leben zu entfalten, sondern diese Perspektive auf mein Leben zuzulassen.
Frage: Tanzverbote und Sportverbote an Karfreitag erscheinen vielen als aus der Zeit gefallen. Sie sehen das anders?
Dahlke: Der Sinn dahinter muss erklärt werden. Ich glaube, da haben die Kirchen bisher noch nicht so gute Formate gefunden, um das mehr in der Gesellschaft zu transportieren. Neben den Karfreitagsgottesdiensten gibt es etwa in England oder in den Niederlanden auch öffentlich inszenierte Karfreitagsveranstaltungen, die von Fernsehsendern gemacht werden. Da zieht man durch die Städte, das Kreuz wird getragen, es geht um Verrat, um Leid, um Liebe und um das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle, die sich im Karfreitag abbilden. Da wird der Karfreitag genommen, um zu schauen: Wie geht es in unserem Leben, wie geht es in unserer Gesellschaft mit dem, was Jesus am Karfreitag erlebt hat? Ich glaube, da ist seitens der Kirchen noch viel zu tun, um diesen Feiertag im Bewusstsein zu halten und sein Potenzial zu erschließen. Das kann man eben nicht nur in den Gottesdiensten lassen, das muss auf irgendeine Weise mehr in die Öffentlichkeit rein, damit der Feiertag auf Dauer eine Bedeutung hat.
„Kirchengemeinden hätten in der Karwoche die Chance, etwas anzubieten, was mehr in die Breite der Gesellschaft wirken kann.“
Frage: Für Kinder ist der Karfreitag ein schwieriges Thema. Welche Kernbotschaft sollte in Erstkommunionvorbereitung und Religionsunterricht vermittelt werden?
Dahlke: Kinder würde ich nicht unterschätzen. Die erleben ja, dass ihre Großeltern sterben. Die sehen, was im Fernsehen passiert. Sie erleben Trennungen und Leid: Auch Kinder erleben das gesamte Spektrum an Leid im menschlichen Leben – so sollte das Thema, auf kindgerechte Weise vermittelt, auf jeden Fall erhalten bleiben, weil es zum Leben dazu gehört.
Frage: Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?
Dahlke: Kirchengemeinden hätten in der Karwoche die Chance, etwas anzubieten, was mehr in die Breite der Gesellschaft wirken kann als die Aufführung von Passionsmusik etwa von Bach. Nichts gegen die Hochkultur, aber ich glaube, die Kreativität, könnte da noch größer werden: Es könnte aktuellere Formate musikalischen Passionsgedenkens geben, bei denen auch jüngere Menschen gut anknüpfen können, die nicht unbedingt diese hohe Bildungstradition mögen. Da ließe sich schauen, was an Popmusik da ist, die ja auch Themen von Leid und Einsamkeit aufgreift, und wie man sie sinnvoll in einen liturgischen Rahmen einbinden kann. Es geht also darum, mit der Musik auf Christus, den Gekreuzigten, hinzuweisen. Kirchengemeinden sind gefordert, Formen zu finden, mit denen sie die Botschaft des Karfreitags aktualisiert präsentieren können, sodass sie heute verstanden wird. Man kann nicht einfach nur sagen: Der Karfreitag ist ein Feiertag, und der muss bleiben, weil die Gewerkschaften das auch gut finden. Man muss es inhaltlich mehr füllen. Und das ist möglich.
